Wer Walter Schultheiß und seine Familie in Wildberg im Schwarzwald besucht, kommt in ein gastfreundliches Haus. Kuchen und Kaffee stehen bereit. Der Hausherr, der von seinen Landsleuten verehrt wird wie ein Volksheld, aber trotzdem absolut bescheiden geblieben ist, wie es bescheidener nicht geht, sitzt locker im braunen Sessel, um aus dessen Tiefen seine Pointen abzufeuern.
Bei einem Besuch lange vor seinem 100. Geburtstag bitten wir ihn, für ein kurzes Video zu erklären, was zu tun ist, um so alt zu werden. Zeitlebens ist es der gebürtige Tübinger als viel beschäftigter Schauspieler gewohnt, vor Kameras auf Knopfdruck zu reden. Der Reflex funktioniert noch tadellos.
Flugs legt er los, faltet die Hände und sagt im ruhigen Ton, aber mit dem Schalk im Nacken: „Ja, ich bin ein geborener Monarchist, weil ich bin mit Kaiserschnitt auf die Welt gekommen. Um so alt zu werden, muss man jeglichen Sport vermeiden. Sport und Turnen füllt Gräber und Urnen.“ Nach einer kurzen Pause fügt er schließlich hinzu: Wenn man länger leben wolle, müsse man halt älter werden. Ach, so einfach ist das.
Der Jahrhundertschwabe hat die schwäbische Seele in allen Facetten verkörpert
100 Jahre Walter Schultheiß. Das Land verneigt sich vor einem Jahrhundertschwaben, der in unzähligen Filmen die schwäbische Seele in allen Facetten verkörpert hat.
Starallüren sind ihm völlig fremd. Lieber zerbeißt er sich die Zunge, als dass er sich selbst lobt und seine Stärken auch nur in einem Halbsatz erwähnt. Wer von ihm wissen will, auf welchen Film er in seinem langen Leben besonders stolz ist, bekommt eine klare Antwort. „Wieso sollte ich stolz sein? Ich hab nur meine Arbeit getan – das machen viele in ihrem Bereich.“
Sein „Bereich“ ist das Schwäbische. Es gab Zeiten, da gefiel es ihm nicht so sehr (auch wenn er es öffentlich nie zugegeben hätte), wenn man ihn einen „Volksschauspieler“ nannte. Klingt das nicht nach heimattümelnd, womöglich nach „Schwobaseggel“? Im Alter sieht man vieles freier. Der Begriff Volksschauspieler ist eine Auszeichnung, die unterstreicht: Das Volk mag ihn!
Zum 100. Geburtstag am 25. Mai feiern ihn seine Fans, schauen gemeinsam Filme mit ihrem Walter an, etwa aus der DVD-Box mit 100 Folgen der 80er-Jahre-Kultserie „Eugen“, die Produzent Frieder Scheiffele herausgibt. Der SWR zeigt von Samstag auf Sonntag die ganze Nacht über Schultheiß-Filme. Der Gefeierte ist am Hundertsten daheim, am liebsten ganz ohne Trubel.
Sein Sohn Götz Schultheiß schirmt ihn zum hochrunden Geburtstag ab. Unser Besuch in Wildberg liegt zurück. Am Telefon aber dürfen wir ihm jetzt noch mal Fragen stellen, die er ganz knapp beantwortet.
Wie er sich mit 100 fühlt? „Wie mit 99“, antwortet er. Was für ihn das schönste Jahrzehnt in 100 Jahren war? „Nach dem Krieg gibt es mehrere Jahrzehnte, die beruflich gut für mich waren“, sagt er. Die Begegnung mit Felix Huby sei für ihn ein Glücksfall gewesen.
Wie er auf die heutige Zeit blickt? „Durch meine Lesebrille“, lautet die Antwort, für die er nicht lange überlegen muss.
Ob es etwas gibt, was er mit 100 bedauert?
Liegt es an den Genen, dass sein Alter nun dreistellig ist? Sein Vater wurde 75, die Mutter 94 Jahre alt. Ob es etwas gibt, was er mit 100 bedauert, nicht getan zu haben? Nach langem Überlegen sagt er: „Bedauern? Nein, da fällt mir nichts ein. Ich bedauere nichts, ich war immer zufrieden.“
Worauf er sich am Samstag freut? „Auf die Familie“ (Sohn, Schwiegertochter und zwei Enkel leben mit ihm im Haus). Vor allem aber freue ihn, dass er über Jahrzehnte vielen Menschen eine Freude machen durfte.
Der Tag seines 100. Geburtstags ist auch sein 74. Hochzeitstag. Sein Wunsch ist es, seine Trudel am Grab zu besuchen, die im November 2021 starb. Wer die beiden traf, spürte sofort die innige und einzigartige Verbundenheit, die das Paar ausgezeichnet und für Jüngere zum Vorbild gemacht hat.
Ob es mit dem Friedhofsbesuch klappt, ist noch offen. Nur mit der Familie wird er seinen 100. Geburtstag feiern. Der Sohn wird das Telefon ausschalten, und allein der Wildberger Bürgermeister darf als Außenstehender kommen. Die Besuche von engen Freunden sind wohldosiert und werden auf Wochen verteilt. Der Journalist Götz Schultheiß, inzwischen selbst Rentner, will seinem Vater Strapazen ersparen. „Er ist zwar immer auf den Punkt fit – weshalb alle denken, wie gut es ihm geht. Doch die Leute sehen nicht, wie es ihm davor und danach geht.“
Die Blutwerte des Vaters seien jedenfalls gut. Er steht jeden Morgen auf, zieht sich selbst an, liest die Zeitung aus Stuttgart von vorne bis hinten, schaut im Fernsehen gern Konzerte bei Arte, Reisesendungen aus Italien (dort hat er oft mit der Familie Urlaub gemacht) und Filme über Archäologie.
