Datengenossenschaft im Schönbuch Digitale Pionierarbeit im Sägewerk

Heiner Lasi, Akademischer Leiter des Ferdinand-Steinbeis-Instituts, erklärt Florian Toncar (rechts) das Prinzip der Datengenossenschaft. Foto: edi

Mit einem smarten Ansatz zum Informationsaustausch könnte das Sägewerk Braun in Weil im Schönbuch zur Blaupause für digitale Wertschöpfung bei Mittelstandsunternehmen werden.

Böblingen: Edmund Langner (edi)

Dass der Mittelstand der brummende Motor der deutschen Wirtschaft ist, kann man im Sägewerk Braun sehen, hören und sogar fühlen. In dem kleinen Besprechungsraum oberhalb der Werkshalle bebt und vibriert nämlich alles, wenn unten die Maschinen surren, schwer beladene Lastwagen über den Hof fahren und Gabelstapler ihre Fracht abladen. Ein Flipchart-Vortrag mit abstrakt klingenden Begriffen wie „Digitale Zwillinge“, „Datengenossenschaften“ und „digitale Wertschöpfung für den Mittelstand“ wird dadurch sehr real und greifbar.

 

Unterstützung beim Übergang in die Digitale Arbeitswelt

Der Mann, der da mit dem Filzstift vor dem Papierbogen steht, ist Heiner Lasi. Der promovierte Betriebswirt ist seit 2015 der akademische Leiter des Ferdinand-Steinbeis-Instituts mit Sitz in Stuttgart und Heilbronn. Das Forschungsinstitut hat es sich zum Ziel gesetzt, die Zukunft von Wirtschaft und Gesellschaft mitzugestalten und insbesondere den Mittelstand beim Übergang in eine digitale Arbeitswelt zu begleiten.

Heiner Lasis Vortrag handelt von einer smarten Idee, die schon bald bei Handwerks- und Mittelstandsbetrieben Schule machen und diese auf der Datenautobahn auf die Überholspur bringen könnte. Vereinfacht ausgedrückt geht es darum, Zustandsdaten über sämtliche Maschinen im Sägewerk Braun zu sammeln und daraus Rückschlüsse über Themen wie Stromverbrauch, Wärmeentwicklung oder Betriebssicherheit zu sammeln. Die Geräte übermitteln dafür ihre per Sensor gemessenen Werte an eine Künstliche Intelligenz, die diese wiederum als „Digitale Zwillinge“ bezeichnete Datenabbilder an verschiedene Stellen weiterleitet.

Im Falle des Sägewerks Braun in dem zwischen Holzgerlingen und Weil im Schönbuch gelegenen Gewerbepark Sol sind dies der Industrietechniker Frank Bossert und der Versicherungsmakler Daniel Eberhardt, die auf diese Weise ihren eigenen sehr konkreten Nutzen aus den gesammelten Informationen ziehen können: Der Industrietechniker gewinnt unschätzbare Erkenntnisse über elektronische Leistungsdaten, der Versicherer kann Risiken und Gefahren wie etwa die Brandgefahr durch überhitzte Maschinen schon im Voraus erkennen und dadurch auf ein Minimum reduzieren.

„Entstanden ist das Ganze aus einer Notsituation“, sagt Traugott Reichert. Laut dem Geschäftsführer des Sägewerks Braun geht die Idee auf einen Versicherungsfall zurück – genauer gesagt auf einen Brand, der durch ein defektes Hydraulikaggregat entstanden war. Wie Reichert später erfahren sollte, hatte dasselbe Hydraulikaggregat auch bei einem anderen Betrieb für Probleme gesorgt.

Die gesammelten Daten bieten vielfache Anwendungsmöglichkeiten

„Wir kamen daraufhin zu dem Schluss, dass es gut wäre, die Anlage zu überwachen und die Daten den Maschinenherstellern zu Verfügung zu stellen“, sagt Reichert und verweist auf eine Art Schaltzentrale im Bürotrakt des Sägewerks, wo auf einem Bildschirm in Echtzeit die relevanten Betriebsdaten sämtlicher Maschinen angezeigt werden. Zudem gibt es im Hof eine Ampel, die von Grün auf Gelb und Rot wechselt, wenn beispielsweise eine Maschine heißlaufen und so zum Brandrisiko werden sollte.

