DB-Neuausrichtung Bahn konzentriert sich auf Deutschland

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Der Deutsche-Bahn-Chef Richard Lutz will die von seinem Vorgänger Rüdiger Grube angestrebten Ziele auf internationalem Terrain nicht länger verfolgen. Er setzt vielmehr auf mehr Qualität im deutschen Schienenverkehr und auf Klimaschutz.

Die Deutsche Bahn will die Qualität auf der Schiene deutlich verbessern. Foto: dpa
Die Deutsche Bahn will die Qualität auf der Schiene deutlich verbessern. Foto: dpa

Berlin - Mit einer neuen Dachstrategie „Starke Schiene“ will sich die Deutsche Bahn AG auf das Kerngeschäft in Deutschland konzentrieren und den Klimaschutz durch mehr und besseren Schienenverkehr voranbringen. „Wir setzen voll und ganz auf einen starken Ausbau der Bahn“, heißt es in Unterlagen, die unserer Redaktion vorliegen. Die Infrastruktur soll demnach robuster, der Konzern schlagkräftiger und der Bahnverkehr schneller und moderner werden.

Bahnchef Richard Lutz vollzieht eine Kehrtwende

Bahnchef Richard Lutz vollzieht damit eine Kehrtwende und verabschiedet sich vom umstrittenen Ziel seines Vorgängers Rüdiger Grube, den Umsatz des größten Bundesunternehmens durch weltweite Expansion auf 70 Milliarden Euro zu verdoppeln. Der wichtigste deutsche Staatskonzern hat seit der Jahrtausendwende viele Milliarden im Ausland und in schienenfremde Geschäfte investiert. Zu Jahresbeginn hatte der Bundesrechnungshof in seiner kritischen Bilanz zu 25 Jahren Bahnreform von der Bundesregierung eine Konzentration auf das Kerngeschäft Schiene verlangt.

Der DB-Aufsichtsrat wird die neue Strategie Mitte Juni beraten. Zur Neuausrichtung gehört der Verkauf der britischen Bus- und Bahntochter Arriva mit mehr als 50 000 Beschäftigten. In Deutschland sollen 100 000 neue Mitarbeiter eingestellt werden, auch um die hohen Rentenabgänge aufzufangen. Unserer Redaktion liegen umfangreiche Informationen aus Aufsichtsratskreisen vor. Ein Überblick.

Was soll die neue Strategie bringen? Die DB AG steckt tief in der Krise: der Zugverkehr ist unpünktlich, es fehlen Fahrzeuge und Personal, das Netz ist überlastet und überaltert, der Konzern hoch verschuldet und ertragsschwach. Die Strategien von Ex-Chef Grube – Zukunft Bahn und vor allem DB 2020+ – gelten als weitgehend gescheitert und fanden kaum Akzeptanz an der Basis. Mit der neuen Strategie soll bis 2030 das lange vernachlässigte Kerngeschäft in Deutschland gestärkt werden: der Fern-, Regional- und Güterverkehr auf der Schiene. Denn die Nachfrage wächst enorm. Immer mehr Menschen fahren Bahn.

Was sind die Ziele? DB-Chef Lutz braucht fast fünf Milliarden Euro für seine Agenda für eine bessere Bahn, die Pünktlichkeit und Qualität verbessern und die nötigen Kapazitäten bei Zügen, Personal und Netz schaffen soll. Die neue Strategie soll zeigen, dass die Kunden und die Umwelt profitieren. Die Bahn will zum Klimaschutz beitragen und bis 2038 ihre Züge komplett mit Ökostrom betreiben. So soll auch Akzeptanz für die nötigen Milliardensummen an Steuergeld geschaffen werden, die für den Erfolg der Neuausrichtung gebraucht werden. Was haben die Bahnkunden davon? Die DB verspricht viele neue Angebote. Im Fernverkehr soll sich die Zahl der Passagiere zwischen 2015 und 2030 auf 260 Millionen verdoppeln. 30 Großstädte sollen dann im Halbstunden-Takt verbunden sein, als erste Verbindung kommt Hamburg-Berlin. Dafür sollen 120 weitere Fernzüge und die Flotte auf dann 600 Fahrzeuge ausgebaut werden. Weitere sieben Millionen Menschen sollen direkt ans ICE-, Intercity- und Eurocity-Netz angebunden werden. Kleinere und mittlere Städte sollen mindestens im Zweistundentakt Abfahrten bekommen. Im Nahverkehr sollen eine Milliarde Fahrgäste pro Jahr zusätzlich gewonnen werden, auch durch neue Mobilitätsangebote und bessere Vernetzung.

Was passiert bei der Infrastruktur? Das 33 200 km lange Schienennetz und die mehr als 5000 Bahnhöfe gehören dem Bund, werden von der DB Netz verwaltet und sind teils veraltet und verrottet, auch wegen zu geringer und ineffizienter Finanzierung. Nun sollen die Kapazitäten um 30 Prozent auf 1,45 Milliarden Trassenkilometer durch Ausbau, Modernisierung und Digitalisierung erweitert werden. Das gilt als zentrale Voraussetzung, um das Wachstum beim Personen- und Güterverkehr bewältigen zu können. Die bisher zugesagten Mittel der Bundesregierung gelten aber als viel zu gering, um die versprochene neue Ära wirklich erreichen zu können. Werden die Bahnhöfe attraktiver? Auch das wird versprochen. Viele Stationen sind mangels Investitionen zu Schandflecken verkommen. Nun sollen wieder „Drehscheiben multimodaler Mobilität und Zentren urbanen Lebens“ entstehen. Die Kapazität der deutschen Bahnhöfe sollen von 20 auf 40 Millionen Gäste täglich verdoppelt werden. Der Übergang zwischen Schiene, Rad, Bus und neuen Angeboten wie Carsharing und E-Scooter soll erleichtert werden.

Was ist im Güterverkehr geplant? Der Frachtverkehr auf der Schiene gehört wegen massiver politischer Fehlsteuerungen und Missmanagement zum größten Problem, die DB Cargo fährt seit Jahren hohe Verluste ein und hat die Hälfte des Marktes an private Wettbewerber verloren. Bis April steht ein weiteres Minus von 98 Millionen Euro zu Buche. Unter Grube führten geplante weitere Rotstiftaktionen zu heftigen Protesten und Konflikten. Nun soll die größte Frachtbahn Europas mit dem Kauf von 300 Loks durchstarten, 70 Prozent mehr Güter transportieren und den Marktanteil der Schiene gegenüber dem umweltschädlichen Lkw von 18 auf 25 Prozent erhöhen. Auch der gefährdete Einzelwagenverkehr soll dazu modernisiert und gestärkt werden.

Wie steht die Bahn wirtschaftlich da? In den ersten vier Monaten hat sich der Umsatz um 471 Millionen auf knapp 14,6 Milliarden Euro erhöht. Der Gewinn vor Zinsen und Steuern sank allerdings von 434 auf 336 Millionen Euro. Ein großer Teil der Erträge kommt weiterhin aus der vom Steuerzahler subventionierten Infrastruktursparte DB Netz. Neben der Ertragsschwäche machen die hohen Schulden Sorgen. Da nun auch Leasingverpflichtungen ausgewiesen werden müssen, werden in der nächsten Halbjahresbilanz nach Informationen unserer Redaktion bereits mehr als 25 Milliarden Euro Verbindlichkeiten stehen. Die DB AG war 1994 schuldenfrei gestartet, Bundes- und Reichsbahn hatten zuvor in mehr als vierzig Jahren lediglich 32 Milliarden Euro Schulden aufgehäuft.