Während andere abends vor dem Fernseher futtern oder auf dem Handy spielen, näht Alraune. Sie näht Ohren und Schnitzel, Champagnerflaschen und Küchenmesser, Filmkameras und Blutwürste. Sie hat sogar Adolf Hitler genäht. In Unterhosen steht er neben einer Waschmaschine und wartet, dass seine Seele im Schleudergang reingewaschen wird.
Alraune, die gebürtig Stefanie Siebert heißt, kann nicht anders. Ihre Hände wollen immer beschäftigt sein. Das Publikum liebt sie dafür. Denn mit ihren bienenfleißigen Fingern hat Alraune im Lauf der Jahre einen riesigen Kosmos an Figuren erschaffen, mit denen sie die tollsten Geschichten erzählt: Salvador Dalì bei der Botox-Behandlung und Marlene Dietrich in Champagnerlaune. Sie hat schon überquellende Bankette inszeniert und ulkige Tierorchester aufspielen lassen – Hauptsache skurril.
In Haigerloch kann man auch Lockenwickler aus Rollmöpsen entdecken oder ein Klavier mit Wurst-Tasten. Hier steht „Alraunes Privatmuseum“, das in einem ehemaligen Hotel untergebracht ist. Dort, wo sich einst Promis wie Peter Maffay von einem Sternekoch diskret verwöhnen ließen, ist sie vor knapp zehn Jahren eingezogen mit ihren mehr als siebzig Figuren, mit Möbeln und Instrumenten, Töpfen und Tassen, mit Schweinen, Hunden und Katzen – alles genäht, wie übrigens auch Hitlers Waschmaschine. Es ist ein irrwitziges Panoptikum, das sie in den ehemaligen Hotelzimmern rund um die Betten inszeniert hat.
Eine Künstlerin im Rausch
Ein Schild macht aber unmissverständlich klar: Puppen gibt es hier nicht. „Das Puppenimage klebt an mir“, sagt Alraune genervt, dabei seien es Figuren und Inszenierungen. Denn für jede Saison entwickelt sie eine komplett neue Ausstellung zu einem Thema und hat das Hotel mal in eine Schönheitsklinik verwandelt, mal in eine Seniorenresidenz. In der aktuellen Schau „Alraune im Champagner-Sud“ kommen Dutzende Schampus-Flaschen zum Einsatz, denn wenn sie eine neue Idee hat, gerät sie förmlich in einen Rausch. Mal nähte sie über Tage und Wochen wie besessen die köstlichsten Torten, dann produzierte sie massenweise Austern. Und das, obwohl sie angeblich nicht mal besonders gern näht. „Ich kann das halt. Irgendwas muss man ja machen.“
Aber es gehört schon eine besondere Begeisterung dazu, wenn man sich sein Leben lang so exzessiv mit Stoffen befasst, mit schillernden und schäbigen Materialien, mit Bommeln und Fransen, mit Knöpfen, Gaze und Plissee. Schon von Kindesbeinen an hatte sie eine Vorliebe für „weiche Sachen“, weshalb sie Textildesignerin werden wollte. Aufgewachsen ist Alraune in Tübingen, also ging sie nach Reutlingen und machte dort eine Ausbildung am Technikum für Textilindustrie. Ihre erste Stelle bekam sie bei Baltrik, einem Textilwerk in Balingen, war aber schnell ernüchtert. Keine zwei Monate hielt sie es dort aus. „Ich kann nicht leiden, wenn mir jemand sagt, was ich tun soll.“
Sie machte sich lieber in Stuttgart selbstständig mit einem Secondhand-Laden, für den sie Kleider auf ihre Weise aufarbeitete, hier etwas abschnitt, dort anderes ansetzte. Als sie eines Tages vor einem Haufen alter Spitzen stand, dachte sie: „Es wäre toll, wenn eine Frau heraussteigen würde.“ Sie nähte eine Frau in Spitze – „und weil sie weiß war, war sie eine Braut“. Also mussten noch ein Bräutigam und schließlich eine komplette Hochzeitsgesellschaft her. Das war der Start.
Alraunes Kunstwerke sind gefragt
Die Speisen und Getränke, die sie damals nähte, sind bis heute im Einsatz, inzwischen sind allein mehr als 2000 Würste zusammengekommen, Saitenwürstchen, Salami und Wurstkringel. Denn verkaufen wollte Alraune ihre Figuren und Objekte nie.
