Demonstrationen in Russland Der Protest gegen Putin wird im Keim erstickt

Von Stefan Scholl 

Zehntausende Menschen gehen in Russland gegen das Regime Putins auf die Straße. Hunderte werden verhaftet, darunter auch der Oppositionsführer Nawalny.

Die Polizei geht in Moskau hart gegen Demonstranten vor. Foto: AP
Die Polizei geht in Moskau hart gegen Demonstranten vor. Foto: AP

Moskau - Die Sprechchöre flackern immer wieder auf. Vor dem Gebäude des Iswestija-Verlags am Puschkinplatz drängen sich mehr als 1000 Menschen und skandieren: „Zwei, drei, vier, Putin geh weg von hier!“ Mehrere Fangtrupps von Einsatzpolizisten in schwarzen Helmen und Kampfanzügen stürzen sich in die Menge, packen die lautesten Rufer und schleppen sie in Richtung der Polizeibusse. „Schande! Schande!“, schreit man ihnen hinterher. Dann stimmt jemand die russische Nationalhymne an.

Zehntausende Menschen sind am russischen Nationalfeiertag nicht nur in Moskau, sondern im ganzen Land auf die Straßen gegangen, um gegen Wladimir Putins Regierung zu protestieren. „Wir wollen die Zustände ändern“, sagt der 15-jährige Schüler Michail. „20 Millionen Russen leben unterhalb der Armutsgrenze.“ Tausende Demonstranten landen am Ende in Polizeibussen. Eigentlich hatten die Behörden die von Oppositionsführer Alexej Nawalny auf dem Sacharow-Prospekt beantragte Kundgebung gestattet. Aber der Oppositionspolitiker verkündete am Sonntagabend, unter dem Druck der Stadtverwaltung hätten sich die Firmen reihenweise geweigert, ihm Bühne und Lautsprecher zu vermieten. Deshalb verlege man die Demonstration ins Stadtzentrum. Hier hatten die Behörden zum „Tag Russlands“ ein historisches Festival organisiert.

Nawalny wird im Flur seines Hauses verhaftet

Auch Nawalny gab sich patriotisch: „Wir veranstalten einen friedlichen Spaziergang unter russischen Flaggen zum Tag Russlands.“ Kurz vor Beginn der Demonstration erklärte ein hoher Polizeibeamter noch, man werde niemanden behelligen, der auf der Twerskaja unterwegs sei, ohne Plakate zu tragen oder politische Parolen zu rufen.

Die Praxis sah dann anders aus. Nawalny selbst wurde noch im Flur seines Wohnhauses verhaftet. Und auf der geplanten Kundgebungsroute vom Weißrussischen Bahnhof bis Puschkinplatz waren beide Bürgersteige wegen Kanalarbeiten aufgerissen. Tausende Moskauer quälten sich im Gänsemarsch an Polizeikordons vorbei.

Zwischen den tarngrün uniformierten Kordons stauten sich zeitweilig 3000 bis 4000 Leute. Sie skandierten immer wieder „Russland, Russland“ und bejubelten einen jungen Mann, der mit einer Russlandflagge auf einem Balkon über den Edelsupermarkt „Jelissejski“ geklettert war. Aber nach etwa einer Stunde begannen auch dort die Fangtrupps zu arbeiten.

„Es ist doch unser Recht, friedlich zu demonstrieren“

Das Bürgerrechtsportal OWD-Info bezifferte die Zahl der Festgenommenen in Moskau auf über 700, in Sankt Petersburg sogar auf über 900. Dort hatten insgesamt 10 000 Menschen an einem nicht genehmigten Meeting teilgenommen. In der Provinz verlief der Tag ähnlich. In einigen Städten hatten die Behörden die Kundgebungen erlaubt. In anderen hatte es die Polizei vor allem auf Demonstranten abgesehen, die Plakate mit sich trugen oder politische Parolen riefen. In Kasan erlaubte die Staatsmacht die Veranstaltung, Polizisten führten den Organisator und einen Redner aber trotzdem ab.

„Sie fangen diesmal jeden ein, der nur den Mund aufmacht“, sagte Wladimir, ein Moskauer Volkswirtschaftsstudent, vor dem Iswestija-Gebäude in Moskau. Der 15-jährige Michail und zwei seiner Klassenkameraden verfolgten die Jagdszenen von einem ummauerten Rasenstück, das die Polizei mehrmals stürmte. Aber sie hätten keine Angst, sagte Michail. „Es ist doch unser Recht, friedlich zu demonstrieren.“




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