Wallfdorf - Auch schreckliche Geschichten haben manchmal ein Happy End. Diese hier hat sogar drei. Und sie sind wundervoller noch, als Hollywood-Regisseure sich das ausgedacht haben könnten. Das erste ereignete sich am Tag, bevor der Zweite Weltkrieg endete. Die Jüdin Gerda Weissmann wurde aus einem Albtraum befreit. Ihr Retter Kurt Klein erschien ihr wie ein Märchenheld. Beide fanden damals die Liebe ihres Lebens.
„Nicht weinen, mein Kind“, sagte der Mann. „Es ist alles vorbei.“ So begann dieser magische Moment. „Überall Schluchzen und Freudenschreie“, erinnert sich Gerda Weissmann. Sie hatte ein Martyrium durchstanden, fast drei Jahre Zwangsarbeit unter KZ-Bedingungen hinter sich. Im Januar 1945 schickten sie die Nazis auf einen Todesmarsch. Von 3000 Mitgefangenen überlebten 118. Zuletzt versteckten sie sich in einer leeren Fabrikhalle nahe der südböhmischen Stadt Volary. Dort wurden sie von US-Soldaten entdeckt. Einer von ihnen war Kurt Klein, dessen Erscheinen viel mehr für sie bedeutete als eine Befreiung.
„Kann ich die anderen Damen sehen?“, fragte der amerikanische Offizier. Damen? Diese Anrede hatte Gerda Weissmann lange nicht mehr gehört. „Wir sind Juden“, antwortete sie. „Ich auch“, erwiderte er. „Ich hätte ihn am liebsten umarmt, wäre mir nicht schmerzlich bewusst gewesen, wie abstoßend und verdreckt ich wirken musste“, erinnert sich Gerda Weissmann. Es war drei Jahre her, seit sie das letzte Mal baden durfte. Sie wog damals noch 62 Pfund. „Er hielt mir die Tür auf“, erzählt sie. „Er tat, als ob er den Schmutz und die Läuse nicht gesehen hätte. Er behandelte mich wie eine Dame, und für dieses Wohlwollen bin ich ihm ewig dankbar.“
All dies hat sie später in einem Buch aufgeschrieben. „Nichts als das nackte Leben“, lautet der Titel. In Amerika reichte die Nachfrage für 66 Auflagen. 1999 ist es auch auf Deutsch erschienen. Bis dahin hatte die Geschichte von Gerda Weissmann und Kurt Klein, der an diesem Donnerstag 100 Jahre alt geworden wäre, schon viele neue Kapitel.
Seine Eltern sterben in Auschwitz
Kurt Klein ist am 2. Juli 1920 im badischen Walldorf bei Heidelberg zur Welt gekommen, als Sohn eines jüdischen Geschäftsmannes, der mit Getreide, Hopfen und Tabak handelte. Die Nazis zwangen ihn, die Schule zu verlassen, vereitelten auch eine Lehre als Drucker. Seine Geschwister konnten 1936 zu Verwandten in die USA fliehen. Ein Jahr später holten sie den damals 17-Jährigen nach. Die Eltern endeten in Auschwitz.
Nach Kriegsbeginn meldete Kurt sich zur Army. 1942 wurde er in Camp Ritchie ausgebildet, einem Schulungszentrum des Militärgeheimdienstes. Dessen Absolventen nannten die Amerikaner „Ritchie-Boys“. Unter ihnen waren wenig US-Staatsbürger und viele deutsche Juden. Sie wurden als Dolmetscher bei Verhören eingesetzt. Kurt Klein kam mit der Fünften US-Infanteriedivision, die unter dem Kommando des legendären Generals George S. Patton stand, im Zuge der Invasion in der Normandie nach Europa. Bei seiner Wiederkehr nach Deutschland hatte er den Rang eines First Lieutenant.