Stattdessen präsentierte sie ihre genähten Theaterszenen auf Einrichtungsmessen, wo sie begeistert aufgenommen wurden. Sie erhielt zahllose Aufträge für Dekorationen und Schaufenster. Für ein Ladenzentrum in Kassel nähte sie einen Cadillac. Für das KaDeWe in Berlin gestaltete sie sämtliche Frontfenster. Als ein Lübecker Marzipanhersteller seinen 200. Geburtstag feierte, bescherte ihr das „einen Riesenauftrag“, bei dem sie ein genähtes Café in einem realen Café in der Lübecker Altstadt einrichtete.
Es folgten nun auch Ausstellungen – und in Barth an der Ostsee bekam sie schließlich ein eigenes Museum. Es wurde zu einem Publikumsmagneten. Alraune und ihr Mann sind den Figuren an die Ostsee gefolgt. Hans Siebert ist eigentlich Sozialpädagoge, hat aber wie seine Frau eine Leidenschaft für Lost Places. Deshalb konnten die beiden nicht Nein sagen, als sie in Mecklenburg-Pommern unterwegs waren und ein imposantes Gemäuer in Marlow sahen. Sie renovierten es, trotzdem blieb es feucht.
Von der Ostsee auf die Zollernalb
Also zogen sie nach Starkow weiter in ein ehemaliges Pfarrhaus, aber auch da kroch die Feuchte durch die Ritzen. „Wir sind so blauäugig und stolpern immer wieder in etwas rein“, erzählt Alraune. So stolperten sie auch ins nächste Projekt, als sie von dem leer stehenden Hotel in Haigerloch hörten.
Auch wenn sich Alraune nun auf 800 Quadratmetern austoben kann und vor Corona mehr als 10 000 Besucher pro Saison kamen, macht sie kein Hehl daraus, dass sie sich in Haigerloch nicht richtig angenommen fühlt. „Die Ureinwohner interessieren sich nicht für Kultur“, sagt sie, „da geht es eher drum, dass niemand vor ihrer Garage parkt.“ Deshalb könnte es gut sein, dass sie sich über kurz oder lang wieder auf den Weg machen wird. Im Moment liebäugelt sie mit einem neuen Domizil in Stuttgart.
Man mag sich allerdings kaum vorstellen, ein solches Museum umziehen zu müssen. Zumal auch die Privaträume des Paares wirken wie ein Panoptikum mit den zahllosen Teppichen und Blumenstoffen, mit ausgestopften Tieren und alten Gemälden. Man sieht, dass Alraune und ihr Mann ein Leben lang auf Flohmärkten unterwegs waren und auch beim Sperrmüll, bei Haushaltsauflösungen und im Trödel nach Schätzen suchten. „Man könnte mich in einem Freilichtmuseum aussetzen“, sagt Alraune und wirkt selbst ein wenig wie eine Kunstfigur mit ihren langen Haaren, die so scharfrot sind wie der Lippenstift.
Das nächste Projekt ist bereits in Planung
Alraunes Alter Ego aus Stoff köchelt übrigens derzeit in der Küche in einem großen Kochtopf. Aber es könnte gut sein, dass sie sich schon bald den Kopf oder die Arme abschneidet, so, wie sie es immer wieder tut bei ihren Figuren, um sie in neue Wesen zu verwandeln. Ihr scheinen die Ideen nicht auszugehen. Derzeit überlegt Alraune, als Nächstes das Leben eines Mannes nachzuerzählen – angefangen bei der schwangeren Mama, die sich mit werdenden Müttern „zum Essiggurkenessen“ trifft. Kindheit, Hochzeit – und „mit 52 kriegt er einen Herzkasper“.
Warum hat sie so eine blühende Fantasie? „Ich hatte eine schwierige Kindheit“, erzählt Alraune, „mein Vater war jähzornig, und ich habe viele Schläge bekommen.“ Wer das erlebt habe, gehe unter oder „wächst daran und entwickelt etwas Eigenes“, meint sie. Mit ihrem genähten Kosmos hat sie zweifellos etwas sehr Eigenes entwickelt. Aber warum Figuren? Alraune hat die Antwort längst gefunden: „Sie tun einem nichts – und sie machen, was ich will.“
Alraunes Privatmuseum: Haigerloch, Marktplatz 5. Die aktuelle Schau ist noch bis 30. Oktober donnerstags, freitags und sonntags von 14 bis 17 Uhr geöffnet.