Debatte über Atomkraftwerke Längere Laufzeiten für Atommeiler helfen nur kurzfristig

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Es wird auch für die Grünen kein Weg an längeren Laufzeiten für die drei letzten Reaktorblöcke vorbei führen. Das darf aber kein Einfalltor für eine Rolle rückwärts in der Energiepolitik sein, kommentiert Redakteur Rafael Binkowski

So ändern sich die Zeiten: Die ehemalige Friedens- und Anti-Kernkraftpartei wird wohl bald einer Verlängerung der Laufzeiten für Kernkraftwerke zustimmen (müssen), ihre Vertreter lassen Waffen an die Ukraine liefern. Die dramatische Lage durch den Ukraine-Krieg und Putins Erpressungsstrategie machen es nötig, alte Überzeugungen über Bord zu werfen. Realpolitisch gesehen ist es schlicht sinnvoll, durch den so genannten „Streckbetrieb“ die drei laufenden Meiler noch etwas länger Strom produzieren zu lassen, damit mehr Gas für Wärmeerzeugung übrig bleibt. Zusätzlicher Atommüll fällt nicht an, da die Produktion jetzt im Sommer gedrosselt wird, um im Winter über den geplanten Abschaltungstermin hinaus mehr produzieren zu können.

 

Nicht zuletzt die Wortmeldungen anderer EU-Länder sollten aufhorchen lassen – neben „üblichen Verdächtigen“ wie Ungarn hat auch Frankreich Deutschland aufgefordert, den Strommarkt durch den AKW-Weiterbetrieb zu entlasten. Von unserem Nachbarland wird Strom häufig im- oder exportiert, daher ist es ein wichtiger Partner in der aktuellen Krise. Es gilt daher, pragmatisch und nicht ideologisch zu entscheiden.

Abgeschaltete Meiler sollten abgeschaltet bleiben

Darüber hinausgehende Forderungen etwa aus Bayern oder anderen EU-Ländern , drei Ende vergangenen Jahres abgeschaltete Atomkraftwerke wieder ans Netz zu nehmen, sind hingegen unsinnig. Es gibt dafür weder Brennstäbe noch Personal, die Genehmigung ist erloschen – sie hochzufahren wäre aufwendig. Das würde nicht kurzfristig für diesen Winter entscheidend helfen. Ob es sicherheitstechnisch überhaupt möglich wäre oder nicht, darüber streiten sich Kernkraftgegner und TÜV-Vertreter noch. Da Deutschland nur 12,6 Prozent des Stromes durch Gaskraftwerke erzeugt werden, wäre der Beitrag ohnehin überschaubar.

Das zeitlich befristete Weiterlaufen der Reaktorblöcke Neckarwestheim 2, Isar 2 und Emsland darf darüber hinaus aber auch kein Einfalltor für eine überholte Technologie sein, die zurecht 2011 zum Auslaufmodell erklärt wurde. Der „Stuttgarter Appell“ einer Gruppe von Wissenschaftler diese Woche war ein Versuch, in der Energiekrise die Grundsatzentscheidung zum Atomausstieg zu revidieren, die in Umfragen weiterhin von einer breiten Mehrheit getragen wird.

Kein Einfalltor für den Ausstieg aus dem Ausstieg

Die Katastrophe von Fukushima hat gezeigt, dass die Risiken der Kernenergie nicht beherrschbar sind. Das wichtigste Argument ist aber das ungelöste Entsorgungsproblem – noch immer gibt es kein Endlager, das für Hunderttausende von Jahren sicher ist.

Auch darf die zeitlich befristete Laufzeitverlängerung für die drei Atommeiler keine Ausrede dafür sein, beim Ausbau erneuerbarer Energien nachzulassen. Es geht um eine Notfallüberbrückung, bis Deutschland von russischem Gas unabhängig ist – um mehr nicht. Gerade die beiden ehemaligen Atomenergie-Hochburgen Bayern und Baden-Württemberg hinken beim Ausbau der Windenergie dramatisch hinterher. Mit teils absurden Begründungen wie der „Verspargelung der Landschaft“ und weltfremden Abstandsgeboten zu Wohnsiedlungen werden Windräder in Süddeutschland behindert. In Baden-Württemberg stehen die Grünen vor dem Dilemma, für die Rotoren Tier- und Naturschutz hintanstellen zu müssen.

Erneuerbare Energie müssen schneller kommen

Der Ausbau von Wind- und Solarenergie geht viel zu langsam voran. Der Boom der Fotovoltaiktechnik wurde von der Großen Koalition rigide abgewürgt, davon hat sich die Branche bis heute nicht erholt. Auch die Stromtrassen von Nord- nach Süddeutschland werden im Schneckentempo errichtet. Diese Bräsigkeit alles müsste schon wegen Klimawandels Besorgnis erregen. Der Krieg in der Ukraine macht die Dringlichkeit noch deutlicher. Jedes Windrad, jede Solarzelle hilft, unabhängig zu werden – nicht nur von Putin, sondern auch anderen Diktaturen.

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