Dürr-Doppelinterview „Der ökologische Fußabdruck wird wichtiger“
Der Lackieranlagenhersteller Dürr kann auf 125 Jahre Bestehen zurückblicken. Gerne aber gucken Dürr-Miteigentümer Heinz Dürr und Noch-Vorstandschef Ralf Dieter in die Zukunft.
Der Lackieranlagenhersteller Dürr kann auf 125 Jahre Bestehen zurückblicken. Gerne aber gucken Dürr-Miteigentümer Heinz Dürr und Noch-Vorstandschef Ralf Dieter in die Zukunft.
Bietigheim-Bissingen - Es gibt Engpässe bei Blech, Kupfer und Elektronik. Aber auch Container sind knapp. Nicht nur die Lieferengpässe, auch die Klimapolitik treiben Dürr-Miteigentümer Heinz Dürr und Noch-Vorstandschef Ralf Dieter im Jubiläumsjahr um. Herausforderungen hat der Lackieranlagenhersteller schon einige bewältigt.
Herr Dürr, Herr Dieter, Deutschland bekommt eine neue Regierung. Bevorzugen Sie die Ampel oder Jamaika?
Dürr: Es sieht so aus, als würde es die Ampel werden. Leider ist mit Olaf Scholz ein Mann dran, der einige Fehlleistungen aufzuweisen hat, wie beispielsweise beim insolventen Finanzdienstleister Wirecard oder den Cum-Ex-Steuerbetrug. Wenn er Kanzler wird, habe ich ein ungutes Gefühl. Ich habe allerdings bei seinem Kontrahenten auch kein so tolles Gefühl.
Dieter: Schon der Wahlkampf war eine schwache Vorstellung. Bei den Themen ging es nur um Deutschland. Dabei können wir viele Probleme nur lösen, wenn Europa oder sogar die Welt mitziehen. Wie können wir in Deutschland das Klima beeinflussen? Während hierzulande sechs Kohlekraftwerke abgeschaltet werden, gehen in China 60 neue ans Netz.
Ist Klima die größte Herausforderung der künftigen Regierung?
Dürr: Klimaschutz gehört natürlich dazu. Im Fokus steht dabei die CO2-Reduzierung. Unser Unternehmen beschäftigt sich seit 1968 intensiv mit Nachhaltigkeit und Klimaschutz. 2013 habe ich über meine Stiftung das Institut für Energieeffizienz in der Produktion an der Uni Stuttgart gegründet.
Die Politik dürfte Ihnen dankbar sein.
Dürr: Ich war vor Kurzem bei einem Vortrag von Wirtschaftsminister Peter Altmaier zur Energiewende, die ja auf zwei Säulen beruht: einerseits Energieeffizienz und andererseits Ersatz fossiler und Kernenergie durch erneuerbare Energie. Das Wort Energieeffizienz ist bei dem Vortrag nicht ein Mal gefallen. Dabei können wir hier viel machen. Ein Beispiel: Vor zehn Jahren haben unsere Lackieranlagen 1500 Kilowattstunden Strom verbraucht, um eine Karosserie zu lackieren. Innerhalb weniger Jahre haben wir den Verbrauch durch eine effiziente Anlagentechnik auf 500 Kilowattstunden gesenkt. Das nenne ich Energieeffizienz.
Insgesamt steht Deutschland nicht so gut da. Der Strombedarf steigt.
Dürr: Unser Strombedarf wird stark steigen. Nicht nur aufgrund der zunehmenden Elektrifizierung der Fahrzeuge, sondern auch für viele andere Anwendungen, wie zum Beispiel Wasserstoffherstellung. Wir brauchen also mehr erneuerbare Energie, und da gibt es Probleme mit dem Platz und der Genehmigung.
Dieter: Und man muss bei der Elektromobilität differenzieren: E-Autos haben nicht automatisch einen besseren CO2-Footprint als Verbrenner, sondern nur dann, wenn die Batterieproduktion umweltfreundlich ist und der Strom für den Antrieb nicht aus Kohlekraftwerken kommt. Daher müssen wir weiterhin technologieoffen sein.
Zurück zu Dürr: Sind Ihre Kunden aufgeschlossen für energieeffiziente Lösungen?
Dürr: Es kommt darauf an, wie teuer Energie ist. Denn energieeffiziente Anlagen können auch mehr kosten.
Dieter: In den Jahren 2007 und 2008 war Energie teuer, da war die Nachfrage nach unseren Lösungen hoch. Drei Jahre später war die Energie billig – und sie interessierten nicht mehr. Mittlerweile hat sich das Bild aber verändert: Nachhaltige Technologien werden immer mehr zum Treiber für unser Geschäft.
