Der 94-jährige Willi Fischer aus Hohenlohe Hohner und Horex
Ein langes Landleben: Willi Fischer aus Hohenlohe ist 94, er fährt noch Motorrad und Auto, spielt Ziehharmonika, schmeißt seinen Haushalt und den Garten.
Ein langes Landleben: Willi Fischer aus Hohenlohe ist 94, er fährt noch Motorrad und Auto, spielt Ziehharmonika, schmeißt seinen Haushalt und den Garten.
W illi Fischer fährt im Auto durch sein Dorf. Links, das war früher seine Werkstatt. Einmal die Woche schaut er schon noch vorbei, was die neuen Besitzer so machen. Daneben das Haus seines Großvaters. Gehört auch mal wieder gestrichen.
Die Kirche, wo er getauft und konfirmiert wurde und wo er Alice heiratete.
Das erste Fertighaus im Ort, da hat der Bürgermeister drin gewohnt.
Das Maderschlössle. Da lebte der Pfarrer, der in Mußestunden Geschichten vom Weltall und von Mondmenschen verfasste. Danach war Willi ganz verrückt als Bub.
Die frühere Wirtschaft, jetzt sind sieben Mietwohnungen drin.
Das war der Kaufladen.
In dem Haus wohnen jetzt Russen.
Die alte Schule.
Da wohnt der einzige Bauer im Ort, der heute noch Vieh hat.
Der Eschelbach. Früher wurde er im Sommer immer gestaut, damit die Kinder drin baden konnten.
Mit seinen 94 Jahren ist Willi Fischer der Älteste in Eschelbach, einem kleinen hohenlohischen Dorf. So viele sind schon gestorben. Vor Kurzem auch sein Freund Rudolf, mit dem konnte er über alles schwätzen. So vieles hat sich verändert. Aber es ist auch immer noch seine Welt.
Er kommt mit allen Nachbarn gut aus. In seinem Garten blühen Lilien, die mag er am liebsten. Früher hatte er viele Spraynelken. Und einen Christusdorn, so opulent, dass man schon nicht mehr aus dem Fenster gucken konnte. Vor der Garage parkt er seinen Opel Signum, Baujahr 1999. In der Garage steht die Horex mit Seitenwagen von 1951. In seiner Wohnung ist der Einrichtungsschick aus den 80ern konserviert. Ein Ölbild zeigt eine Alpenlandschaft. Alle halbe Stunde tönt ein blecherner Uhrenschlag. Auf dem Küchentisch liegt das Evangelische Gemeindeblatt Württemberg und Unterlagen für die Steuererklärung. Fischer setzt sich auf die Eckbank und ist drei Stunden später noch genauso frisch. Wieso auch ermüden, wenn man sein Leben erzählen kann:
Ich hab wirklich gute Eltern gehabt. Sie hätten besser nicht sein können. Meine Mutter war Krankenschwester, mein Vater hat beim Brückenbau geschafft und wurde in Goldmark statt in Inflationsgeld ausgezahlt. So konnte er sich nach dem Krieg gleich einen Bauplatz kaufen. Er hat mir nur einmal den Arsch verschlagen, aber zu Recht. Meine Mutter war strenger.
Es sprach sich schnell herum, dass mein Vater ein guter Schmied und Hufschmied war. Ich bin oft mit ihm unterwegs gewesen, er hat mich auch alles machen lassen. Es gab Fälle, da ist der Huf am lebendigen Pferd weggefault, ganz jämmerlich hat das gestunken. Der Tierarzt stand da, mein Vater stand da, und ich musste den kranken Huf mit Kupfervitriol einschmieren.
Ich wollte Automechaniker werden. Aber mein Vater bestimmte, ich werd Schmied. Das kann ich gut verstehen, wenn man nur ein Kind hat und es den Betrieb daheim gibt .
Kurz vor Kriegsende, als 15-Jähriger, bekam ich noch einen Stellungsbefehl. Ich wartete in Hohebuch mit 200 anderen jungen Kerlen aus dem ganzen Umkreis. Von dort aus sollten wir weiter nach Ulm in die Kaserne. Aber mein Vater hatte den ganzen Morgen überlegt und beschlossen: „Ich hol den Bua zurück.“ In Hohebuch legte er sich mit den Feldgendarmen an, auch Kettenhunde genannt und noch schlimmer als die von der SS. Das war Spitz auf Knopf, lebensgefährlich. „Der Ami hockt schon in Crailsheim, und ihr wollt noch den Krieg gewinnen!“, hat mein Vater zu denen gesagt und mich einfach mitgenommen. Sie ließen uns gehen. Das hab ich nie vergessen.
