Deponie am Lemberg Ein Müllberg für die Naherholung

Ein Teil des Geländes am Lemberg wurde bereits abgeholzt. Foto: Simon Granville

Auf der alten Deponie am Lemberg werden Bäume gefällt und der Boden abgedichtet. Anschließend soll ein Wald mit Attraktionen entstehen – und vielleicht sogar ein Windrad.

Im ersten Moment mag man vielleicht die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und sich wundern, wie man so einen Raubbau an der Natur betreiben kann. Aber Sebastian Dörr macht klar, dass an dem schon begonnenen und in den nächsten zehn Jahren noch folgendem Kahlschlag auf der ehemaligen Müllhalde am Lemberg zwischen Poppenweiler und Affalterbach kein Weg vorbeiführt. Die Bäume müssten abschnittsweise weichen, um den Boden abdichten zu können. Andernfalls, betont der unlängst aus dem Amt geschiedene stellvertretende Abteilungsleiter der Deponie- und Energietechnik bei der AVL, würde weiter das Grundwasser kontaminiert. „Das ist aber kein Trinkwasser“, beruhigt er sofort.

 

Über der bis zu 40 Meter hohen Schicht aus Abfall werde eine Kunststoffplane ausgebreitet. „Die ist wasserundurchlässig und geprüft auf 100 Jahre reißsicher“, erklärt Dörr. Zusätzlich werde eine etwa 30 Zentimeter dicke Barriere aus Lehmschlag aufgetragen. Am Ende karren Lastwagen noch Erde heran, um ein rund drei Meter hohes Fundament für einen neuen Wald zu schaffen. „Wir brauchen dafür die unvorstellbar große Masse von 520 000 Tonnen an Rekultivierungsboden auf zehn Jahre verteilt“, sagt Dörr. Das stellt die AVL vor eine enorme logistische Herausforderung. Schließlich kann man für den Forst keinen x-beliebigen Untergrund verwenden. Die Erde müsse gewissermaßen reifen, erläutert Dörr. Genau deshalb benötige man insgesamt rund zehn Hektar, um den Boden zwischenzulagern. Die AVL hat für diesen Zweck ein Auge auf Flächen in Erdmannhausen geworfen, habe dazu mit Landwirten auch schon Verhandlungen geführt, sagt Dörr, der für ein Gespräch zu dem Thema zur Verfügung stand, ehe er sich in den Rems-Murr-Kreis zu seinem neuen Arbeitgeber verabschiedete.

Viele Lastwagen werden am Lemberg verkehren

Der Fachmann macht kein Hehl daraus, dass etliche Fahrten notwendig sein werden, um dieses und anderes für das Projekt unentbehrliches Material von A nach B zu transportieren. Im Schnitt würden von 2023 an jeden Werktag 27 Lastwagen rund um den Lemberg unterwegs sein. Geplant sei, dass die Laster über die L 1100 bei Ludwigsburg- Poppenweiler Richtung Hochdorfer Straße und weiter zum Holzweg und von dort zur Deponie rollen. Alternativ kann sich Dörr vorstellen, von der Straße zwischen Affalterbach und Marbach ausgehend und über Feldwege am Lemberghof vorbei eine Route einzurichten. „Das wird gerade geprüft“, sagt der Experte zum Verkehrskonzept.

Vielleicht kommt ein legaler Trail für Mountainbiker

Nicht in trockenen Tüchern ist auch, was letztlich mit der rund 15 Hektar großen einstigen Halde im Detail geschehen soll. Ziel sei jedoch, dort Naherholung im Forst zu ermöglichen und das mit attraktiven Freizeitangeboten zu kombinieren, erläutert Sebastian Dörr. „Die Vorüberlegungen reichen von einem Grillplatz über ein Aussichtsplateau, um die Backnanger Bucht und das Umland zu sehen, bis zu einem Aussichtsturm“, sagt er. Wanderwege seien ebenfalls ein Thema, denkbar zudem, einen legalen Mountainbiketrail durch den Wald anzulegen.

