Buchtipp: David Mitchell „Slade House“ M. C. Escher spielt Dame mit Stephen King

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Der Mann, der uns so wunderbare Wälzer wie „Cloud Atlas“, „Die tausend Herbste des Jacob de Zoet“ oder „Die Knochenuhren“ beschert hat, führt in dem eher schmalen Buch „Slade House“ die Tradition des Schauerromans fort und stellt im Kleinen seine große Kunst unter Beweis.

David Mitchell: Slade House. Roman. Aus dem Englischen von Volker Oldenburg. Rowohlt-Verlag, 240 Seiten, 20 Euro. Foto: Rowohlt
David Mitchell: Slade House. Roman. Aus dem Englischen von Volker Oldenburg. Rowohlt-Verlag, 240 Seiten, 20 Euro. Foto: Rowohlt

Stuttgart - An einem Oktobertag des Jahres 1979, an dem der feuchte Himmel grau ist wie ein altes Taschentuch, findet ein Junge, der seine Mama zum ­Vorspiel bei Yehudi Menuhin begleitet, unverhofft einen Spielkameraden. 1988 bilanziert ein grober Polizist seine gescheiterte Ehe („fünfzehnhundert Vollkornfrüh­stücke, zweihundertfünfzig Flaschen Wein, dreißig Haarschnitte, drei Toaster, drei Katzen“) und kann es gar nicht fassen, dass er gerade von einer hübschen Witwe verführt wird. 1997 glauben ein paar nerdige Studenten, die in eine coole Party hineinstolpern, sie wären Mulder und Scully aus „Akte X“. Und 2006 hält sich eine nach ihrer Schwester suchende Journalistin für einen Detektiv, „der in der letzten ­Szene eines Whodunnit den Tat­hergang aufdeckt“. Dabei wurde sie nur – wie all die anderen vor ihr – längst verschluckt von einem Spukhaus, das sich in der englischen Provinz in einer tristen Gasse versteckt und alle neun Jahre seine Türen öffnet, um Seelen zu fressen.

Gute Einstiegslektüre, für alle die David Mitchell bisher verpasst haben

David Mitchells Bücher sind eigentlich immer mehrere in einem. Das gilt auch für „Slade House“, obwohl dieser Roman schmaler daherkommt als die meisten anderen Bücher des Schriftstellers, der 1969 im britischen Southport geboren wurde. ­„Slade House“ springt zwar nicht ganz so verwegen durch Zeit und Raum wie das Meisterwerk „Cloud Atlas“, das 2012 mit Tom Hanks und Halle Berry verfilmt wurde, geht nicht so in die ­Tiefe wie „Die tausend Herbste des Jacob de ­Zoet“, erweist sich nicht als ein so monströser metaphysischer Thriller wie „Die ­Knochenuhren“. Trotzdem führt der Roman im Kleinen all das vor, was das Werk David Mitchells ausmacht und empfiehlt sich für alle, die diesen Autor bisher sträflich übersehen ­haben, als Einstiegslektüre.

Wie ein Pornoalbtraum von Francis Bacon

Mit welcher Leichtigkeit Mitchell die Zeiten wechselt, wie raffiniert er sich stilistisch virtuos variierend die Perspektiven seiner Protagonisten aneignet, wie er die Geschichten nicht nur miteinander, sondern auch mit „Die Knochenuhren“ verzahnt, ist unerhört. Und fast nebenbei ­erweist sich „Slade House“ als eine grandiose Hommage an den Schauerroman des 18. und 19. Jahrhundert und als ein selbstironisches Spiel, in dem Mitchell seine Prota­gonisten immer wieder erahnen lässt, dass sie in eine literarische Versuchsanordnung ­hineingeraten sind. Sie kommen sich dann vor „wie in einem Pornoalbtraum von Francis Bacon“ oder wie in einem „Brettspiel, das ein besoffener M. C. Escher mit einem Stephen King im Delirium ersonnen hat“. Und ihnen wird sogar erlaubt, sich gegen den Autor des Romans selbst aufzulehnen: „Für mich klingt das alles ein bisschen zu sehr nach ‚Da Vinci Code‘“, lässt Mitchell die Journalistin denken, bevor die Seelenvampire sich ihrer annehmen.

David Mitchell: Slade House. Roman. Aus dem Englischen von Volker Oldenburg. Rowohlt-Verlag, 240 Seiten, 20 Euro.