Das Jahr 1942 in Stuttgart Eine Stadt im „Jahr der Eskalation“

Soldaten? Zwangsarbeiter? Aus dem Bild erschließt sich nicht ganz klar, wer hier über den Rosenbergplatz marschiert. Aber es ist ein Bild, das für das seltsame Jahr 1942 in Stuttgart steht. Foto: / Stadtarchiv

Die Bilder aus dem Jahr 1942 des unverwüsteten Stuttgarts erzählen nicht die ganze Geschichte: Der Alltag ist von den Auswirkungen des Zweiten Weltkrieges und der menschenverachtenden Brutalität der nationalsozialistischen Machthaber geprägt. Ein Blick in die Chronik.

Stuttgart - Frauen schieben Kinderwagen auf den Straßen, Kinder spielen auf der Gass‘, die Straßenbahn bimmelt durch die Königstraße. Die mehr als 12 000 Bilder aus dem Stuttgart des Jahres 1942 vermitteln hinter dem zeitgeschichtlichen Wert auch eine trügerische Botschaft, die eines normalen Alltags, die einer persönlichen Idylle.

 

Dies verführt manchen zu der Einschätzung, von 1942 als „letztem Friedensjahr“ zu reden, weil die Bilder ein unverwüstetes Stuttgart zeigen, das noch nicht gezeichnet ist von den Wunden, die der Luftkrieg in den Jahren 1943 und vor allem 1944 schlagen wird.

Ein Jahr der Eskalation

Doch die Realität hinter den Fassaden ist eine andere: Es ist Krieg – im Innern und an den Fronten. In Russland und in Nordafrika verliert die Wehrmacht wichtige Schlachten, Juden, Sinti und Roma sowie Gegner des Naziregimes werden in die Konzentrations- und Vernichtungslager geschickt und ermordet, Todesurteile werden von Sondergerichten verhängt und vollstreckt, die Repression im Innern erreicht eine neue Stufe der rassistisch motivierten Brutalität.

„Weil markante Daten in den Jahren 1941 und 1943 liegen, wird 1942 oft als Jahr des Übergangs bezeichnet, doch in Wirklichkeit ist es ein Jahr der Eskalation“, sagt Roland Müller, der Leiter des Stuttgarter Stadtarchivs, das in Zusammenarbeit mit unserer Zeitung die Aufnahmen aus dem Jahr 1942 zeigt.

Deportationen vom Nordbahnhof aus

Der erste Deportationszug mit rund tausend Menschen hatte Stuttgart schon am 1. Dezember 1941 verlassen, 1942 werden vom Nordbahnhof aus fast 1500 Menschen in Konzentrations- und Vernichtungslager geschickt und ermordet – nur wenige Dutzend sollten überleben.

Fast alle Stuttgarter Juden werden im Lauf des Jahres 1942 deportiert, und die wenigen, die noch in der Stadt leben, sind mit Auflagen belegt, die ihre Schutz- und Rechtlosigkeit dokumentieren: An sie dürfen keine Zeitungen verkauft werden, sie dürfen keine öffentlichen Verkehrsmittel benutzen, ihre Wohnungen werden mit einem Judenstern markiert.

Einsatz in Rüstungsbetrieben

„Die Fotos und die reale Situation passen nicht zusammen“, sagt Müller. Die Straßen seien auch deshalb so leer, weil die meisten Männer an der Front sind, und die erwachsene Bevölkerung, Männer wie Frauen, Arbeitszeiten von 48 und mehr Wochenstunden hätten. Im Daimler-Werk, in dem im Herbst 1942 der Fahrzeugbau endgültig zugunsten der Herstellung von Flugmotoren für die Luftwaffe eingestellt wird, ist nur donnerstags schon um 17 Uhr Schluss, damit die Beschäftigten zumindest einmal in der Woche noch Zeit zum Einkaufen haben.

Immer mehr Zwangsarbeiter sind im Einsatz, im Sommer 1942 sind es wohl 20 000 in Stuttgart. 1100 Studenten arbeiten während des Sommers in den Semesterferien in Rüstungsbetrieben, sogenannte „Arbeitsmaiden“ machen Dienst bei den Stuttgarter Straßenbahnen, in Kliniken und Behörden. Damit mehr produziert wird, werden die Feiertage Fronleichnam und Himmelfahrt auf die folgenden Sonntage verlegt.

Sehen Sie hier: So sah Stuttgart 1942 aus

Erste schwere Luftangriffe

Der Krieg mag in seiner menschenverachtenden Brutalität noch fern sein, doch die Boten des Grauens, das kommen wird, sind auch in Stuttgart nah. Immer mehr Familien trauern um Gefallene, Anfang August gibt es an einem Tag allein 16 Todesanzeigen in der Zeitung. Bei Luftangriffen der Royal Air Force kommen im Mai und im November 1942 in Bad Cannstatt, Zuffenhausen und den Filderstadtteilen mehr als 40 Menschen ums Leben, fast 100 werden verletzt.

Im Neckartal und im Talkessel werden Übungen zur Vernebelung abgehalten, beim ersten Versuch wird dabei Obst und Gemüse geschädigt. Das verschärft die kritische Ernährungslage: Um mehr frisches Obst zu haben, soll die Produktion von Most eingeschränkt werden, der Direktverkauf von Obst und Gemüse wird unterbunden. Eine Standbesitzerin in der Markthalle wird zu 100 Mark Strafe verurteilt, weil sie Ware für ihre Stammkundschaft zurückgelegt hat. Die Menschen werden aufgefordert, Bucheckern zu sammeln und Mohn anzupflanzen zur Öl- und Fettgewinnung. Der Gas- und Kohleverbrauch wird reglementiert.

Die Königstraße war damals schon eine häufig frequentierte Einkaufsstraße, wie unser Video zeigt:

Theater, Fußball und Eingemeindung

Freilich gibt es nach wie vor Aufführungen in Theatern und sportliche Wettkämpfe. Am 20. April findet anlässlich des Geburtstags von Adolf Hitler eine Galavorstellung der „Meistersinger“ von Wagner in der Oper statt, die Stuttgarter Kickers werden mit einem 2:1-Sieg gegen den VfB Stuttgart württembergischer Fußballmeister.

Kommunalpolitisch gibt es eine wichtige Änderung: Stammheim und die Filderstadtteile von Vaihingen bis Plieningen werden von Stuttgart eingemeindet. „Einerseits nimmt das Leben scheinbar noch seinen Gang wie in Friedenszeiten, andererseits haben wir eine Eskalation an der Front und im Innern“, sagt Müller über das Jahr 1942, das der württembergische NSDAP-Gauleiter und Reichsstatthalter Wilhelm Murr mit den Worten verabschiedet: „In siegessicherer Entschlossenheit und Kampfbereitschaft marschieren Front und Heimat gemeinsam dem Ziel des gigantischen Kampfes entgegen, der Neuordnung der Welt.“

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