Deizisauer Fahrradhändler XXL Walcher will mit Indoor-Teststrecke Internetkonkurrenz Paroli bieten

Bei der Trial-Show von Markus Stahlberg und seinem Sohn Neal (im Bild) gab es Action auf zwei Rädern. Foto: /Tim Kirstein

Der Fahrradboom der Coronajahre ist vorbei – die Händler buhlen wieder um die Kundschaft. In Deizisau hat der Fahrradspezialist XXL Walcher kräftig in den Standort investiert – mit einer Idee setzt er sogar neue Maßstäbe in Baden-Württemberg.

Über zwei Geschosse erstreckt sich die Indoor-Teststrecke. Auf dem Boden sind Pfeile und Zebrastreifen aufgezeichnet. Neben der Fahrbahn befinden sich Gehwege, die direkt an den Mountainbikes, Rennrädern und E-Bikes vorbeiführen, die auf den Verkaufsflächen ausgestellt sind. Im Untergeschoss werden im vergrößerten Servicebereich Fahrräder repariert oder neu montiert. So präsentiert sich Fahrrad XXL Walcher in Deizisau nach der Erweiterung.

 

Bürgermeister freut sich über Bekenntnis zum Standort Deizisau

Zuletzt wurde am Standort in Deizisau-West 2013 gebaut. Mit dem Projekt „XXL Walcher 3.0“ habe man nun das Ziel verfolgt, in Baden-Württemberg neue Akzente in der Bikebranche zu setzen, sagt der Geschäftsführer Markus Walcher. „Insgesamt haben wir uns über 800 Ideen erarbeitet“, sagt er. Im Sommer 2022 starteten die Bauarbeiten. Die Gesamtgeschäftsfläche wurde dadurch um 2200 Quadratmeter auf insgesamt 12 000 Quadratmeter vergrößert. Die Bike-Erlebniswelt mit der 400 Meter langen Indoor-Teststrecke und der fünf Kilometer langen Outdoor-Teststrecke sei die größte ihrer Art in ganz Baden-Württemberg, so Seniorchef Gerhard Walcher.

Zur Einweihung der neuen Räumlichkeiten waren neben Deizisaus Bürgermeister Thomas Matrohs auch der Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne), der Landrat Heinz Eininger sowie die Landtagsabgeordnete Natalie Pfau-Weller (CDU) gekommen. „Die Investition ist ein klares Bekenntnis zum Standort Deizisau und zum Landkreis Esslingen“, sagt Matrohs. Für die Verkehrswende im Landkreis sei das Fahrrad ein wichtiger Baustein. Gerade die Indoorstrecke sei für Walcher in Deizisau ein absolutes Alleinstellungsmerkmal.

Bodenwellen sollen die Federung erfahrbar machen

Um die Gesamtlänge erreichen zu können, wurden das erste und das zweite Obergeschoss über zwei befahrbare Rampen verbunden. „Die zwölf Prozent Steigung der Rampen sind vor allem für E-Bikes wichtig“, sagt Gerhard Walcher. So könnten Kunden die Unterschiede zwischen den verschiedenen Motoren testen. Auf den Rampen sind zudem kleinere Bodenwellen angebracht. Hier sollen Kunden später die Federung des Fahrrads ausprobieren. „Das geht nur übers Erfahren“, sagt der Seniorchef. Auch die Verkehrssicherheit spielt bei einer so langen Teststrecke direkt im Verkaufsbereich eine Rolle. „Wir haben versucht, es so zu regeln, dass Fahrradfahrer und Fußgänger klare Wege haben. Zu 90 Prozent funktioniert das auch“, so Walcher.

Neben den umgestalteten Verkaufsflächen wurde auch der Wartungs- und Servicebereich überarbeitet. Heutzutage würde der Service eines Fahrradhandels oftmals an dem der Automobilbranche gemessen, sagt Markus Walcher. „Wir haben manchmal Samstage, an denen über 20 Leute gleichzeitig mit ihren Fahrrädern vor der Werkstatt stehen“, berichtet Gerhard Walcher. Oft brächten Kunden ihre Fahrräder auch spontan vorbei. Deshalb sei es wichtig, große Lagerkapazitäten zu haben. „Es ist ein Glück für uns, dass wir hier vergrößert haben“, meint der Seniorchef. Auch der Bereich zur Neumontage wurde im Zuge des Umbaus vergrößert. „Kaum jemand kauft ein Fahrrad von der Stange“, sagt Walcher. Beispielsweise müssten oft zusätzliche Schutzbleche montiert werden. Durch die Erweiterung wurden etwa 20 neue Arbeitsplätze geschaffen, die meisten davon im Servicebereich.

Teststrecke soll Alleinstellungsmerkmal sein

„Die Investition zu tätigen war in dieser Zeit nicht leicht“, sagt Gerhard Walcher. Doch das Anspruchsdenken der Kunden sei groß. Man könne nicht zwei Jahrzehnte ohne Innovation und Veränderung verstreichen lassen. „Wer erfolgreich sein will, braucht ein Alleinstellungsmerkmal“, findet Walcher. Dieses sei durch die Erweiterung und die neue Teststrecke gegeben, die für den Seniorchef einen wichtigen Vorteil gegenüber dem Onlinehandel darstellt. „Die Daseinsberechtigung des stationären Handels ist es, das Fahrrad erfahren zu können“, erklärt er. Dies sei heute die Voraussetzung für einen Kauf vor Ort.

Einige Händler sind auf Beständen sitzengeblieben

„Wir hoffen, unser Geschäft ist so interessant, dass es auch eine Wirkung nach außen hat“, sagt Walcher. Von der gestiegenen Attraktivität der Deizisauer Verkaufshalle erhofft er sich auch wirtschaftliche Sicherheit für das Unternehmen. Denn der Fahrradboom der Coronazeit ist mittlerweile wieder abgeebbt. Viele Verkäufer stünden nun mit Überbeständen da, was manche Unternehmen dazu zwinge, zu Extrempreisen zu verkaufen, sagt der Seniorchef. „Unsere Philosophie ist, dass wir mehr verkaufen müssen. Jetzt sind wir besonders froh, dass wir umgebaut haben“, sagt Walcher.

Fahrrad als Fortbewegungsmittel

Unternehmen
 Fahrrad XXL Walcher wurde im Jahr 1981 gegründet, seit 1998 ist es an seinem heutigen Standort in Deizisau-West. Die Firma beschäftigt 130 Mitarbeiter und führt etwa 12 500 Fahrräder.

Nachhaltigkeit
 Parkplatzsorgen in Ballungsräumen, körperliche Fitness und der ökologische Nachhaltigkeitsgedanke führen laut Gerhard Walcher dazu, dass viele Menschen auf das Fahrrad umsteigen.

Politik
 Ziel der Landesregierung sei es, dass jeder zweite Weg selbstaktiv, das heißt zu Fuß oder mit dem Fahrrad, zurückgelegt werde, sagt der Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne). Bei Strecken unter fünf Kilometern sei man mit dem Fahrrad zudem oft schneller als mit dem Auto.

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