Der für das Sägewerk zuständige Risikoexperte Daniel Eberhardt von der Firma Ricona Consulting erkannte seinerseits das Potenzial, das sich aus dieser Datensammlung ergibt. „Die gemeinschaftliche Verwendung von Zugangsdaten wird der entscheidende Wettbewerbsvorteil unseres Landes in der Zukunft sein“, ist er überzeugt. Frank Bossert, der als Industrievertreter führende Elektromarken vertritt, sieht ebenfalls zahlreiche Chancen im Auslesen und Auswerten dieser Informationen – sei es in Sachen Nachhaltigkeit und Energiemanagement, sei es für „Smart Home“-Anwendungen oder ganz allgemein im Sinne der Zuverlässigkeit und Lebensdauer elektronischer Geräte.

Heiner Lasi vom Ferdinand-Steinbeis-Institut spricht in diesem Zusammenhang von einer „Datengenossenschaft“. Das Sägewerk Braun ist laut dem Institutsleiter europaweit erst der zweite Fall, in dem so eine Datengenossenschaft zu Anwendung kommt. „Wir sind da im Moment die Prototypen“, sagt Traugott Reichert – wobei das Steinbeis-Institut, das dieses Projekt auf wissenschaftlicher Ebene betreut, laut Lasi bereits zahlreiche weitere Anwendungsmöglichkeiten sieht. So kooperiert das Institut in Mannheim ein weiteres Industrieprojekt mit einer weiteren interdisziplinären Kooperation in Form einer Datengenossenschaft.

Tatsächlich, so Heiner Lasi, geht der Genossenschaftsgedanke auf das althergebrachte Prinzip aus der Landwirtschaft zurück. Der Gedanke dahinter ist derselbe: Über die gemeinsame Teilhabe vieler an einem für alle wertvollen Gut – in diesem Fall sind das digitale Informationen – können alle gemeinsam in Stärke und Geschlossenheit gegen übermächtig erscheinende internationale Konkurrenz antreten.

Institutschef: Mut zur Kooperation schafft Wettbewerbschancen

Diese Kräftebündelung ist aus Heiner Lasis Sicht auch dringend notwendig. „Es findet aktuell eine Abwanderung der digitalen Wertschöpfung in Richtung USA und China statt“, sagt der Ökonom. „Die deutsche Industrie und insbesondere der Mittelstand haben jedoch große Chancen im internationalen Wettbewerb erfolgreich zu sein, wenn der Mut zur Kooperation auf der Datenebene vorhanden ist“, betont Lasi. Auf diese Weise könnten auch mittelständische Betriebe gegen globale Player mithalten.

Der Appell des Institutsleiters richtet sich dabei an eine kleine, aber dafür sehr exklusive Zuhörerschaft. Neben einem Medienvertreter und Weil im Schönbuchs Bürgermeister Wolfgang Lahl sitzt an diesem geschäftigen Nachmittag im Sägewerk nämlich auch ein Bundestagsabgeordneter in dem kleinen Besprechungsraum. Es ist der FDP-Mann Florian Toncar, der den Wahlkreis Böblingen in Berlin vertritt und als Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister der Finanzen über den direkten Draht zu Amtschef Christian Lindner verfügt.

Lobbyarbeit beim Abgeordnetenbesuch

Heiner Lasi und sein Institutskollege Norbert Höptner nutzten deshalb die Gelegenheit, Lobbyarbeit zu betreiben und Toncar für die Probleme zu sensibilisieren, die dem Institut durch das Besserstellungsverbot für gemeinnützige Forschungseinrichtungen entstehen. Konkret geht es um verwehrte Fördergelder. Toncar hörte aufmerksam zu, bewies Sachkunde und verwies darauf, dass man sich in Berlin intensiv mit dem Thema beschäftige.

Auch mit Blick auf das Thema Datengenossenschaften könnte Toncars Wort in Berlin bald Gewicht bekommen – etwa, wenn es darum geht, solche Konzept gegen etwaige Datenschutzbedenken durchzusetzen. „In diesem Fall wird es darauf ankommen, die Menschen vom Nutzen zu überzeugen“, sagt Norbert Höptner, der beim Ferdinand-Steinbeis-Institut für die Themen Gesellschaft und Technologie zuständig ist.

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