Was macht den Menschen aus? Die Frage hinter der Oper „Die Frau ohne Schatten“ ist schlicht, doch umhüllt und verdeckt von einer Fülle von Symbolen. Im Musiktheater-Märchen, das Richard Strauss und sein Textdichter, der Schriftsteller Hugo von Hofmannsthal, während des Ersten Weltkriegs erfanden, begegnen uns unter anderem ein roter Falke, eine weiße Gazelle, ein bedeutsamer Schatten, ein geheimnisvoller Bote, eine drohende Versteinerung, und schließlich singen sogar ungeborene Kinder in der Pfanne. Eine echte Herausforderung.
Es geht um Mutterschaft und Tiefenpsychologie
Der Regisseur, der sich ihr jetzt an der Staatsoper Stuttgart stellt, hat schon 2020 Ja zu dem psychologisierenden Stück gesagt. Ob das biografische Gründe hat? Schließlich ist David Hermann der Sohn eines Gynäkologen und einer Psychiaterin, und „Die Frau ohne Schatten“ hat mit Mutterschaft ebenso zu tun wie mit Tiefenpsychologie. Aber nein, lacht der 46-Jährige, er sei ganz und gar nicht daran interessiert, sich selbst auf der Bühne zu spiegeln. Er hat trotzdem Ja gesagt zu dem verrätselten Werk, das wegen der beiden kontrastierenden Paare, wegen seines Märchencharakters und wegen der Idee der Prüfungen oft mit Mozarts „Zauberflöte“ verglichen wird. Dann aber kam Corona, und so hat David Hermann vor drei Jahren in einem Teil des Strauss-Bühnenbildes einen pandemiekonformen Ersatz inszeniert: Gustav Mahlers „Lied von der Erde“, umrahmt von viel Sperrholz.
Die Figuren haben eine tragische Fallhöhe
An diesem Sonntag nun wird die Strauss-Premiere nachgeholt. „Man muss versuchen, die Handlung zu konkretisieren“: So beschreibt Hermann seinen Zugriff. Auf der Bühne stehen Individuen, keine Typen, und tatsächlich hätten fast alle Figuren des Stücks eine tragische Fallhöhe, machten große Verwandlungen durch – was sich auch in der Musik spiegle, „die oft wie ein Mikroskop arbeitet“. Die Geisterwelt, die nur in der Musik Gestalt annimmt, ist für den Regisseur eine „hyperintelligente Macht“, die am Ende zum Schluss kommt, dass die von Leidenschaften zerfressenen Menschen „einfach mal Pause machen sollten“. Das ist der Ausblick seiner Inszenierung zum Schluss: keine Utopie, aber doch ein offenes Ende.
Konkret getrennt sind auf der Bühne die zwei Welten der Paare, die sich überlagern und so für Spannung sorgen: hier der Raum der sozial Privilegierten, dort der apokalyptische Raum der anderen. Mag sein, dass das Opern-Thema der Unfruchtbarkeit auch mit dieser kaputten Welt zu tun hat. „Diese ökologische Lesart“, sagt David Hermann, „lassen wir in die Inszenierung hineintröpfeln.“ Auch mithilfe der Bühnentechnik, die „ziemlich überwältigende Sachen auffährt“.
Die Sängerinnen und Sänger hat er immer im Blick
Auch Richard Strauss’ Musik spart nicht an Opulenz, und so hat sich der Regisseur ebenfalls Bilder ausgedacht, die „mit einer gewissen Wucht“ auf die Bühne kommen. Ein rechteckiger Spiel-Raum mit Klangverstärkung, eine Kuppel über der Spielfläche, die auch das Singen von weiter hinten möglich macht: Bei „Die Frau ohne Schatten“ gibt es ein akustisches Bühnenbild, dessen Form und Material – eng abgestimmt mit dem dirigierenden Generalmusikdirektor Cornelius Meister – die Sängerinnen und Sänger unterstützt.
Sie hat David Hermann immer im Blick – das war schon 2016 so, als er mit „Rheingold“ den neuen Wagner-„Ring“ in Karlsruhe eröffnete: ein spektakulärer Abend, an dem alle Figuren des Vierteilers schon mal kurz über die Bühne huschten. „Rheingold“ als „Ring“-Konzentrat, spielerisch, virtuos. Da mag man kaum glauben, dass Hermann nur deshalb Musiktheater-Regie studierte, weil ihm keine seiner beiden Begabungen und Interessen (hier klassische Musik und Klavier, dort das Schauspiel, das ihn immerhin bis hin zu Patrick Süskinds „Kontrabass“ brachte) ausreichend erschien, um einen Beruf daraus zu machen.
„Alles auf der Bühne muss einen Grund haben“
Für die letzte Motivation zur Berufswahl sorgte ein Großer seines Fachs: Hans Neuenfels. Bei ihm war Hermann zwei Jahre lang Assistent, von ihm hat er kluges Planen gelernt. Er hat durch Neuenfels verstanden, „wie eine präzise Werkbefragung beschaffen und was künstlerische Freiheit sein kann“. Und was es bringt, intensiv an einer Szene zu arbeiten. „Alles auf der Bühne muss einen Grund haben“, sagt Hermann. Außerdem gibt es Neuenfels-Statements, die er nie vergessen könnte. Etwa diese heimtückische Frage: „Warum sind Sie eigentlich interessanter als Ihr Don Giovanni auf der Bühne?“ Oder auch eine Anmerkung zu Hermanns Inszenierung von „La Bohème“: „Sie müssen ernsthaft über Ihr Frauenbild nachdenken.“ David Hermann lacht, als er diesen Satz zitiert. Am Sonntagabend wird man sehen, ob der Hinweis gefruchtet hat: „Die Frau ohne Schatten“ ist auch eine Oper über traditionelle Bilder von Frauen und Männern.
„Die Frau ohne Schatten“ an der Staatsoper Stuttgart
Handlung
Der Kaiser hat die Tochter des Geisterkönigs geheiratet. Um schwanger werden zu können, muss sie ein Mensch werden wie der Färber Barak und seine Frau. Die Kaiserin versucht, ihr Ziel durch Handel zu erreichen. Entscheidend aber ist, dass sie die größte aller Prüfungen besteht: Sie muss sich selbst überwinden.
Regisseur
David Hermann studierte Regie in Berlin. Neben zahlreichen Inszenierungen an der Oper Frankfurt und an internationalen Bühnen erarbeitete er 2016 am Badischen Staatstheater Karlsruhe Wagners „Rheingold“ und 2020 an der Staatsoper Stuttgart Mahlers „Lied von der Erde“.
Vorstellungen
Premiere von „Die Frau ohne Schatten“ ist am 29. Oktober, 16 Uhr. Aufführungen am 1., 5., 26. November. Karten: 0711 / 20 20 90 oder www.staatstheater-stuttgart.de.