Völlig zu Recht betont Jazz-Open-Promoter Jürgen Schlensog, dass bei den großen Rock- und Popkonzerten auf dem Schlossplatz stets mehrere gleichrangige Künstler zu sehen sind. Mag der Name manches Acts auch deutlich weniger prominent sein als der des Headliners: Pünktliches Erscheinen lohnt sich, musikalische Klasse ist garantiert. Gänzlich unbekannt ist die norwegische Band Madrugada, erster Gast auf der größten Bühne der Jazz Open, mittlerweile zwar nicht mehr: Bereits zwei Mal triumphierte das Quintett um Sänger Sivert Høyem in den letzten Jahren im LKA.
Freilich liegen Welten zwischen der rustikalen Rock-Kaschemme im Wangener Industriegebiet und dem schönsten Platz der Stadt und einem weitgehend unterschiedlichen Publikum. Umso erstaunlicher daher, wie gut der Indie-Rock von Madrugada am Dienstagabend auch im Rahmen der Jazz Open funktioniert.
Doch die Qualitäten der Norweger sind schlicht offenkundig. Mit Høyem besitzt die Band einen Frontmann, dessen Charisma jeden Winkel des Schlossplatzes füllt und der souverän auch ein Paillettenjackett zu tragen weiß, das selbst Elton John oder Engelbert Humperdinck zur Ehre gereicht hätte. Und mit Cato Salsa Thomassen haben Madrugada einen Gitarristen der Extraklasse in ihren Reihen, der kernigen Riffs massive Schärfe verleihen, sein Instrument aber auch schillernd oszillieren lassen kann oder psychedelisch-filigrane Soli aus den Saiten fieselt, die an Walgesänge erinnern.
Achtzig Minuten lang mäandern Madrugada so von nordisch-kühlem Indie-Rock hin zu dunkel-romantischen Americana-Sounds und wandeln mit intensiven Moritaten sogar auf den Spuren von Großmeistern der Melancholie wie Leonard Cohen oder Nick Cave: ein prachtvoller Auftritt, den das für ungewohnte Klänge bemerkenswert offene Jazz-Open-Publikum mit rauschendem Applaus feiert.
Don Airey ist der heimliche Chef im Ring
Das zweite Kapitel des diesjährigen Gitarren-Gipfeltreffens der Jazz Open schreiben anschließend Deep Purple. Wobei der Hard-Rock von Ian Gillan, Roger Glover & Co. natürlich erst durch die Tastenklänge von Don Airey richtig rund wird. Als heimlicher Chef im Ring thront Airey inmitten einer Burg aus historischen E-Piano- und Orgel-Urviechern, deren fetter, analoger Klang heute wie aus einer anderen Welt wirkt und durch Mark und Bein geht. Neben ihm sorgt Simon McBride für scharfkantige, silbrig gleisende Saitensoli und metallischen Drive – und wo einst deren Vorgänger Jon Lord und Ritchie Blackmore einander quasi von der Bühne spielen wollten, gönnen der junge Gitarren-Heißsporn und der „elder statesman“ an den Keyboards einander jeden Raum und jede Geste.
Ian Paice trommelt dazu mit der Routine von fünfzig Bühnenjahren, aber der Spielfreude eines Dreißigjährigen, und Ian Gillan erobert die Sympathien der gut sechstausend Besucher nicht nur als in Würde gereifter Rock-Shouter, sondern auch mit einer Solidaritätsdusche im zwischenzeitlich strömenden Regen: Gemeinsam ist man einfach schöner nass. Nach einem gleichermaßen virtuos wie tiefenentspannt vorgetragenen Programm mit Klassikern von „Highway Star“ über „When a blind Man cries“ und „Smoke on the Water“ (mit hübsch jazzigem Intro) bis zu „Hush“ und „Black Night“: Ein begeistertes Schlossplatz-Publikum dankt für neunzig Minuten Deep Purple in Bestform – und das sogar ohne „April“ und „Child in Time“.