In seiner Freizeit spielt er leidenschaftlich gerne Darts. Aber nicht nur mit den Dartpfeilen, sondern auch bei seiner Berufswahl möchte Dennis Komisel voll ins Schwarze treffen. Das ist ihm nach eigenem Bekunden gelungen. Der 31-jährige Sozialpädagoge ist Casemanager im Pflegeheim Obertor in Esslingen und unter anderem dafür zuständig, dass Nutzer der 24 Kurzzeitpflegeplätze eine Anschlussunterbringung bekommen. In Zeiten von Pflegenotständen, Personalmangel und fehlenden Heimplätzen hat er einen herausfordernden Job.
Seine Stärken und Vorlieben erkannte er früh. Bei einem schulischen Sozialpraktikum entdeckte Dennis Komisel: „Das ist genau mein Ding.“ Ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) nach dem Abitur am Wirtschaftsgymnasium verfestigte seinen Berufswunsch – und so startete er eine Ausbildung am Klinikum Stuttgart. Soziale Arbeit im Gesundheitswesen hat er mit einem Mix aus Theorie und Praxis drei Jahre lang studiert. Nach seinem Abschluss 2016 wechselte er den Job, ging an das Pflegeheim Obertor und war dort mehr als sechs Jahre für Sozialarbeit zuständig: Er organisierte kulturelle Veranstaltungen, war Ansprechpartner für das Betreuungsteam, versuchte, neuen Bewohnern das Eingewöhnen in der fremden Umgebung zu erleichtern. „Das Einleben im Heim kann durch ein individuelles Pflegekonzept, auf die Person zugeschnittene Angebote wie Gedächtnis- und Alltagstraining oder gemeinsame Gespräche über Vorlieben und Abneigungen vereinfacht werden“, sagt Dennis Komisel. Seit Anfang Februar hat er nun eine neue Mission – als Casemanager.
Rückkehr ins eigene Heim
So ist er ein Mann für viele Fälle. In seinen Zuständigkeitsbereich fallen auch Gespräche über die Zukunftsplanung einer 90-Jährigen. Die Seniorin ist rüstig und fit für ihr hohes Alter. Doch sie ist in ihrer Wohnung gestürzt, hat sich den Arm gebrochen, kommt so kurz nach der Operation zu Hause nicht mehr allein zurecht und befindet sich darum in der Kurzzeitpflege. Zwischen zwölf und 33 Tage nutzen Betroffene im Schnitt diesen Service, sagt Dennis Komisel. Wie es danach weitergeht? Das zu klären ist sein Job: „Bei der Aufnahme der Patienten fängt die Entlassung bereits an.“ Daher spricht er mit den Betroffenen und ihren Angehörigen, schaut sich die Krankenakte an, informiert sich über die häuslichen Verhältnisse und macht sich ein Bild von der Gesamtlage. Eine Wiedereingliederung in das vertraute Umfeld, sagt er, habe immer Vorrang.
Eine Rückkehr in die eigene Wohnung könne durch Zusatzangebote wie hauswirtschaftliche Unterstützung, ambulante Pflege, das Nutzen eines Rollators oder der Tagespflege in einer Einrichtung ermöglicht werden. Aber auch bauliche Veränderungen im eigenen Wohnumfeld können helfen – ein Lift an der Badewanne, ein barrierefreier Zugang zu sanitären Anlagen oder Handläufe in der Wohnung. Während des Aufenthalts in der Kurzzeitpflege sollen Patienten zudem durch gezielte therapeutische oder rehabilitative Angebote etwa im Physiobereich auf das Leben zu Hause vorbereitet werden.
Bei seiner Tätigkeit setzt Dennis Komisel auf „Empowerment“, wie er es nennt. Der Anglizismus bedeutet etwa Selbstbefähigung und zielt darauf ab, vorhandene Fähigkeiten von Personen zu stärken und deren Ressourcen auszuschöpfen. Betroffene und deren Angehörige werden etwa bei der Suche nach einem Pflegeplatz unterstützt. Das, sagt er, geschieht durch Beratung, ein Aufzeigen der Möglichkeiten, Tipps für eine Gesprächsführung mit Heimverantwortlichen, Informationen zu finanziellen Fördermöglichkeiten oder die Weitergabe von Kontaktdaten und Telefonlisten: „Wichtig ist, dass Betroffene und Angehörige alle Entscheidungen selbstbestimmt treffen.“
Reisen und Darts als Ausgleich
Es menschelt im Job von Dennis Komisel. Er wird mit vielen Lebenssituationen konfrontiert – und Geduld benötigt er auch. Die Gespräche mit manchen Bewohnern sind schwierig. Sie leiden unter Demenz, vergessen das eben Gesprochene, wiederholen sich oder fragen ständig das Gleiche. Dennis Komisel hat damit kein Problem. Die Arbeit mit den Senioren, sagt er, macht ihm Spaß: „Sie geben einem so viel zurück.“ Ausgleich biete ihm das Reisen oder das Dartspielen – und durch Weiterbildung verschaffe er sich das nötige Rüstzeug für seinen fordernden Job.
Seit September 2022 absolviert er berufsbegleitend einen Lehrgang zum Casemanager bei einem auf Gesundheitswesen spezialisierten Bildungsträger in Heidelberg, der bundesweit anerkannt ist, wie er sagt. Bis Oktober stehen in 13 Seminarwochen Themen wie Entlassmanagement, Netzwerkarbeit, Sozial- und Sozialversicherungsrecht, Gesprächsführung, Krankheitsbilder, Beratungskompetenz oder Antragstellungen auf dem Lehrplan. Wissen, das Dennis Komisel in seiner alltäglichen Arbeit gut gebrauchen kann.
Was macht er aber, wenn sich trotz aller Anstrengungen keine Anschlussunterbringung für Patienten findet? Es kann nicht garantiert werden, so schränkt er gleich ein, dass in den fünf städtischen Pflegeheimen, zu denen auch das Obertor gehört, ein Platz frei wird: „Das ist nicht die Regel.“ Fehlt aber eine Anschlussunterbringung, intensiviert er seine Gespräche mit den Betroffenen oder nutzt eigene Kontakte und Netzwerke. Erfolgsdruck sei schon da, sagt er. Doch der Hobby-Dartsspieler ist sich sicher, dass er auch auf der Suche nach Anschlussunterbringungen Volltreffer landen kann.
Pflege und Pflegeplätze
Person
Dennis Komisel wurde 1991 in Waiblingen geboren und machte sein Abitur am Wirtschaftsgymnasium. Nach einem Freiwilligen Sozialen Jahr studierte er Soziale Arbeit im Gesundheitswesen, und seit 2016 arbeitet er im Esslinger Pflegeheim Obertor.
Pflegebedürftige
Laut dem Pflegeheim-Rating -Report 2022 des Nachrichtenportals Informationsdienst Wissenschaft (iwd) ist durch die Alterung der Gesellschaft bis 2030 in Deutschland mit 4,9 Millionen Pflegebedürftigen zu rechnen. Bis 2040 sollen es 5,6 Millionen sein. Das entspreche einer Steigerung von 20 und 35 Prozent gegenüber dem Jahr 2019.
Pflegeplätze
Aufgrund dieser Zahlen geht die Studie von einem zusätzlichen Bedarf von 322 000 stationären Pflegeplätzen bis 2040 aus. Die erforderlichen Neu- und Re-Investitionen beliefen sich entsprechend auf 81 bis 125 Milliarden Euro.