Denkmal Antonias Welt

Von  

Es ist ein Gemälde, das Rätsel aufgibt: Wie eine württembergische Prinzessin den Pietismus mit der jüdischen Geheimlehre der Kabbala zusammenbrachte.

Die grüngekleidete Frau im Vordergrund ist Antonia selbst. Foto: Schneider-Editionen
Die grüngekleidete Frau im Vordergrund ist Antonia selbst. Foto: Schneider-Editionen

Bad Teinach - Antonia hätte auch eine Fußnote der Landesgeschichte sein können. Geboren 1613, gestorben 1679, Tochter des Herzogs Johann Friedrich von Württemberg, Schwester des seit 1628 regierenden Eberhards III., dynastisch ohne Bedeutung. Zu ihren Lebzeiten tobte der Dreißigjährige Krieg, weite Teile Südwestdeutschlands waren ausgeplündert. Harte Zeiten, auch der Hof in Stuttgart hatte wenig Geld. Niemand ihrer Zeitgenossen hätte von dem evangelischen Fräulein mehr erwartet, als regelmäßig in die Kirche zu gehen und schöne Handarbeiten zu fertigen. Das mag Durchlaucht, so ihr offizieller Titel, auch gemacht haben.

Aber Prinzessin Antonia war hochgebildet und umgab sich mit einem Kreis von Gelehrten, mit denen sie offenbar auf Augenhöhe über Gott und die Welt debattieren konnte. Sie war mit dem Theologen Johann Valentin Andreä und Philipp Jacob Spener befreundet, dem Begründer des Pietismus. In Anspielung an die griechische Göttin der Weisheit rühmte sie ein Zeitgenosse gar als „Württemberger Minerva“.

Doch der Grund, warum sie nie ganz vergessen wurde, ist ein eigenartiges Denkmal, das sich Antonia in Gestalt ihrer sogenannten Lehrtafel in Bad Teinach selbst gesetzt hat. Dahinter verbirgt sich ein vierteiliges Ensemble religiös inspirierter Gemälde, aufgemalt auf eine Art heiligen Schrein, der genau 5,10 Meter breit und 6,50 Meter hoch ist. Die Prinzessin verfügte, dass nach ihrem Tod ihr Herz in der Wand dahinter bestattet werden sollte – getrennt von ihrem Körper, der in der Stuttgarter Stiftskirche ruht.

Das Hauptgemälde will nicht weniger, als die verborgenen Geheimnisse von Welt- und Heilsgeschichte zeigen. In einer heute kaum mehr verständlichen Form mischen sich Symbole der christlichen Mystik und der jüdischen Geheimlehre der Kabbala mit Porträts historischer Personen. Diese rätselhaften Bilder ziehen seit Jahrhunderten einen dünnen, aber ununterbrochenen Strom von Pilgern an, Theologen und Konfirmanden, Pietisten und Anthroposophen, feministische und jüdische Reisegruppen.

Etwas Heilsames für die Seele

Das Heilbad im Nordschwarzwald war schon im 17. Jahrhundert ein beliebter Kurort, auch für die Herzogsfamilie. Mit der Stiftung der Lehrtafel wollte die Prinzessin den Kurgästen etwas Heilsames für die Seele mitgeben. Und obwohl sich in den vergangenen Jahrzehnten Wissenschaftler wie Hansmartin Decker-Hauff und Otto Betz damit beschäftigt haben, ist die Botschaft dieses barocken Schreins bis heute nicht vollständig geklärt. Auf einem öffentlichen Symposium aus Anlass von Antonias 400. Geburtstag stellen am 23. März vier Referenten in Bad Teinach ihre Forschungsergebnisse vor.

Den Anstoß dazu gab die Stuttgarterin Elisabeth Frister. Sie ist schon seit Langem fasziniert von der Prinzessin: „Eine Frau, die zu sich selbst gefunden hat.“ Als Mitstreiter hat sie unter anderen den Teinacher Bürgermeister Markus Wendel und Pfarrer Ulrich Holland gewonnen. Elisabeth Frister ist Theologin, Pfarrerin und Therapeutin und arbeitet als Lehrerin für Religion und Psychologie. Sie ist in Bad Teinach geboren, ihr Elternhaus steht ganz in der Nähe der evangelischen Dreifaltigkeitskirche, wo sich seit 1673 der Schrein der Prinzessin befindet.

Oder besser: wo er versteckt ist. Denn Bad Teinach, ein kleines, wenn auch traditionsreiches Heilbad, in einem Seitental gelegen, wirbt nur sehr verhalten mit diesem weltweit einzigartigen Kulturerbe. Elisabeth Frister findet das schade. Sie hat sich den Schlüssel dazu besorgt, und das nicht nur im übertragenen Sinne: Die kleine Kirche direkt an der Hauptstraße ist üblicherweise verschlossen.

Auch beim Eintreten sieht man zunächst nichts Ungewöhnliches. Erst wenn man die Bankreihen im Gotteshaus ganz durchschritten hat und hinter den Altar getreten ist, erkennt man zur Rechten den fast wandfüllenden Schrein. Er erinnert an den Eingang zu einem Tempel, vier hölzerne Stufen und ein barock geschnitzter Holzrahmen simulieren ein Allerheiligstes: der Schrein ist gebaut wie ein Schrank mit einem inneren Bild, das von zwei (innen ebenfalls bemalten) Flügeltüren verdeckt ist. Eine der Türen hat ein Schlüsselloch.