Als ich mit Freunden mal einen Ausflug an den Bodensee machte, hab ich eine Horex gesehen – und bin davon nicht mehr losgekommen. Daheim hab ich meinem Vater erzählt: „Papa, da war so ein schönes Motorrad.“ Er konnte das gut verstehen. 1951 bekam der Neuensteiner Opelhändler die Horex-Vertretung. Mein Vater ist gleich rein und hat das Motorrad für mich gekauft. Eine Horex Regina 350 für 2665 Mark.
Als mein Vetter in Russland gefallen war, sagte meine Tante: „Die Ziehharmonika kriegt der Willi, der ist musikalisch.“ Zuerst hab ich mir selber ein bisschen was beigebracht. Dann nahm ich Unterricht bei einem Veteranen, der hatte nur einen Fuß. Schon bald hab ich mir mit dem Akkordeon auf Hochzeiten was verdient. Wenn wieder ein neuer Schlager rauskam, kaufte ich mir die Noten vom Helbling-Verlag: „Sehnsuchtswalzer“, „Mariandl“, „Rote Rosen, rote Lippen, roter Wein“. Tagsüber schaffte ich beim Vater, Lohn bekam ich keinen. Wenn ich ihn gefragt hätte, hätte er mir immer was gegeben. Aber ich hatte ja Geld durch die Musik.
Meine Frau war ein Flüchtlingsmädchen aus Bessarabien. Sie hieß Alice und ihr Bruder Harry, weil mein Schwiegervater viel englische Literatur las. Er war ein tüchtiger Mann, hatte riesige Ländereien am Schwarzen Meer und als Erster einen eisenbereiften Cormick-Schlepper aus Amerika. Die Bessaraber waren wohlhabend – und evangelisch, das war wichtig. Nachher, die Böhmerwälder, die waren bettelarm, als sie kamen. Die Ungarn schon etwas reicher.
Mir denkt es noch gut, als ich Alice zum ersten Mal sah. Wir sind viel im Ort zusammengekommen, aber nur freundschaftlich. Erst hatte ich noch andere Freundinnen. Das kam halt davon, dass ich Musik gemacht hab. Und auch wegen des Motorrads. Mein Freund Rudolf hat immer gesagt: „Wer eine Horex hat, der hat auch Mädle.“ Da ist schon was dran gewesen. Horex und Hohner.
1957 im Mai haben wir geheiratet. Und im Herbst musste meine Frau ins Diak nach Schwäbisch Hall, weil sie starke Unterleibsblutungen hatte. Der Arzt hat ihr alles rausoperiert, da sind wir nicht groß gefragt worden. Ärzte – das waren noch solche Herren damals. Da konnte ich sie schier nicht mehr halten, als sie mir das erzählt hat, sie war ja erst 25. Auch später sind immer Tränen geflossen, wenn man auf das Thema zu sprechen kam. Wir hätten so gerne Kinder gehabt. Das war unser größter Wunsch.
Später sind die Nachbarkinder immer bei uns gewesen, zwei Mädle. Meine Frau hat sie umsorgt wie eine Mutter. Abends haben sie immer schon gewartet, bis ich vom Geschäft raufkommen bin. Sie waren vielleicht auch ein bisschen ein Ersatz für eigene Kinder.
Ich hab dann meinen Meister gemacht und wollte selbstständig sein. Mein Vater war einverstanden, meine Mutter auch, dann ist alles geschrieben worden, es war ein fließender Übergang. 1973 hab ich die neue Werkstatt gebaut. Mein Vater war noch dabei und hat die ganze Halle gestrichen.
Ich war Schmied, ich hab Melkmaschinen eingebaut, Schlosser- und Sanitärarbeiten gemacht, Wasserleitungen gelegt, Tränkebecken in Ställen eingerichtet, eine Landmaschinen-Vertretung übernommen. Obersöllbach war ein besseres Pflaster für mich als Eschelbach, da hockten die Großbauern. Mit 63, als ich in Rente ging, hab ich das Haus hier gebaut und die Firma verpachtet.
Es gab so gute Freundschaften in unserer Wandergruppe vom Albverein. Leider hatte meine Frau ihr Lebtag Migräne. Wochenendmigräne. Meistens traf es sie, wenn wir was vorhatten. Einmal mussten wir auch eine Reise nach San Remo absagen.
Der Tanzsport war das Schönste, was wir zusammen gemacht haben. Im Hotel Klenk in Gottwollshausen. Lateinamerikanisch konnten wir anfangs nicht. Dann bot die Tanzschule Siegel einen Kurs an, da machten auch viele von der Feuerwehr Öhringen mit, die wollten ihren Leuten mal was bieten. Meine Frau und ich waren aber die Besten, das muss ich sagen. Vorher war Langsamer Walzer unser Tanz, wenn wir uns bei der Kapelle was wünschten. Dann der Cha-Cha.
