Debatte über Monika Maron Cancel Culture bei S. Fischer

Wie die Romanfigur so die Autorin: Monika Maron entzweit. Foto: imago/Gerhard Leber/Gerhard Leber

Der Rauswurf Monika Marons ist wie die Probe auf das Exempel der anfechtbaren Ansichten, die sie in ihren Werken reflektiert, meint unser Autor.

Kultur: Stefan Kister (kir)

Stuttgart - Die Behauptung, dass in der von Mainstreammedien in Schach gehaltenen Öffentlichkeit keine widerstreitenden Ansichten geduldet würden, ist das beste Mikrofon für die angeblich unterdrückten Stimmen. Man würde den schallverstärkenden „Gesinnungskorridor“ geradezu für eine Erfindung derer halten, die ihn am lautesten beklagen. Denn er sorgt für die zuverlässigsten Echoeffekte.

 

Doch wie sehr müssen alle frohlocken, die sich in ihrer Äußerung eingeschränkt fühlen, wenn ihnen handfeste Beweise für die Existenz eines gedankenpolizeilichen Erkennungsdienstes zugespielt werden, der den Zugang zum freien Meinungsaustausch kontrolliert. Und als einen solchen kann man die nun bekannt gewordene Trennung des S. Fischer Verlags von seiner bedeutenden aber eben auch streitbaren Autorin Monika Maron empfinden.

Repressives Potenzial der Rechtgläubigkeit

In Zeiten, in denen über linke Cancel Culture gestritten wird, verrät dieser Vorgang wenig Fingerspitzengefühl. Und man fragt sich, ob Verlegerinnen wie die Fischer-Chefin Siv Bublitz die Bücher auch wirklich lesen, die bei ihnen erscheinen. Denn hätte es im wirklichen Leben einer Demonstration dessen bedurft, was Monika Marons letzter Roman im Fiktionalen entwickelt, sie hätte nicht sprechender ausfallen können als in dem Satyrspiel dieses Rauswurfs.

„Artur Lanz“ erzählt davon, wie jemand in Konflikt mit der moralischen Orthodoxie unserer Zeit gerät. Der Roman führt an den zentralen Schauplatz, an dem die ideologischen Kämpfe unserer Tage ausgefochten werden und er untersucht das repressive Potenzial, das noch so richtige Ansichten entwickeln können, allein dadurch, dass sie als unumstößlich gelten.

Man kann Monika Maron für eine altersstarrsinnige Provokateurin halten. Aber man sollte den Reflexionsraum der Literatur nicht mit dem Operationsgebiet von Leitartikeln verwechseln. „Gute Bücher werden der Komplexität der Welt gerecht“, sagte die Fischer-Verlegerin Siv Bublitz bei ihrem Amtsantritt in Frankfurt vor einem Jahr. Doch sie brauchen auch Leser, die bereit sind, sich dieser Komplexität zu stellen.

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