Demonstration bei Deckenpfronn Protestler lassen Gäu leuchten

Zu den Landwirten gesellen sich am Freitag auch Fuhrunternehmer, eine Heizölfirma und Handwerker. Sie alle eint der Frust über manche Zustände im Land. Foto: /Stefanie Schlecht

Auf einem weitläufigen Feld bei Deckenpfronn stellen am Freitag rund 200 Landwirte und Mittelständler einen Protestzug auf die Beine.

Böblingen: Jan-Philipp Schlecht (jps)

Ein offenes Feld bei Deckenpfronn. Die Einheimischen nennen das Gewann Bartha, was natürlich keiner so sagt. Viel mehr wird es schwäbisch zu „uff d’r Barda“. Dort oben zwischen Deckenpfronn und Oberjesingen treffen sich am Freitagabend an die 200 Protestler mit an die 100 Fahrzeugen. Die meisten davon Traktoren.

 

Gäuleuchten nennt sich die Zusammenkunft. Es ist die jüngste Form von Demonstrationen, die längst nicht mehr nur aus Landwirten bestehen. Unter denen, die dort oben am Freitagabend hupenderweise ihren Unmut kundtun, sind auch Fuhrunternehmer, eine Heizölfirma und ein Getränkehändler sowie Handwerker und vereinzelt Privatleute.

Das Gewann ist eines der höchst gelegenen im Kreis

Neben einer Feuerschale steht an diesem Abend Dieter Schneider, Landwirt aus Deckenpfronn. „Ich bin weiß Gott nicht zum ersten Mal dabei heute“, sagt er. Seine Familie beteilige sich an den Bauernprotesten so oft sie könne. Ihnen gehört der Hühnerhof im Ort mit 2500 Tieren. „Es muss etwas passieren, nicht nur in der Landwirtschaft“, sagt Schneider. Er sei nicht der Initiator der Aktion, zähle sich aber zu denen, die sie mit auf die Beine gestellt haben.

An der Wegkreuzung auf der Anhöhe hängen Petroleumlampen, es gibt einen Biertisch mit Verpflegung. Eine Metzgerei aus Stammheim lieferte 250 Bratwürste zum Materialpreis, Bier und Spezi kamen von einem Händler aus Herrenberg. Den Ort haben die Organisatoren mit Bedacht gewählt: Das Gewann liegt auf 580 Metern und ist eines der höchst gelegenen im Kreis Böblingen. Was hier geschieht, wird weithin gesehen.

Gewaltige Prozession setzt sich in Gang

Um 19:36 Uhr setzt sich die gewaltige Prozession in Gang: Eine nicht enden wollende Kolonne aus Traktoren, Lastwagen und sogar ein Wohnmobil umrunden zweimal die mehrere Hektar weiten Felder. Als sie zum zweiten Mal an der Verpflegungsstation vorbeikommen, ruft es von einem Schlepper herunter: „Hend‘r nô a Bier?“, „Freylech, wâ brauch‘sch?“ – Drive-in mal anders.

„Wir sind von den Straßenprotesten abgekommen. Vor allem am Freitagabend wollen die Leute doch von der Arbeit nach Hause“, sagt Schneider. Aber wer glaubt, die Bauernproteste seien jetzt zahm geworden, irrt. Der Lärm ist ohrenbetäubend.

Mit auf die Beine gestellt hat das Gäuleuchten der Nufringer Unternehmer Michael Wankmüller von der gleichnamigen Heizölfirma. „Im Hintergrund der öffentlichen Beteiligung laufen zwar viele Gespräche der Politik mit den Spitzenverbänden der Wirtschaft und der Landwirtschaft, richtig viel Zählbares ist bislang jedoch nicht dabei raus gekommen“, schreibt er im Vorfeld der Mahnwache. Er wolle zeigen, dass beobachtet werde, ob einerseits Versprechen seitens der Politik eingelöst würden „und um andererseits unser Land wieder auf einen vernünftigen Kurs in Sachen Klima, Wirtschaft, und Landwirtschaft sowie Soziales zu bringen.“

So neu die Form des Protests, so bekannt die Argumente

So neu und leuchtend die neue Form des Protests ist, so bekannt sind die Argumente. „In meinen Augen gibt es ein grundsätzliches Problem mit der Akzeptanz in unserem Land“, sagt ein anderer Teilnehmer, der dabei steht. Viele Städter wüssten doch gar nicht mehr, wo die Lebensmittel in den Regalen überhaupt herkommen. Als er und andere Anfang des Jahres ein Mahnfeuer in Deckenpfronn organisiert hätten, seien zwischen 600 und 700 Menschen gekommen. Auf dem Elbenplatz in Böblingen gerade mal 150, was sich als krasses Stadt-Land-Gefälle in puncto Akzeptanz interpretieren lässt.

Als Bundeskanzler Olaf Scholz Anfang der Woche Nagold besuchte, gelang es einer Landwirtin, über den Kontakt zur SPD-Vorsitzenden Saskia Esken direkt mit dem Kanzler zu sprechen. „Der hat ihr natürlich gut zugesprochen und gesagt, die Politik tue viel für die Landwirtschaft“, sagt Dieter Schneider. „Doch sobald er aus der Tür raus ist, bleibt außer warmen Worten davon nicht viel übrig“, ist er überzeugt. Ob es mit den Protesten jetzt so munter weitergehe? Schneider: „Der Winter geht vorbei. Die Saat steht bevor.“ Viele seiner Kollegen werden in den nächsten Wochen und Monaten auf den Feldern viel zu tun haben. Da bleibe weniger Zeit für Demonstrationen.

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