Bevor er zu viel von sich preisgibt, greift er zum Humor
Kürzlich, erzählt Götz Schultheiß, habe man zusammen eine Sendung über Ausgrabungen gesehen, bei denen Forscher ein Skelett fanden. „Das war eine Frau“, wusste der Vater. „Aber warum?“, wollte der Sohn wissen. Die Antwort: „Na, weil der Kiefer so ausgeleiert ist – Frauen reden halt so viel.“
Walter Schultheiß, der auch als Maler Erfolge feierte, ist wortkarg. Aus einer Generation stammt er, die Gefühle für sich behält. Bevor er zu viel von sich preisgibt, greift er zum Humor. Er gehört zu denen, die an der Kriegsfront gelitten und danach das Land aufgebaut haben. Wie der Textilunternehmer Paul Bogenschütz, den er im Kinofilm „Global Player“ von Hannes Stöhr mit 90 Jahren gespielt hat, spricht auch der Schauspieler nicht gern über seine Erlebnisse im Krieg. Aber man spürt, tief im Inneren liegt viel verschüttet, was nicht verarbeitet ist.
Mit 18 Jahren war er 1942 zum Russlandfeldzug eingezogen worden. Am 1. Mai 1945 – eine Woche vor Kriegsende, Hitler war bereits tot – traf ihn eine Kugel in den Bauch. Es grenzt an ein Wunder, dass er überlebte.
So konnte er zurück zur geliebten Bühne. Der vom Krieg abgemagerte Mime trug 1947 vor einem hungernden Publikum in Stuttgart so bildhaft „das Märchen von dicken, fetten Pfannkuchen“ vor, dass sich Trudel Wulle, ebenfalls eine Schauspielerin, verliebte. „Meine Frau ist das Beste, was mir passiert ist“, sagte Schultheiß gern bei Lesungen – und setzte, na klar, noch eine Pointe drauf: „Ich kann sie jedem nur empfehlen!“ Oft standen sie gemeinsam vor der Kamera, nie als Paar, immer als Geschwister.
Heute fehlt ihm seine Trudel sehr. Als habe man ihm einen Teil seines Körpers amputiert. Alles ist anders geworden, beschwerlicher. Dennoch hören ihn seine Familie und seine Freunde kaum klagen. Sein Lebensmotto lautet: stets annehmen, was kommt.
Der zweite Bühnenpartner seines Lebens war Werner Veidt, mit dem er zwei Jahrzehnte lang im Radio das Straßenkehrer-Duo bildete. Als er in den 70ern im ZDF-Film „Pannenhilfe“ spielte, wurde der Autor Felix Huby auf ihn aufmerksam. Unbedingt wollte er für diesen kantigen Schwaben was schreiben.
Der Saufsch-Spruch von Walter Schultheiß ging viral
Und er hat viel für ihn geschrieben. Als Köberle, Eisele, Eugen, als Altpfarrer Merkle und Altbürgermeister Holzwarth von Bärenbach – alles Drehbücher von Huby – ist Schultheiß den Schwaben so vertraut geworden, als gehöre er zur eigenen Familie.
Der Huby und der Schultheiß – zwei Marken, die über viele Jahre im Fernsehen das Bild der Schwaben prägten. Die beiden bildeten, jeder auf seinem Posten, ein perfektes Gespann. Ihre Filme entstanden zu einer Zeit, als es nicht auf schnelle, hektische Schnitte ankam, als sich die Stoffe entwickeln konnten in einem behutsamen Erzähltempo. Schwaben, konnte das Land nun sehen, sind nicht die Trottel der Nation, sondern feinsinnig, witzig, knitz. Auch in der Komödie im Marquardt ist über viele Jahre als Publikumsliebling gefeiert worden.
In „Laible und Frisch“ spricht Walter Schultheiß einen Satz, der über die sozialen Medien viral gegangen ist – so wird der nun Hundertjährige auch noch von den ganz Jungen bewundert: „Saufsch, stirbsch. Saufsch net, stirbsch au. Also saufsch.“ Der Spruch hat es auf T-Shirts gebracht.
Ob er Angst vorm Sterben hat? Auch diese Frage beantwortet er mit einer Pointe
Beim Saufen hat der Urschwabe trotzdem nicht mitgemacht. Alles sollte man in Maßen genießen – nicht mit Maßkrügen, ist einer seiner Sprüche, um ein Erfolgsrezept fürs Altwerden zu nennen. Auch beim Wein hält er sich zurück – jetzt noch mehr, weil ihm die Weinsäure nicht bekommt. Als ein Artikel zu seinem 95. Geburtstag erschien, rief er den Schreiber an und bedankte sich für den „schönen Nachruf“. Mit dem Nachruf wollen wir aber noch lange warten.
Ob er Angst vor dem Sterben hat? Es ist klar, dass Walter Schultheiß auch diese Frage mit einer Pointe beantwortet: „Nein, ich muss ja nicht unbedingt dabei sein.“