Gerda Weissmanns Heimat war Schlesien. Sie wurde 1924 im Städtchen Bielitz geboren, wo etwa 15 Prozent der 20 000 Einwohner wie sie jüdischen Glaubens waren. Ihr Vater besaß eine Fabrik. Beide Eltern wurden im Verlauf des Krieges nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Ihr Bruder konnte nach Kiew fliehen und ist verschollen.
„Mein teurer, mutiger Befreier“ nannte Gerda Weissmann ihren Retter in ihrem ersten Brief, den sie ihm aus dem Lazarett schickte, das in einer ehemaligen Schule war. Der dortige Arzt hat ihr zum Empfang keine Medikamente verabreicht, sondern ein kleines Geschenk. „Zum Geburtstag“, sagte er lächelnd. Es war der 8. Mai 1945 – der Tag, an dem Hitlers Reich unterging und Gerda Weissmann 21 Jahre alt wurde. Das Geschenk enthielt eine Tafel Schokolade.
Der Befreier am Krankenbett
Ein für sie bedeutsameres Geschenk folgte eine Woche später. Ihr Befreier besuchte sie am Krankenbett. Er brachte ihr amerikanische Zeitschriften mit, die sie kaum entziffern konnte: Exemplare des Magazins „Life“. Was der Titel bedeutete, hat sie freilich schnell verstanden: „Mir fällt kein besseres Wort ein, um Sie in die englische Sprache einzuführen“, sagte Kurt. Gerda erinnert sich: „Wir redeten miteinander wie alte Freunde.“ Sie habe unvermittelt gespürt, „dass sein tiefes Verständnis für meine Gefühle von einer eigenen Tragödie herrührte“.
Kurt besuchte sie täglich, blieb oft bis spät in die Nacht. Das Pflegepersonal und die anderen Patientinnen nannten ihn bald „Gerdas Leutnant“. Obwohl sie aus zwei völlig verschiedenen Welten kamen, verstanden sie sich auf Anhieb. „Ich wollte kein Mitleid“, schreibt Gerda, „ich wollte nicht, dass er mich deshalb mochte, weil ich so viel durchgemacht hatte.“ Er wollte nach eigenem Bekunden nur eines: „sie lächeln sehen“.
Das Happy End verlief nicht ungetrübt. Sie hatten auch bange Momente zu überstehen. Eines Tages blieben die Besuche aus. „Gerdas Leutnant“ war in den Süden Bayerns versetzt worden. Knapp drei Wochen lang konnten sie sich nicht sehen. Als er zurückkehrte, 300 Kilometer mit dem Jeep über zerstörte Straßen, lag Gerda Weissmann mit Typhus darnieder. Sie werde die nächste Nacht vielleicht nicht überleben, sagten ihm die Krankenschwestern. „Du bliebst die ganze Nacht über an meinem Bett sitzen“, notierte Gerda später in einem Brief, „hast meine Hand in Deiner kühlen, kräftigen gehalten. Damals nanntest Du mich zum ersten Mal zärtlich ‚Du‘. Ich erinnere mich an Deine überschwängliche Freude, als ich aus dem Fieber erwacht bin, und ich wollte Dir nichts als Freude zurückgeben.“
„Er fand mich gewiss nicht hübsch“
Zeitweise befürchteten die Ärzte, sie müssten Gerda Weissmanns Füße amputieren, weil sie an den Folgen schwerer Erfrierungen litt. Das blieb ihr erspart. Sie musste jedoch erst wieder laufen lernen, bevor sie sich mit Kurt zu einem Spaziergang verabreden konnte. „Er fand mich gewiss nicht hübsch“, zweifelte sie. „Ich erinnerte mich an die Fotos von amerikanischen Mädchen in den Zeitschriften, die er mir mitgebracht hatte. Dies waren die Mädchen, die er kannte.“ Sie aber würde ihm wohl in Erinnerung bleiben, wie sie bei der ersten Begegnung aussah, „eher wie ein Tier als wie ein menschliches Wesen“. Er wiederum war für sie „der Inbegriff von Freiheit und Offenheit“. Sie dachte: „Wieso sollte ich ihn nicht lieben?“
Bevor die Sowjetarmee Tschechien besetzte, wo sich das Lazarett befand, verhalf ihr Kurt Klein, nach München zu kommen. Dort fand sie einen Job bei der US-Militärverwaltung. Im September 1945 verlobten sich die beiden. Wenig später wurde er in die USA abkommandiert, sie blieb zunächst in Deutschland. Im Sommer 1946 heirateten sie in Paris – das zweite Happy End dieser Geschichte.
