Denkmalserie Schmuckkästchen und Schmuddelecke

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Stuttgart hat nur noch wenig alte Bausubstanz. In der Innenstadt stehen aus der Zeit vor 1800 gerade noch 42 Gebäude unter Denkmalschutz. Aber selbst die sind nicht alle in gutem Zustand.

Die Lusthaus-Ruine im Schlossgarten ist der traurige Rest eines europaweit berühmten Renaissancebaus von 1583. Foto: Achim Zweygarth 15 Bilder
Die Lusthaus-Ruine im Schlossgarten ist der traurige Rest eines europaweit berühmten Renaissancebaus von 1583. Foto: Achim Zweygarth

Stuttgart - Wenn man auf der Straße Stuttgarter Bürger ansprechen und fragen würde, welche alten Gebäude in der Innenstadt ihnen einfallen – würden sie zehn zusammenbekommen? Klar: Neues Schloss, Altes Schloss, Stiftskirche. Aber wie weiter? Vielleicht könnten manche noch die Alte Kanzlei, die Häuser in der Calwer Straße oder das Armenhaus nennen, vielleicht fielen die Stichwörter Hegelhaus, Hoppenlau­friedhof und Schellenturm. Das wären neun, und damit wären die meisten wohl am Ende ihrer Weisheit.

Die Verlegenheit liegt allerdings nicht im mangelnden Wissen der Bürger begründet, sondern darin, dass Stuttgart tatsächlich nur noch wenig richtig alte Bausubstanz aufzuweisen hat. In der Innenstadt sind aus der Zeit vor 1800 gerade noch 42 Gebäude erhalten geblieben und unter Denkmalschutz gestellt worden. Die Jahresgrenze 1800 hat die StZ allerdings einigermaßen willkürlich gewählt; im Bewusstsein der Menschen zählen wohl auch Häuser des 19. Jahrhunderts noch zum „guten alten Stuttgart“, wie man allabendlich im 1909 sanierten Viertel um den Hans-im-Glück-Brunnen erleben kann. Aber es war die Absicht der StZ, alle mittelalterlichen bis klassizistischen Häuser des Stadtzentrums darzustellen. Und da sieht es doch mau aus.

Stuttgart hat sich ursprünglich an drei Orten konzentriert

Drei Orte lassen sich noch ausmachen, an denen sich das ursprüngliche Stuttgart konzentriert. An erster Stelle liegt der Schillerplatz mit Altem Schloss, Fruchtkasten, Prinzenbau und Alter Kanzlei; hinzu tritt die Stiftskirche. Hier liegt die Seele, der Keim der Stadt – und natürlich sind alle Häuser restauriert und herausgeputzt. Das gilt auch für das zweite Zentrum, die Calwer Straße: Das Palais Gültlingen bildet mit fünf Wohnhäusern ein beeindruckendes Barock-Ensemble. Allerdings muss man sagen, auch für diese Gebäude war der Abrissbagger fast schon bestellt. Erst der Protest vieler Bürger in den 1970er Jahren hat bei der Stadt ein Umdenken bewirkt.

Oft künden nur Fragmente von der alten Zeit

Das dritte Zentrum ist hingegen sein Schmuddelimage nie ganz losgeworden: Im Bohnen- und Leonhardsviertel finden sich zwei Dutzend schöne alte Wohnhäuser, konzentriert zum Beispiel in der Weberstraße. Manche der Gebäude sind saniert, manche aber gammeln vor sich hin oder werden als Bordell missbraucht. „Die Stadt hat eklatante Fehler gemacht“, sagt die Bezirksvorsteherin Veronika Kienzle: „Statt weitere Häuser zu erwerben, hat sie viele bewusst oder unbewusst ans Milieu verkauft.“ Für das Quartier und für den Denkmalschutz habe das katastrophale Folgen, sagte Kienzle. Ein Haus wenigstens, das barocke Alte Armenhaus an der Hauptstätter Straße, hat die Stadt jetzt in ihren Besitz gebracht. Es ist in einem bejammernswerten Zustand, wie viele andere im Viertel.

Erhard Bruckmann vom Stuttgarter Verschönerungsverein plädiert deshalb dafür, dass die Stadt grundsätzlich keine weiteren denkmalgeschützten Häuser abgibt, wie sie es zum Beispiel auch bei den Villen Levi und Gemmingen getan habe.

Der Krieg hat furchtbare Wunden geschlagen

Neben den drei Zentren sind es versprengte Einzelgebäude, die von der alten Zeit Stuttgarts künden. Oft genug sind es sogar nur Fragmente. Von der Lusthausruine im Schlossgarten ist gerade mal ein Treppenaufgang erhalten – manche sprechen deshalb von einer reinen Showkulisse. Ähnliches gilt für die Reste der frühneuzeitlichen Stadtmauer.

Der größte Teil des Verlustes ist aber nicht der heutigen Zeit anzulasten. Der Krieg hat furchtbare Wunden geschlagen; noch schlimmer war die Aufbauzeit danach. Damals wurde sogar die alte Anlage der Stadt zerstört, indem ganze Quartiere geschleift und Autobahnen durch die City gelegt wurden – siehe Hauptstätter und Theodor-Heuss-Straße. Das allerdings war nicht nur in Stuttgart so: Der Begriff der autogerechten Stadt trieb in vielen Großstädten Deutschlands sein Unwesen.

Einige Denkmäler entstanden nach 1800

Zum Glück für Stuttgart werden die alten Denkmäler durch jüngere ergänzt; auch nach 1800 sind bedeutende Bauten entstanden, wie der Königsbau (1855), der Tagblattturm (1924) und die Liederhalle (1955). In der Innenstadt gelten etwa 700 Gebäude als Kulturdenkmal; in ganz Stuttgart sind es 4500.




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