Demos gegen Stuttgart 21 Pixelweise auf Wahrheitssuche

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Andri Holmgeirsson hat ein Programm entwickelt, das Menschenmassen auf Fotos zählt. Er hat die Teilnehmerzahlen bei S-21-Demos errechnet.

Rechnerleistung statt Handarbeit: der Computerexperte lässt ein Programm die Demonstranten vom 19. Februar zählen. Foto: Polizei
Rechnerleistung statt Handarbeit: der Computerexperte lässt ein Programm die Demonstranten vom 19. Februar zählen. Foto: Polizei

Stuttgart - Misstrauen ist die reflexartige Reaktion bei Stuttgart-21-Gegnern und bei der Polizei, wenn nach den Demonstrationen die Teilnehmerzahlen bekannt werden. Am Wochenende war das wieder so, beide Seiten gaben sich durch ihre weit auseinanderliegenden Zahlen reichlich Anlass zur Skepsis: Rund 18.000 Menschen zählte die Polizei, 58.000 gaben die Veranstalter an.

Der Unternehmer Andri Holmgeirsson aus Weil der Stadt traut weder den einen noch den anderen, er setzt auf die Hilfe des Computers. Der selbstständige Informatiker hatte im Sommer 2010, als nach den großen Demos der Zahlenstreit zum Dauerthema wurde, einfach genug: "Ich bin an der Wahrheit interessiert, nicht an einem Schwankungsstreit", sagt er. Also löste er das Problem, wie es ein Informatiker nun einmal tut: Holmgeirsson setzte sich an den Computer und ersann einen Algorithmus, der die Körper der Demonstranten auf Luftbildern zählt. Dabei kam der 48-Jährige zum gleichen Ergebnis wie die Polizei.

Nichts anderes als der Rechner hatte die Polizei bei der Großdemo im Februar gemacht, um den fortdauernden Streit zu beenden. Beamte beugten sich über die hochaufgelösten Bilder und zählten die wie einen Haufen bunter Stecknadelköpfe wirkende Schar. Sie kamen auf rund 13.000 Teilnehmer. Bei früheren Demos hatte die Polizei ebenfalls die Vogelperspektive gewählt. Jedoch hatten die Beamten dabei ein Raster über den Platz gelegt. Aufgrund der Angaben, wie dicht die Menschen unten standen, wurde dann die Menge geschätzt.

Fehlerquote ist gering

Die Polizei hatte im Februar die von Hand ausgewerteten Bilder für Zweifler ins Netz gestellt, damit wer wollte selbst nachprüfen könnte. Nicht als Zweifler, sondern als Forscher lud Holmgeirsson sich die Aufnahmen herunter. Der Rechner erkennt, wenn sich eine Figur von der Umgebung abzeichnet. Zwölf mal fünf Pixel misst ein Mensch auf den Fotos. "Wenn nun ein Blumenkübel die gleiche Form hat wie ein Mensch, wird er dummerweise mitgezählt", räumt der Informatiker ein. Die Fehlerquote sei aber erfreulich gering. "Ich wollte, bevor ich weiterforsche, wissen, wie exakt ich bin", sagt der Chef der IT-Firma Aholm. Deswegen beauftragte er das Fraunhofer-Institut für Optronik, Systemtechnik und Bildauswertung (IOSB) mit einer Machbarkeitsstudie, das Wirtschaftsministerium förderte diese.

Die erste Bilanz sieht für Andri Holmgeirsson nach der Studie gut aus. Seine Methode sei nicht nur - wie ihm das IOSB bescheinigt - wesentlich exakter, als er es sich erhofft hatte. "Der Rechner ist auch sehr schnell", sagt der Informatiker. Einen Ausschnitt, auf dem 11.000 Menschen zu sehen sein sollen, erfasste der Computer in zehn Minuten. Noch wichtiger ist für den Erfinder die Zuverlässigkeit: "Bei einer Genauigkeit von 80 Prozent hätte es sich nicht gelohnt", sagt er.

Bevor der Erfinder das Zählprogramm weiter automatisiert, will er den Markt erforschen: Veranstalter, Medien und Polizei sieht er als potenzielle Kunden. Er wolle das Zählen als Dienstleistung anbieten, die "im Expressservice" binnen einer halben Stunde ein Ergebnis verspreche. Noch müsse vor der Zählung von Hand das zu erfassende Gebiet auf dem Foto markiert werden. Das soll automatisch gehen, bis das Programm marktreif ist. Aber dafür braucht Holmgeirsson einen größeren Interessentenkreis - von Stuttgart-21-Demos könne man nicht leben.

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