Danach durfte sie auch in die Vereinigten Staaten einreisen. Als sie im September 1946 auf amerikanischem Boden landete, empfing Kurt sie mit dem Satz: „Du bist nach Hause gekommen.“ Nach Hause? „Der Schmerz und der Verlust löschten die nostalgischen Gedanken an mein Kindheitszuhause aus“, schreibt sie. Es fiel ihr auch immer schwerer, Deutsch zu sprechen. Als sie Jahre später einmal gebeten wurde, ein Rundfunkinterview auf Deutsch zu geben, musste sie mitten in der Radiosendung abbrechen. Der Grund war offenkundig: „Es war die Sprache, die Hitler, Goebbels und deren Horden benutzt hatten.“
Heute lebt Gerda Klein-Weissmann in einer Seniorenresidenz in Phoenix/Arizona. Sie ist inzwischen 96 Jahre alt. Kurt Klein starb im April 2002 auf einer Lesereise in Guatemala. Er wurde 81. Kurz zuvor hatte die Chapman University in Kalifornien beide zum Ehrendoktor ernannt.
Die zweite Heldentat des „Ritchie-Boy“
Die Klein-Weissmanns haben drei Kinder und acht Enkel. In Walldorf erinnern zwei Stolpersteine an das Schicksal der Eltern von Kurt Klein. An diesem Donnerstag gibt es dort auch eine Gedenkveranstaltung. Sie ist binnen Stunden ausgebucht gewesen.
Als „Ritchie-Boy“ hatte Kurt Klein am Ende des Krieges noch eine zweite Heldentat vollbracht, wovon er erst später erfuhr. Er verhalf einer Gruppe von Menschen in der Kluft jüdischer KZ-Häftlinge zur Flucht vor der Roten Armee. Unter diesen war auch Oskar Schindler, der 1200 jüdischen Zwangsarbeitern das Leben gerettet hatte. Kurt Klein wusste davon nichts. Er habe „stets heruntergespielt“, welchen Anteil er am glücklichen Ausgang dieses Dramas hatte, schreibt der US-Historiker David Crowe in seiner Schindler-Biografie. Als der Film „Schindlers Liste“ in die Kinos kam, traf Kurt Klein Schindlers Witwe in Los Angeles.
Auch die Geschichte von Gerda Weissmann und Kurt Klein wurde verfilmt. 1995 wurde der Dokumentarfilm „One Survivor remembers“ („Eine Überlebende erinnert sich“) mit einem Oscar ausgezeichnet – das dritte Happy End.
„Ich habe meine Geschichte aufgeschrieben, mit Tränen und mit Liebe“, resümiert Gerda Weissmann im Vorwort ihres 1957 veröffentlichten Erinnerungsbuchs, „in der Hoffnung, dass meine Kinder niemals aus einem Albtraum aufwachen und feststellen, dass dieser Wirklichkeit geworden ist.“ Am Ende dieser Geschichte denkt sie darüber nach, was solche Erzählungen, die ihr jedes Mal auch Schmerzen bereiten, überhaupt bewirken könnten. Sie kommt zu dem Schluss: „Die Erinnerung kann ein Schwert sein, wenn auch ein zweischneidiges, mit dem man heutige Drachen erschlägt.“