Auch eine Freiflächen-Fotovoltaikanlage ist in der Verlosung

Ferner könnte sich auf dem Areal auch in Sachen nachhaltiger Energieversorgung Spielraum ergeben. Es werde gewiss untersucht, ob auf der Anhöhe ein Windrad installiert werden könnte, sagt Dörr. Ein Gutachten vor einigen Jahren hatte zwar keine rosigen Prognosen geliefert, doch die Technik habe Fortschritte gemacht. Die Konstellation für ein solches Vorhaben sei grundsätzlich sehr gut. Dem Landkreis gehöre die Fläche und die Wohnbebauung sei weit weg. Vielleicht komme an der Stelle auch eine Freiflächen-Photovoltaikanlage infrage.

Die Arbeiten haben schon begonnen

Bis all diese Dinge diskutiert und dann womöglich umgesetzt sind, wird aber noch einige Zeit vergehen. Dörr schätzt, dass das Gelände ab Mitte der 30er Jahre für die Öffentlichkeit freigegeben werden kann. Der Startschuss für die Arbeiten ist gleichwohl schon gefallen. Auf einem ersten, vier Hektar großen Abschnitt wurden bis Ende 2021 die einst nach der Stilllegung der Deponie gepflanzten Bäume abgeholzt. Anfang dieses Jahres habe man die Wurzelstöcke entfernt, erklärt Dörr. Als Nächstes müsse das Terrain für die Abdichtung eingeebnet werden, wofür unter anderem Erde aus Bauaushüben verwendet werde. In den vergangenen Tagen wurde zudem an der Verbreiterung der Straße vor der alten Deponie gearbeitet. Damit wolle man garantieren, dass Radfahrer und Spaziergänger nicht von Transportlastern ausgebremst werden, erklärt der nun Ex-AVL-Mann Dörr, der auch darauf aufmerksam macht, dass nicht mehr das ganze Gelände abgedichtet werden muss. Bei der rund fünf Hektar umfassenden Kuppe sei das bereits von 2001 bis 2005 erledigt worden. „Man dachte damals, das reicht und wollte auch nicht mehr abholzen“, erklärt Dörr. Die Kosten hätten ebenfalls eine Rolle gespielt – so dass nun im großen Stil und für die nächsten zehn Jahre nachgebessert werden muss.

Ein Allesschlucker mit langfristigen Folgen

Die Anfänge
Die Deponie am Lemberg war anfänglich eine sogenannte Bürgermeister-Kippe, in die recht wild von den 60er Jahren an vor allem Bauschutt und Sperrmüll geworfen wurde. In den 70ern kamen dann auch Hausmüll, Plastik oder Klärschlämme hinzu. Der ordnungsgemäße Betrieb startete 1972.

Das Ende
Das Aus für die reguläre Müllannahme erfolgte 1989. Die wesentlich größere Deponie Burghof bei Vaihingen an der Enz machte die Anlage am Lemberg überflüssig. Was blieb, war das unschöne Erbe: Im Müllberg gärte Methan, dazu sickerte teils Wasser mit Schadstoffen durch die Kippe. Das Gas wurde zwischenzeitlich für Blockheizkraftwerke genutzt. Heute fließen die nicht mehr so starken Ausdünstungen zu einer Gärtnerei, wo sie verbrannt werden. Die Abwärme nutzt der Betrieb für seine Pflanzen.

Das Problem Das durch den Müllberg sickernde Wasser wird, soweit möglich, zu einer Reinigungsanlage und von dort weiter zur Kläranlage in Marbach geleitet. Ein geringer Teil gelangt aber auch bis ins Grundwasser. Wenn der Boden abgedichtet ist, kann das nicht mehr passieren – was dann auch den Betrieb der Reinigungsanlage spart. Die Kosten für die Sicherung, die dann auch den Gasaustritt an der Oberfläche unterbindet, werden auf rund 37 Millionen Euro geschätzt. Eine Refinanzierung von etwa 20 Millionen Euro soll es bringen, dass Unternehmen dafür zahlen, dass sie Erdaushub anliefern dürfen, der wiederum vor Ort benötigt wird, um Unebenheiten vor der Abdichtung auszumerzen.

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