Debatte über neuen Namen für Stuttgarter Karnevalsverein „Seit unserer Gründung lehnen wir Diskriminierung ab“

Thomas Haas ist seit 2016 Präsident der sogenannten Zigeunerinsel. Foto: Julia /m

Der Streit um den Namen „Zigeunerinsel“, den Stuttgarts größter Karnevalsgesellschaft seit 1910 führt, ist neu entbrannt. Präsident Thomas Haas sieht den Verein in ein falsches Licht gerückt. Für einen neuen Namen sei er offen, wenn dies die Mehrheit wünscht.

Stadtleben/Stadtkultur: Uwe Bogen (ubo)

Die Kritik am Namen Zigeunerinsel verstummt nicht. Denn der Begriff Zigeuner wird von den betroffenen Roma und Sinti als diskriminierend empfunden und sei auch mit der Verfolgung in der Nazi-Zeit verbunden. Präsident Thomas Haas sagt, für einen neuen Namen sei er offen, wenn dies die Mehrheit wünsche.

 

Herr Haas, heißt die Gesellschaft Zigeunerinsel künftig abgekürzt nur GZ, wie dies Ehrenpräsident Werner „Sloggi“ Find ins Gespräch gebracht hat?

Ein Vorgänger von mir ließ ein Logo für GZ bereits entwerfen. Doch die Abkürzung hat sich nicht durchgesetzt.

Gibt es andere Vorschläge für einen neuen Namen, der nicht belastet ist und der nicht so viele Menschen in Stuttgart verärgert?

Bisher sind mir keine anderen Namensvorschläge bekannt. Unsere Mitglieder können sich gern neue Namen ausdenken. Wenn eine Mehrheit wünscht, dass wir unseren Namen ändern sollten, werden wir dies natürlich tun. Bisher ist kein Antrag auf eine Satzungsänderung eingegangen für unsere Hauptversammlung im März. Uns ist natürlich sehr bewusst, wie die Emotionen wegen unseres Namens hochgehen. Wir gehen damit nicht leichtfertig um.

Würden Sie den Namen ändern, hätten Sie Ruhe und könnten sich auf Ihren eigentlichen Vereinszweck, der karnevalistischen Brauchtumspflege, konzentrieren.

Es geht uns nicht darum, es uns einfach zu machen. Wir können nichts für unseren Namen und unsere Historie. Wir haben eine Verantwortung dafür. Als unser Verein gegründet wurde im Jahr 1910, hat man Menschen diskriminiert – sie durften nicht mehr hinter den Stadtmauern bleiben, sondern mussten sich außerhalb auf den Spitaläckern ansiedeln. Im Volksmund nannte man diese Siedlung „Zigeunerinsel“. Unser Verein wurde gegründet, um diesen ausgegrenzten Menschen zu helfen – wir sind also ein Verein, der sich gegen Diskriminierung von Anfang an gebildet hat.

Aber die Zeiten haben sich geändert. Inzwischen wird das Z-Wort von den damit gemeinten Menschen als diskriminierend empfunden, auch meine Redaktion verwendet es nicht.

Wir müssen uns aber der Erinnerungskultur stellen. Dies geht nur, wenn wir die Dinge beim Namen nennen. Wir leben aber in einer Gesellschaft, die zunehmend empfindlicher geworden ist. „Zigeunerinsel“ ist eine Marke, eine Tradition, die gegen Rassismus und gegen Ausgrenzung steht. Unser Baron dieser Saison lebt in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung. Wir sind offen für die bunte Vielfalt der Stadt.

Sind Sie es nicht leid, ständig die Diskussion über den Namen führen zu müssen?

Ich glaube, dass die Leute verstehen, um was es uns geht, wenn wir es erklären können.

Aber man sieht nur das Z-Wort – ohne Erklärung.

Gerade deshalb bin ich bereit, ausführlich darüber zu sprechen. Auch im Bezirksbeirat West habe ich es getan, als es um unseren Antrag auf finanzielle Förderung der Brauchtumspflege ging. Nach einer ausführlichen Diskussion über unseren Namen wurde der Antrag genehmigt. Dann stell ich mir die Frage, ob es nicht auch eine Art Ausgrenzung ist, wäre der Antrag nur wegen des Namens abgelehnt worden.

Ihr Ehrenpräsident ist offen für eine Änderung des Namens. Wie geht es weiter?

Ich bin offen für jede Diskussion. Wenn eine Mehrheit unserer Gesellschaft einen neuen Namen wünscht, trage ich das mit.

Wie der Verein entstand

Historie
Die Zigeunerinsel ist mit derzeit 580 Mitgliedern die größte und zweitälteste Karnevalsgesellschaft in Stuttgart. Gegründet wurde der Verein 1910, als die westlich der Stadtmauern gelegenen Spitaläcker besiedelt wurden. Dort lebten Menschen, die aus der Stadt vertrieben wurde. Man nannte diese Siedlung der Ausgegrenzten „Zigeunerinsel“, um die sich der Verein kümmerte.

Vorstand
 Der selbstständige Bankkaufmann Thomas Haas, der Unternehmen berät, ist seit 2016 Präsident der Karnevalsgesellschaft Zigeunerinsel. Ehrenpräsident ist Werner „Sloggi“ Find, der von 1990 bis 2010 Präsident war. Der Boa-Gründer und frühere VfB-Stadionsprecher verdankt seinen Spitznamen der Unterwäschemarke Sloggi, die er nie anziehen wollte.

Weitere Themen