Immer mehr Demente in Kliniken Wie sich das Robert-Bosch-Krankenhaus der Herausforderung stellt

Kliniken müssen sich darauf einstellen, dass man mit Demenzkranken sensibler umgehen muss. Foto: RBK/Kai Loges

Verwirrt, orientierungslos, aggressiv: Patienten mit Demenz fordern das Klinikpersonal in besonderer Weise. Wie man sich darauf einstellt, zeigt das Robert-Bosch-Krankenhaus in Stuttgart.

Gesundheit für Menschen in Stuttgart: Bettina Hartmann (ina)

Die alte Dame tapert orientierungslos durch die Gänge, der alte Herr hat sich ins Bett seines Zimmernachbarn gelegt, eine andere Dame hat sich den Portkatheter aus dem Handrücken gerissen – Alltag in deutschen Krankenhäusern.

 

Mehr als acht Millionen ältere Menschen werden in Deutschland jährlich stationär behandelt. Eigentlich eingeliefert mit Knochenbrüchen, Lungenentzündungen oder Harnwegsinfekten, haben alte Patienten aber oft Bedürfnisse, die über das Routineprogramm hinaus gehen. Laut einer Studie weisen 40 Prozent aller über 65-Jährigen in Kliniken kognitive Veränderungen auf. 20 Prozent davon sind sogar schwer dement, Tendenz steigend. In einer alternden Gesellschaft nicht verwunderlich. Doch viele Krankenhäuser stellt das vor große Probleme: Sie sind auf Effizienz ausgelegt, in ihren Abläufen nicht auf Menschen mit Demenz eingestellt – und das Klinikpersonal arbeitet ohnehin schon an der Belastungsgrenze.

Fremde Umgebung verwirrt

„Für Demente ist ein Krankenhausaufenthalt in vielen Fällen Gift“, sagt Petra Koczy, die Therapieleiterin an der Geriatrischen Rehabilitationsklinik im Robert-Bosch-Krankenhaus (RBK) in Stuttgart. Die unbekannte Umgebung, fremde Menschen, neue Abläufe, Schmerzen, die nicht eingeordnet werden können, andere Geräusche, das Fehlen von Bezugspersonen – all das überfordere, verwirre und stresse die Betroffenen. „Und es führt oft genug dazu, dass sich die Symptome der Demenz noch verstärken“, so Koczy weiter. Auch das Klinikpersonal stehe vor Herausforderungen, wenn demente Patientinnen und Patienten Aufforderungen nicht verstehen, nicht bei der Behandlung mitwirken, nicht kommunizieren können, ständig weglaufen und für Unruhe auf der Station sorgen.

Um einen feinfühligen, würdevollen Umgang mit den Erkrankten im Klinikalltag möglich zu machen, wird am RBK seit einiger Zeit an einem Konzept für ein demenzsensibles Krankenhaus gearbeitet – und vieles bereits umgesetzt. Schon vor zehn Jahren wurde etwa eine kleine Abteilung eingerichtet, die Kognitive Geriatrie. In der Spezialeinheit mit zehn Betten wird auf die besonderen Bedürfnisse von Dementen eingegangen.

Schon Kleinigkeiten helfen

Dort hängen zum Beispiel große Uhren und Kalender an den Wänden, um die zeitliche Orientierung zu ermöglichen. Toiletten und die Wege dorthin sind klar beschildert, damit der Patient sie auch findet. Türen sind farblich so gehalten, dass sie nicht sofort als solche erkennbar sind – und dadurch das Weglaufen erschweren. Und im Gemeinschaftsraum wird zusammen gegessen. Oft sind es Kleinigkeiten, die den Aufenthalt für Erkrankte erträglicher machen und auch den Umgang mit ihnen erleichtern.

Doch letztlich reicht das nicht. Zumal immer mehr Demenzkranke stationär behandelt werden: „Wir sprechen bundesweit über Millionen von Patienten und nicht über ein paar Tausend“, sagt Winfried Teschauer, Gerontologe und Vorstandsmitglied der Deutschen Alzheimer Gesellschaft. Demenz sei in der Gesellschaft ein großes Thema, das somit „auch für die Krankenhäuser ein großes Thema sein sollte“. Die Frage ist: Wo ansetzen?

„Wir müssen vor allem dafür sorgen, dass der demente Patient das Krankenhaus nicht in einem schlechteren kognitiven Zustand verlässt“, sagt die RBK-Oberärztin Kerstin Bühl. Wie ihre Kolleginnen Petra Koczy und Marita Schmidt, Pflegeexpertin und am Bildungszentrum des RBK tätig, hat sie das von der Robert-Bosch-Stiftung finanzierte Projekt federführend begleitet. „Idealerweise bräuchte der Demenzkranke von der Aufnahme bis zur Diagnostik sowie für den Aufenthalt auf der Station eine Betreuung an seiner Seite.“

Eine derart intensive Behandlung kostet jedoch Geld und mehr Personal. In aller Regel kann das Krankenhaus dafür aber keinen Cent mehr abrechnen. In Zeiten, in denen Kliniken immer ökonomischer arbeiten sollen, „ein Dilemma, das uns vor riesige Probleme stellt“, fasst Bühl zusammen. Im RBK setzt man daher auch auf freiwillige Patientenbegleiter. Diese müssen allerdings geschult werden – genauso wie das gesamte Krankenhauspersonal.

Bilder helfen, das Zimmer zu finden

Verkürzte Wartezeiten bei der Behandlung, mehr Ansprache und Berührungen, farbliche Wegführung in den Gängen, Tier- oder Blumenbilder an der Tür, um das Zimmer wiederzufinden, buntes Geschirr, um Anreize fürs Trinken und Essen zu schaffen – all das sind Mittel, um Demenzkranken den Krankenhausaufenthalt zu erleichtern. „Der erste Schritt ist aber, dass man die Erkrankung überhaupt erkennt. Und zwar gleich am Anfang“, sagt Marita Schmidt. Vor allem bei Notfällen werde diese Information oft nicht an die Klinik mitgeliefert. Schon in der Pflegeausbildung werde daher verstärkt vermittelt, woran man erkennt, ob ein Patient „nur dehydriert ist oder tatsächlich kognitive Schwierigkeiten hat“. Hierbei setze man auf die digitale Patientenakte, die ab Januar kommt, große Hoffnungen.

Bis diese flächendeckend eingesetzt wird, erfasst das RBK aber schon jetzt bei der Aufnahme, wie es um den Patienten steht: „Ob Ärzte, Pfleger oder Therapeuten: Jede weitere Abteilung sieht dann sofort, was los ist“, so Schmidt. Im weiteren Verlauf sei es dann wichtig, beruhigend auf die Patienten einzuwirken, eine aktivierende Tagesstruktur und so Kontinuität zu schaffen, auch im Dienstplan. Denn Demente, egal in welchem Stadium, brauchen Routine, um sich sicherer zu fühlen.

Zudem seien die Angehörigen und Freunde gefordert: Es sei zwar bei allen Patienten gut, über „den persönlichen Kontext Bescheid zu wissen und eine Beziehung aufzubauen“, so Petra Koczy – bei Demenzkranken sei dies aber essenziell. „Das alles ist ein Aufwand“, erklärt die Therapieleiterin. „Doch wenn wir das nicht machen, wird der Aufwand später, wenn der Patient die Klinik wieder verlässt, noch größer.“

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