Schmerzmittel Aspirin Die entzauberte Wunderpille

Die prophylaktische Wirkung von Aspirin gegen Herzinfarkte oder Schlaganfälle ist umstritten. Foto: dpa

Angeblich soll Aspirin Krebs, Infarkte und Schlaganfälle verhindern. Doch nun zeigt eine neue Studie, dass das längst nicht bei allen Menschen funktioniert. Und: Die Einnahme des Mittels birgt auch Risiken.

Bremen/Zürich - Eigentlich schien alles so logisch zu sein. Schon Mitte des vergangenen Jahrhunderts fiel dem amerikanischen Hausarzt Lawrence Craven auf, dass im Aspirin weit mehr als ein nützliches Kopfschmerzmittel steckt. Um die Leiden seiner Patienten nach Operationen zu lindern, mischte er den Wirkstoff Acetylsalicylsäure in Kaugummis ein. Und stellte nicht nur fest, dass viele mit dem Kauen gar nicht mehr aufhören wollten: Sie schienen auch seltener Schlaganfälle und Herzinfarkte zu erleben.

 

Ein Jahrzehnt später bestätigten auch professionellere Untersuchungen: Aspirin hat die Eigenschaft, die Blutplättchen in den Adern – die Thrombozyten – davon abzuhalten, sich zu zusammenzuballen. Das Blut gerinnt also nicht so gut. Das lässt nicht nur das Blut aus Wunden länger fließen, es verhindert manchmal auch die Gerinnsel-Entstehung an Orten, wo sie katastrophale Folgen hat: Im Herz zu Beispiel, wo die Klumpen bei Infarkten die Gefäße verstopfen. Oder in den Gehirnarterien und ihren Zuflüssen, wo sie beim Schlaganfall zum Erstickungstod von Nervenzellen führen.

Nicht nur Craven schien es deshalb eine gute Idee zu sein, Gesunden gleich vorsorglich die Pillen zu empfehlen. Vor allem in den Vereinigten Staaten ist aus der Einstellung „Nimm täglich ein Aspirin, gegen irgendetwas wird es schon helfen“ inzwischen eine Massenphänomen geworden. Jenseits der Fünfzig greift dort rund jeder Dritte zur Tablette. In der Schweiz ist es laut Schätzungen nur jeder Zehnte.

Herzinfarkte und Schlaganfälle konnte Aspirin nach fünf Jahren nicht verhindern

Vor allem jenseits der Siebzig ist das Mittel besonders beliebt. Dabei scheint man sich gerade in diesem Alter mit einer Pille für den Fall der Fälle keinen Gefallen zu tun – wie am vergangenen Wochenende amerikanische und australische Wissenschaftler im Fachjournal „New England Journal of Medicine“ belegten. Sie hatten rund zwanzigtausend Besuchern von Allgemeinarztpraxen entweder 100 Milligramm Aspirin oder ein Scheinmedikament verschrieben. Herzinfarkte und Schlaganfälle, so das Ergebnis, konnte Aspirin nach rund fünf Jahren Beobachtungszeit keine verhindern. Dasselbe galt für Demenzerkrankungen oder andere Probleme, die älteren Menschen die Selbstständigkeit rauben. Allerdings traten nach Einnahme von Acetylsalicylsäure deutlich häufiger gefährliche Blutungen im Bereich von Gehirn, Magen und Darm auf.

Das ist die dunkle Seite des Arzneimittels: Wer die Blutgerinnung bremst, hindert den Körper gleichzeitig daran, gefährliche Gefäßlecks abzudichten. Im Magen-Darm-Trakt schaltet das Aspirin zudem wichtige Selbstschutzmechanismen aus, so dass die Schleimhaut angreifbarer für die aggressive Magensäuren wird. „Nicht alles, was zunächst logisch und plausibel klingt, hilft tatsächlich dem Patienten. Dafür ist diese Studie geradezu ein Lehrstück“, sagt Bernd Mühlbauer, Direktor des Instituts für Pharmakologie des Klinikums Bremen Mitte.

Zumindest bei älteren Menschen, heißt das, scheint die Rechnung von Craven nicht aufzugehen: Nur weil Aspirin die Gerinnung hemmt, hemmt es sie noch lange nicht verlässlich an den gewünschten Orten.

Experten warnen davor, per se Medikamente zu schlucken, ohne sie konkret zu brauchen

Dass sich so viele von den Wirkungen des Mittels beeindrucken ließen, ist allerdings kaum erstaunlich. Das Medikament hat eine geradezu atemberaubende Karriere hinter sich: Es wird nicht nur gegen Schmerzen, Fieber und Entzündungen verkauft. Als Wundermittel galt es spätestens, als man bewies, dass es zumindest bei Menschen, die schon einen Infarkt oder Schlaganfall hatten, das Risiko von Folgeattacken verhindert. In jüngster Zeit kam dann sogar die Hoffnung auf, dass Acetylsalicylsäure gerade im Darm die Krebsentstehung bremst.

Doch auch hier ist die aktuelle Studie ernüchternd. Die Patienten starben durch die Prophylaxe nicht etwa seltener, sondern häufiger an Tumoren. Allerdings zeigte sich in anderen Studien die krebsverhindernde Wirkung des Mittels umso deutlicher, je länger es eingenommen wurde. Auch deshalb will man die Probanden im Auge behalten.

„Man sollte nicht per se ein Medikament schlucken, das man eigentlich gar nicht braucht“, sagt Mühlbauer. Auch darauf werde man durch die Studie hingewiesen. Doch nicht alle würden soweit gehen – schließlich haben sich die australischen und amerikanischen Forscher nur einer sehr speziellen Gruppe gewidmet: Menschen jenseits der siebzig, die zudem überdurchschnittlich gesund waren.

Daraus könne man nicht automatisch schließen, dass dasselbe zum Beispiel auch für Leute im mittleren Lebensalter gelte, sagt Milo Puhan, der Direktor des Instituts für Epidemiologie, Biostatistik und Prävention der Universität Zürich. Hier sei die Datenlage weniger eindeutig.

Ob und wann ein Mensch profitiert, sei unterschiedlich

Zumindest galt das bis vor kurzem: 55-Jährige Männer und 60-Jährige Frauen, so zeigten erst Ende August Forscher in der Fachzeitung „Lancet“, bringt die Aspirinvorsorge anscheinend ebenfalls keinen Nutzen. Ähnliches gilt, wie man seit kurzem weiß, auch für Diabetiker ab 40 oder schwergewichtige Personen. „Ob und wann ein Mensch von dem Mittel profitiert, scheint von Person zu Person sehr unterschiedlich zu sein“, folgert Puhan.

Grundlage von Infarkt und Schlaganfall ist die Atherosklerose, die Gefäßverkalkung. Und die ist ein langsam fortschreitender Prozess, bei dem Verstopfungen in Herz und Hirn irgendwann so wahrscheinlich werden, dass sich die tägliche Vorsorgepille wohl auszahlt. Die Frage ist nur wann. Puhan entwickelt deshalb gerade eine Art Risikorechner, der für jeden Menschen individuell die Balance von Nutzen und Schaden darstellen soll. Nach den anstehenden Tests, so die Vision, wird er im Internet frei verfügbar sein. Ab wann das bisschen mehr an Sicherheit die tägliche Pille Aspirin mit ihren Nebenwirkungen wert ist, kann dann jeder selbst für sich entscheiden.

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