Was könnte die längere Laufzeit bringen? In erster Linie: Strom. Strom, der aus Kernkraftwerken kommt, muss nicht mit Gas produziert werden. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts lag der Anteil an Kernenergie im deutschen Strommix im ersten Quartal dieses Jahres bei etwa sechs Prozent. Beim Erdgas sind es 12,6 Prozent. Die Bundesregierung argumentiert, mit dem Atomstrom ließe sich nur die Stromerzeugung aus Kohlekraftwerken ersetzen, er leiste also keinen Beitrag dazu, unabhängig von russischem Gas zu werden.
Was müsste dafür passieren? Zum Weiterbetrieb müsste der Bundestag das Gesetz zum Atomausstieg ändern. Das regelt, dass die verbliebenen Kernkraftwerke Isar 2, Neckarwestheim 2 und Emsland an Silvester vom Netz gehen. Die Politik müsste zudem entscheiden, wie lange der Betrieb noch aufrechterhalten werden soll. Denkbar sind der Streckbetrieb oder eine generelle Laufzeitverlängerung.
Was ist ein Streckbetrieb? Im Streckbetrieb laufen die Atomkraftwerke nach dem eigentlichen Ende des Brennelementezyklus mit geringerer Leistung weiter. Die Temperatur und die Leistung fallen dabei von alleine ab. Dieser Prozess lässt sich aber verlangsamen, indem die Temperatur des Kühlmittels reduziert wird. Das Kraftwerk verliert dabei etwa ein halbes Prozent Leistung pro Tag. Laut der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS) ist Streckbetrieb etwa 80 bis 100 Tage lang möglich. Um ihn zu verlängern, könnte man die Leistung bereits vorher drosseln. Nach Berechnungen der Denkfabrik Agora Energiewende ließen sich durch den Streckbetrieb ein Prozent der russischen Gasimporte und etwa 0,3 Prozent des gesamten deutschen Gasverbrauchs einsparen. „Um Gas einzusparen, hilft der Atomstrom wenig“, sagt Simon Müller, Direktor Deutschland von Agora Energiewende.
Was ist der Unterschied zur Laufzeitverlängerung? Bei einer Laufzeitverlängerung würden die Kraftwerke mit kompletter Leistung auch im kommenden Jahr am Netz bleiben. Dafür müssten aber neue Brennelemente bestellt werden, die erst noch gefertigt werden müssten. „Dafür müsste man den ganzen Produktionsprozess noch einmal organisieren“, sagt Uwe Stoll, technisch-wissenschaftlicher Geschäftsführer der GRS. Würde man jetzt bestellen, könnten die Brennelemente vermutlich erst zwischen Juni und August 2023 geliefert werden.
Welche Risiken birgt eine Laufzeitverlängerung? Bei einer längeren Laufzeit müssten die Kraftwerke Sicherheitsprüfungen nachholen, die sie ausgelassen hatten, da sie ohnehin bald abgeschaltet werden sollten. Darunter fällt zum Beispiel die sogenannte umfangreiche Sicherheitsüberprüfung, die alle zehn Jahre durchgeführt werden müsste und zuletzt 2009 stattfand. Laut Stoll beschränkt sich einiges davon auf Papierkram, der auch während des laufenden Betriebs abgehandelt werden kann. Dazu kommen aber auch aufwendigere Prüfungen der Reaktoren. Die Bundesregierung argumentiert, dass noch nicht abzuschätzen sei, ob es eine Nachrüstung brauchte und wie teuer diese würde. Demnach ist eine Verlängerung von „mindestens drei bis fünf Jahren notwendig, um den Aufwand wirtschaftlich zu rechtfertigen“.
Ist ein AKW-Weiterbetrieb also realistisch oder nicht? Technisch ist das möglich. „Aber es müsste jetzt bald entschieden werden. In zwei Monaten geht das nicht mehr“, sagt Uwe Stoll. Das Personal in den Kraftwerken ist bereits darauf eingestellt, im Dezember aufzuhören, und auch die Sicherheit könnte unter einer kurzfristigen Kurswende leiden.