Spüren Sie eine Veränderung durch die jüngsten Naturkatastrophen?
Dieter: Das wäre sehr kurzfristig. Aber langfristig gibt es Veränderungen: Früher war der ökologische Footprint kein wesentliches Investitionsmotiv, heute rückt er immer mehr in den Vordergrund.
Dürr: Dürr wird von dieser Veränderung wirtschaftlich profitieren, weil wir konsequent an dem Thema Nachhaltigkeit festgehalten haben.
Wie nachhaltig ist das Unternehmen Dürr selbst? Sind Sie klimaneutral?
Dieter: Wir könnten das sein, wenn wir im Jahr 500 000 Euro für Ausgleichsmaßnahmen zahlen würden. Andere Firmen machen das. An dieser Zahl sehen Sie bereits, wie klein der CO2-Footprint unserer Standorte ist. Nur zum Vergleich: Allein die Dienstreisen per Flugzeug haben bei Dürr – vor Corona – zu einem fünfmal so hohen CO2-Ausstoß geführt. Allerdings haben wir als Engineering-Unternehmen auch kaum energieaufwendige Industrieprozesse.
Die Rechnung stimmt aber nicht ganz. Realistisch müssen Sie die Zulieferer auch berücksichtigen.
Dieter: Das stimmt. Aber wir sind noch nicht so weit, um dazu Konkretes zu sagen. Wir werden noch in diesem Jahr unsere Klimastrategie vorstellen. Wir arbeiten mit Hochdruck daran.
Zum Thema Zulieferer gehören auch Materialengpässe.
Dieter: Auch wir haben Engpässe. Blech, Kupfer bis hin zur Elektronik sind knapp und deutlich teurer geworden. Dennoch sind wir recht gut unterwegs. Unser großes Thema ist die Logistik. Container kosten das Sechs- bis Achtfache wie vor einem Jahr. Daher agieren wir flexibel. In der Vergangenheit haben wir Bleche aus China eingeführt, jetzt kommen sie aus Polen.
Können Sie die Aufträge fristgerecht erfüllen?
Dieter: Homag, unsere Tochter für Holzbearbeitungsmaschinen, hat die Lieferzeiten verlängert. Das wissen unsere Kunden. Weil wir im selben Boot sitzen wie viele andere Unternehmen, regt sich darüber niemand auf. Im Lackieranlagengeschäft, das einen langen Vorlauf hat, haben wir viele Materialien frühzeitig geordert.
Wer trägt die anfallenden Mehrkosten?
Dieter: Die Mehrkosten müssen wir zu einem guten Teil selbst tragen. Nur bei Homag haben wir Anfang Oktober die Preise für Kunden erhöht. Insgesamt haben wir für dieses Jahr Mehrkosten von 20 Millionen Euro wegen Logistik und Materialpreisen kalkuliert. Das ist alles schon in unserer Planung berücksichtigt, daher werden wir unsere im Juli veröffentlichte Ergebnisprognose erreichen.
Maschinenbauer dürften sich nicht nur um die Lieferkette sorgen, sondern auch um ihre Innovationskraft etwa im Vergleich zu China.
Dieter: In Deutschland gibt es viele innovative Unternehmen. Fakt ist aber auch, dass die Chinesen in vielen Feldern aufholen oder bereits aufgeholt haben. Es wird Felder geben, wo die Chinesen besser sein werden. Und es wird Felder geben, wo wir uns behaupten können. Letzteres wird aber eher in Spezialbereichen der Fall sein. Eine Gefahr sehe ich allerdings bei vielen kleineren Maschinenbauern hierzulande, die nicht so innovativ sind.
Apropos China. Die Volksrepublik ist für den Anlagenbauer Dürr, der 125 wird, ein ganz wichtiger Markt. Seit wann sind Sie dort?
Dürr: Ich war 1979 das erste Mal in China – mit dem damaligen Ministerpräsidenten Lothar Späth, dem Gewerkschafter Franz Steinkühler und dem Bischof Georg Moser. Wir waren 14 Tage lang in der Volksrepublik. Das war der Türöffner. Dürr gehört zu den ersten Unternehmen, die in China tätig waren. Bereits Mitte der 1980er Jahre haben wir für VW in China Anlagen gebaut.
Späth, Steinkühler, Moser sind nur drei schillernde Namen, die Ihr Faible fürs Netzwerken illustrieren.
Dürr: Mit 88 Jahren kenne ich schon einige Leute. Und einige kennen mich. Die wollen zwar nichts mehr von mir wissen, aber sie freuen sich, wenn sie mich treffen.
Ist Netzwerken ein Erfolgsrezept von Dürr?