Als meine Frau schwer krank wurde, hab ich sie drei Jahre lang gepflegt. Ich hab sie aus dem Bett geholt, gewaschen, gebadet und alles. Der Arzt sagte: „Herr Fischer, das schaffen Sie nicht mehr.“ Aber ich habe es geschafft, ich war immer bei ihr. Damals hab ich mir auch das Kochen gelernt. Ich sagte mir: Willi, das musst du jetzt einfach können! Seitdem mache ich auch Gsälz ein: Träuble, Erdbeer, Himbeer. Ich hab 125 Gläsle im Keller.
An einem Abend verlor sie die Besinnung. Der Notarzt hat sie dermaßen geplagt mit seinen Spritzen und was weiß ich, das konnte ich kaum ertragen, da war ich nicht zufrieden. Am nächsten Morgen rief das Krankenhaus an: „Ihre Frau ist gestorben.“ Neun Jahre ist das jetzt her. Da war ich am Boden. Ich hab sie sehr gern gehabt, und wir haben wirklich gut zusammengelebt, sie kam auch immer gut mit meinen Eltern aus. Und dann steht man allein da. Aber ich hab es geschafft, ich hab so einen Glauben gehabt.
Meine Frau war immer dagegen, dass ich Motorrad fahre. Sie hatte Angst. Deswegen hab ich die Maschine 1960 stillgelegt und ein Auto gekauft: einen hellblauen Opel Rekord. Erst nach ihrem Tod hab ich die Horex herrichten lassen und bin wieder aufs Motorrad gestiegen. Das gibt mir viel, muss ich sagen. Wenn ich mich geistig und körperlich fit fühle, mache ich kleine Touren. Manchmal zum Frühschoppen nach Obersöllbach. Oder auf die Löwensteiner Platte. Einmal sagte einer: „Ich zahle Ihnen 20 000 Euro für die Horex.“ Und wenn es 40 000 wären, hab ich geantwortet, ich geb sie nicht her.
Meinen Haushalt führe ich allein. Einmal die Woche putze und sauge ich durch. Meistens koche ich gleich für zwei Tage, viel mit Kartoffeln aus meinem Garten: Bratkartoffeln, Kartoffeln und Quark, Kartoffelsalat und Fisch. Ich hatte auch schöne Radiesle, bis eine Elster alle rausgezogen hat. Voriges Jahr hatte ich den halben Garten voll Ackersalat, nur dieses Jahr geht er nicht auf.
Wenn der Apfelbaum und der Rosenbusch blühen, das ist eine Pracht. Ich gucke auch gern den Schmetterlingen und den Vögeln zu. Ich hab bestimmt 35 Vogelhäusle gemacht und im Dorf aufgehängt. Ich muss immer was schaffen, so ist meine Natur.
Mein Neffe, der jetzt in Rente geht, ruft regelmäßig an und schaut auch nach mir. Manchmal kommt er mit seinem Sohn vorbei und wir machen eine Motorrad-Ausfahrt.
Einmal die Woche besuche ich Irma, eine gute alte Bekannte, im Pflegeheim. Bei schönem Wetter setze ich sie in mein Auto, oberhalb von Untersteinbach kann man gut ins Tal gucken. Oder wir fahren in die Weinberge, da sind schöne Bänkle. Nach einer halben Stunde merke ich meistens, wie ihr wieder alles von früher einfällt. Die Oberpflegerin, Gabi heißt sie, hat gesagt: „Herr Fischer, kommen Sie, so oft es geht. Sie ist jedes Mal viel besser drauf, wenn Sie wieder bei ihr waren.“ Auch Irmas Kinder sind mir dankbar. Und ich mach es ja gern.
Ich hab viel mehr Glück gehabt als Unglück im Leben. Ich bin ein zufriedener Mensch. Und ein gläubiger Mensch. Ich hab mich schon mal beim Pfarrer beschwert, weil ich in der Kirche nichts verstehe, in meinem Alter nehme ich mir das raus. Haben die das Mikrofon zu weit weg, ich weiß nicht. Dann hocke ich mich lieber an den Fernseh-Gottesdienst, da hör ich wenigstens was.
Ich bin gesund. Bis vor zwei Jahren war ich noch richtig fit. Nur die zweite Coronaspritze hab ich nicht vertragen, da konnte ich acht Tage nicht richtig laufen. Seitdem ist auch meine Hand etwas taub. Damit es nicht schlimmer wird, spiele ich jeden Tag Akkordeon. Und ich mache täglich 25 Kniebeugen, ich brauche ja Kraft für den Kickstarter.
Jeden Tag schreibe ich eine kleine Notiz in den Kalender: Wo ich einkaufen war, was ich geschafft hab, wie das Wetter ist, ob mir gut oder schwindelig ist. Dass heute ein Journalist bei mir war, das kommt auch rein.
Aufgezeichnet von Robin Szuttor