Deichkind in Stuttgart Im Wizemann schneit es Federn

Von Swantje Kubillus 

Die Hip-Hopper von Deichkind feiern in Stuttgart ein exklusives Clubkonzert und lassen es dabei wie erwartet so richtig krachen. Aber eigentlich steht im Wizemann etwas anderes im Vordergrund.

Weiße Overalls, weiße Gesichter, weiße Wände, der Album-Slogan in Schwarz: Beim Deichkind-Konzert im Wizemann steht der Text  im Vordergrund. Foto: Lichtgut/Oliver Willikonsky 4 Bilder
Weiße Overalls, weiße Gesichter, weiße Wände, der Album-Slogan in Schwarz: Beim Deichkind-Konzert im Wizemann steht der Text im Vordergrund. Foto: Lichtgut/Oliver Willikonsky

Stuttgart - Die Federn waren noch den ganzen Weg entlang bis zur Straßenbahn-Haltestelle zu sehen. Das Wizemann war voll davon wie nach einer krachenden Party daheim, bei der die Kissen des elterlichen Betts zerfetzt wurden. So sieht es aus, wenn Deichkind ein Konzert in Stuttgart geben. Noch dazu ein exklusives. Anlass ist das neue Album „Wer sagt denn das?“, das Ende September erschienen ist. 500 Fans hüpfen am Mittwochabend ekstatisch im kleinen Club Wizemann und singen jede Zeile mit von „Remmidemmi“, tun es damit der siebenköpfigen Bandformation auf der Bühne gleich. Im Schlauchboot werden sie über den Köpfen durch den Raum gereicht, von dort aus verteilen sie die Federn, singen „Yippie Yippie Yeah Yippie Yeah, Krawall und Remmi Demmi!“ Es ist das letzte Stück an diesem Abend und der Höhepunkt des etwa einstündigen Konzerts. Diesen absurden Partyspaß erwartet, wer ein Deichkind-Konzert besucht. Am Ende sind alle gut gelaunt. Kein Krawall.

Auf ihrem neuen Album widmen sich die Hamburger Hip-Hop-Punks allerdings auch ernsten Themen und verpacken diese gekonnt in ihre rauen Elektro-Beats, immer mit einer gehörigen Portion Sprachwitz gewürzt. Deichkind bewegen sich zwischen Hedonismus und Gesellschaftskritik, etwa in einem Song wie „Wer sagt denn das?“. Darin heißt es, „Wer sagt denn, dass impulsive Menschen keine Grenzen kennen/Und dass ’ne Mauer bauen wirklich was bringt, Mr. President?“. Oder in dem Stück „Cliffhanger“, in dem sie das Bingewatching bei Streaming-Portalen auf die Schippe nehmen.

Sie brauchen die schwitzige Höhle

In „1000 Jahre Bier“ frönen sie dem Gerstensaft im Rammstein-Sound und nehmen ironisch Bezug auf den Populismus, während auf dem Konzert munter Dosenbier verspritzt wird. Dass die Hook des Songs tatsächlich von Rammstein-Frontmann Till Lindemann gesungen wird, scheint da fast wie Beiwerk. Im Wizemann erinnert lediglich eine Perücke an ihn. Weiße Overalls, weiße Gesichter, weiße Wände und überall darauf der Album-Slogan in Schwarz, als stünde das Wort im Zentrum ihrer Botschaft. Mancher Fan hat sich im Deichkind-Stil verkleidet. Ab der zweiten Konzerthälfte holt die Band einige Leute aus dem Publikum auf die Bühne, gefeiert wird gemeinsam. Am Ende gehen sie ab per Stagediving.

Das Konzert in Stuttgart war innerhalb weniger Minuten ausverkauft. Ein Ticket kostete nur 12,99 Euro. Ein typischer Deichkind-Einfall. Die Zahl für den Preis ist dem Song „Richtig gutes Zeug“ entnommen. Auf Twitter schrieben sie: „Leute, wir brauchen auch die kleinen, schwitzigen Höhlen. Deswegen haben wir uns entschlossen mal wieder ein Clubkonzert zu spielen.“ Eigentlich müssten sie das nicht, denn Deichkind füllen problemlos große Hallen. Im Februar 2020 beginnt ihre Deutschland-Tour, dann kommen sie wieder nach Stuttgart, sicher in die Schleyerhalle. Die Party steigt bestimmt auch dort.