Dürr: Netzwerk heißt doch Kontakte. Mein Vater hat sehr von seinen guten Kontakten profitiert. Die Bilanz war nicht seine Stärke, aber er war ein echter Netzwerker. Er hat alle maßgeblichen Leute gekannt – und Verbindungen hergestellt.
Dieter: Als ich 2005 in den Dürr-Vorstand kam, hat Herr Dürr mich bei den Kunden eingeführt. Gemeinsam sind wir etwa nach Wolfsburg zu den VW-Vorständen gefahren.
VW ist ja auch ein besonderer Kunde von Dürr. Wegen VW haben Sie Anfang der 1960er Jahre die erste Auslandstochter gegründet – in Brasilien. Wie kam das?
Dürr: Der Produktionschef von VW fragte bei uns an wegen einer kompletten Lackieranlage für Brasilien. Das war Neuland für uns, denn wir hatten zum Beispiel noch keine Lackierkabinen gebaut. Ich bin also dann nach Brasilien geflogen und habe dort zwei Unternehmer getroffen. Wir haben eine brasilianische Firma gegründet, das komplette Angebot erstellt und den Auftrag bekommen. Per Telegramm habe ich meinen Vater gebeten, mir 20 000 Schweizer Franken für die Gründung der Dürr do Brasil zu schicken.
Dieter: Um dieses Geschäft richtig einzuschätzen, sollte man wissen: Der Auftrag war doppelt so groß wie der damalige Jahresumsatz. Zusätzlich wurde technologisches Neuland betreten. Meines Erachtens war das Ihre größte unternehmerische Tat, Herr Dürr. Sie haben damals viel aufs Spiel gesetzt.
Dürr: Geholfen hat mir dabei, dass der Sohn jenes VW-Vorstands in Brasilien Planungsleiter bei VW war. Letztlich war es ein tolles Geschäft für uns. Es blieb keine Ausnahme: Wir haben immer Risiko auf uns genommen.
Haben Sie auch Sachen gemacht, die gefloppt sind?
Dieter: Es gab immer mal wieder Innovationen oder Geschäfte, die nicht funktioniert haben. Existenzgefährdend waren in der 125-jährigen Geschichte geschätzt vier oder fünf Momente – aber vor dem Krieg.
Aber 2005 war die Lage wegen Hedgefonds auch kritisch – oder?
Dieter: Dürr hatte damals mehrere Unternehmen gekauft, ohne das entsprechende Geld zu haben. Wir waren hoch verschuldet und mussten drei Firmen verkaufen – danach waren wir schuldenfrei. Seitdem wollen wir nie mehr von Banken abhängig sein. Die Bankengespräche 2005 waren für mich fast schon traumatisch.
Herr Dürr, Sie sind auch mit 88 Jahren fit. Trotzdem: Wie geht es weiter? Wird eine Ihrer drei Töchter sich noch stärker als bisher bei Dürr engagieren?
Dürr: Meine Töchter bleiben Ankeraktionäre. Aber so wie es aussieht, werden sie nicht operativ in das Geschäft eingreifen. Meine Tochter Alexandra Dürr vertritt die Familie schon seit 2006 im Aufsichtsrat. Ob eine oder einer meiner Enkel einmal in die Firma kommt?
Die Macher bei Dürr
Heinz Dürr
Auch wenn er in Berlin lebt, ist Heinz Dürr (88) ein Baden-Württemberger. Er ist Miteigentümer eines schwäbischen Traditionsunternehmens: dem Lackieranlagenhersteller Dürr. Dürr leitete zunächst das Unternehmen, dass von seinem Großvater gegründet wurde. Bald darauf übernahm der Umtriebige den Chefposten bei AEG, es folgte ein Engagement als Vorstandsmitglied bei Daimler. 1991 wechselt er zur Bahn, er führte die Bahnen von Ost- und Westdeutschland zusammen. Er wurde erster Vorstandschef der Deutschen Bahn.
Ralf Dieter
Dürr-Chef Ralf Dieter hat in vielen Branchen Erfahrungen gesammelt. Der Volkswirt (60) startete die Karriere bei der Deutschen Automobil-Treuhand in Ratingen. Nach Stationen bei IBM und der Carl Zeiss Industrielle Messtechnik wechselte der begeisterte Porsche-Fahrer 2003 in den Dürr-Konzern. Zunächst wurde der Hobbytennisspieler Chef der Dürr-Tochter Schenck, 2005 folgte die Berufung in den Konzernvorstand, dessen Vorsitz er ein Jahr später übernahm. Ende 2021 übergibt er den Stab seinem Stellvertreter Jochen Weyrauch.