Stadtkind Stuttgart

Das Europaviertelfest feiert die Vielfalt Zeit für neue Hymnen

Von Björn Springorum 

Feine Bands für lau und kosmopolitisches Essen aus allen Ecken des Kontinents: Das Europaviertelfest reißt vom 16. bis 18. Juni die Festung Europa mit Musik, Food und Kultur ein.

Mystisch, geheimnisvoll, auf dem Weg nach oben: Die Stuttgarter Aust. Foto: Aust 2 Bilder
Mystisch, geheimnisvoll, auf dem Weg nach oben: Die Stuttgarter Aust. Foto: Aust

Stuttgart – Eigentlich schade, was aus dem Eurovision Song Contest geworden ist: Ein multinationales Zanken, ein Ränkespiel der Antagonisten, ein Spielball der politischen Mächte und Interessen. Dabei spielte der Grand Prix Eurovision de la Chanson, wie der Wettbewerb damals recht ungelenk hieß, eine zentrale Rolle beim harmonischen Zusammenrücken Europas nach dem Zweiten Weltkrieg. Nun gut, um Europa ist es dieser Tage auch nicht allzu gut bestellt, aus irgendeinem Grund sind gewisse Menschen wirklich davon überzeugt, dass es doch besser wäre, wieder allen sein Ding durchzuziehen. Höchste Zeit also für gute Nachrichten aus good old Europe, höchste Zeit für neue Europahymnen. Höchste Zeit für Optimismus.

Luft nach oben

Der kommt vom Stuttgarter Kulturverein Urban Culture e.V. Mit seinem Europaviertelfest veranstaltet er zum ersten Mal ein kostenloses Open-Air am Pariser Platz mitten im ansonsten recht sterilen Europaviertel, eine dreitägige Sause vom 16. bis 18. Juni, die Gemeinsamkeiten betonen und kulturelle Vielfalt feiern will. Das ist in einer Multikulti-Metropole wie Stuttgart zwar weniger nötig als anderswo in der Republik. Doch auch hier sehen die Veranstalter Tobias Reisenhofer und Alexander Föll Luft nach oben. „Für uns ist Stuttgart noch lange nicht bunt genug!“, betont Reisenhofer. Wie es bunter wird? Mit guter Musik und gutem Essen natürlich!

Musik, davon verstehen die beiden Veranstalter Tobias Reisenhofer und Alexander Föll eine ganze Menge. Reisenhofer beweist beim Marienplatzfest regelmäßig ein gutes Händchen für feine Bands und Geheimtipps, Föll macht unter dem Namen Sickless selbst Musik, gemeinsam begeisterten sie auch mit dem Stuttgart Festival auf der Messe. Jetzt also ein neues Event, jetzt also Europa im Kessel – und noch dazu an einem Ort, der sonst von großen Bankgebäuden überschattet und von Primark-Tüten auf dem Weg zum Hauptbahnhof verunstaltet wird. „Als zentraler Platz ist der Pariser Platz die Mitte des Quartiers und somit eigentlich ein Ort der Begegnung. Aktuell“, findet Reisenhofer, „ist er aber zu oft menschenleer und trist. Das wollen wir ändern!“

Kommen, hören, lieben

Lokal bis international ist die Auswahl der Bands, die den Platz von Freitag bis Sonntag bespielen, aus Stuttgart ist mit den trippig-düsteren Elektronikern von Aust einer der aktuell spannendsten hiesigen Acts gleich für den eröffnenden Freitag vorgesehen. Reisenhofer: „Unser Ziel war es natürlich, passend zum Thema Europa so viele europäischen Bands wie nur möglich einzuladen. Wir sind dementsprechend sehr zufrieden mit dem musikalischen Line-Up des ersten Europaviertelfestes.“ Aus Österreich sorgen Avec für wohlige Melancholie, der Schweizer Faber zerlegt mal so eben jeden Liedermacher und Straßenmusiker zwischen AnnenMayKantereit und Wanda, Seramic aus Brexit-Großbritannien reißt Mauern mit seinem Mix aus glitzerndem Pop, Hip-Hop und Soul ein. Mit den psychedelischen Groovern von Sonars findet sogar ein italienisch-englisches Konglomerat den Weg ins Europaviertel, aus Deutschland betören Neufundland oder Newmen. Wie beim Marienplatzfest gilt: Kommen, anhören, neue Lieblingsband entdecken.

Spielwiese

Und noch etwas ist ähnlich beim Europaviertelfest: Auch der Gastronomie wird ordentlich Aufmerksamkeit geschenkt, um den Grundgedanken des Festivals nicht nur in den Ohren, sondern auch in den Mägen der Besucher zu verankern. „Unser Ziel ist es, über die Jahre internationale Kulinarik aus ganz Europa anzubieten“, wirft Reisenhofer schon mal einen Blick voraus und schränkt ein: „Im ersten Jahr präsentieren sich jedoch hauptsächlich Stuttgarter Gastronomen mit europäischer Küche.“

Für den Auftakt soll es genügen. Es ist schließlich weder Street-Food-Festival noch klassisches Musikfestival. Das Europaviertelfest ist ein Statement für Stuttgart und für Europa, ein kultureller Treffpunkt, der deswegen auch ganz bewusst kostenlos ist. „Wir möchten mit dem Europaviertelfest einen Rahmen bieten, der alle Menschen einlädt, die Vielfältigkeit dieser Stadt zu erleben und zu feiern.“ Damit sind im Übrigen auch die kleinen Stuttgarter gemeint, die sich von Magiern, Mitmachtheater und Riesenseifenblasen prächtig unterhalten fühlen sollten. „Das Fest ist für uns eine große Spielwiese, die viele Möglichkeiten schafft.“ Und vielleicht entdeckt der eine oder andere nicht nur neue Musik, sondern bei den kostenlosen Quartiersführungen am Samstag und Sonntag auch die eine oder andere schöne Ecke rund um dem Pariser Platz, die bislang verborgen blieb.

www.europaviertelfest.de