InterviewDennis Aogo im Gespräch zur Fußball-WM 2018 „Ich glaube, dass in der Gesellschaft insgesamt ein Bewusstseinswandel stattfindet“

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Es gibt Spieler, die hängen Ihren Glauben an die große Glocke und tätowieren sich ein Söder-Gedächtnis-Kruzifix auf den Unterarm. Sie gehen mit dem Thema ganz bewusst sehr zurückhaltend um. Wieso?
Der Glaube ist Teil meines Lebens, aber gleichzeitig auch etwas sehr Intimes. Ich habe mich einfach dazu entschieden, ihn mehr zu leben als darüber zu sprechen.
Sind Sie ein Suchender?
Wie so viele Menschen stelle auch ich mir oft die Frage nach dem Sinn des Lebens. Vielleicht mache ich mir manchmal aber auch zu viele Gedanken darüber. Es wäre sicherlich einfacher, mehr im Moment zu leben, statt über Dinge nachzudenken, bei denen man keine klare Antwort bekommt.
Heiko Herrlich, der Trainer von Bayer Leverkusen, ist bekennender Christ. Als es bei einer seiner Mannschaften einmal nicht so lief, hat er in der Kabine aus dem Johannes-Evangelium vorgelesen. Können Sie sich vorstellen, dass eine solch ungewöhnliche Lesung funktioniert?
Hut ab, dass er das gemacht hat. Es gibt aber so viele verschiedene Religionen in einer Mannschaft, wo man aufpassen muss, dass man manche damit nicht ausgrenzt. Deshalb würde ich versuchen, den Inhalt mit meinen eigenen Worten wiederzugeben.
Täuscht der Eindruck oder findet im Profifußball gerade ein Bewusstseinswandel statt, der sich dadurch ausdrückt, dass immer mehr aktive und ehemalige Spieler nach einem Sinn im Leben suchen?
Ich glaube, dass das nicht nur auf den Fußball beschränkt ist, sondern dass in der Gesellschaft insgesamt ein Bewusstseinswandel stattfindet. Erst lautet das Ziel, finanzielle Unabhängigkeit zu erlangen und wenn man die dann hat, kommt die Frage: War das schon alles, wie geht es jetzt weiter? Durch mehr Geld wird man nicht zwangsläufig glücklicher.
Macht mehr Geld vielleicht sogar unfreier?
Es macht mehr und weniger frei in einem. Wenn ich weiß, ich habe morgen frei, kann ich heute spontan irgendwohin fliegen und morgen wieder zurück. Das ist sicherlich eine Form von Freiheit. Auf der anderen Seite ist man in meiner Lage eingeschränkt, das habe ich vor einigen Jahren in Hamburg zu spüren bekommen. Als ich ein paar Tage frei hatte, bin ich mit meiner damaligen Freundin nach Mallorca geflogen. Danach war ich tagelang Thema in einer Boulevard-Zeitung. Die Frage lautete: Darf der das? Diese Freiheit habe ich also scheinbar nicht mehr. In meinem Beruf steht man immer unter Beobachtung.