Der Behinderten-Boccia-Spieler Bastian Keller „Im internationalen Vergleich hinken wir hier ganz arg hinterher“

Region: Verena Mayer (ena)
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Mit welcher Summe rechnen Sie?
Ich schätze, ich werde dieses Jahr acht- bis neuntausend Euro dafür ausgeben. Und einen Großteil meines Jahresurlaubs.
Ärgert Sie das?
Mich ärgert, dass wir im internationalen Vergleich auch hier ganz arg hinterherhinken.
Wie läuft das in einem Boccia-Musterland?
Der kanadische Topspieler Marco Dispaltro zum Beispiel wird von seinem Sportverband bezahlt, der kann 30 Stunden die Woche trainieren. Der lebt für und von Boccia. Oder die Spieler aus Portugal: Die reisen mit einem richtigen Betreuerstab an, und alle sind einheitlich ausgestattet. Wenn wir ankommen, also das hat was von Kelly Family. Jeder sieht anders aus, weil es fünf verschiedene Trikots gibt. Das Budget reicht nicht, um jedes Jahr einen neuen Satz Trikots zu kaufen. Aber vielleicht ändert sich das ja, wenn wir internationale Erfolge einheimsen. Die hat es halt bis jetzt nicht gegeben.
Warum nicht?
Weil es keine Spieler gab, die das Potenzial und den Ehrgeiz hatten, wirklich etwas zu bewegen. Viele der Nationalspieler arbeiten in Werkstätten für Behinderte, wo sie nicht viel Geld verdienen. Wenn die Kosten nicht bezahlt werden, haben sie keine Möglichkeit, auf Turniere zu gehen. Aber wenn man keine Turniere spielt, kommen keine Erfolge, und ohne Erfolge gibt es kein Geld. Das ist ein Teufelskreis. Unser Dachverband setzt deshalb große Erwartungen in mich und meinen Teampartner. Wir sind beide relativ selbstständig, haben einen Job und sportlichen Ehrgeiz. Wir wollen was reißen!
Wie oft trainieren Sie?
Normalerweise einmal die Woche. Aber wenn ein Wettkampf ansteht, gehe ich drei-, viermal in die Sporthalle. Mein Vater unterstützt mich, er begleitet mich auch zu den Turnieren.
Was kann man beim Boccia trainieren?
Boccia ist ein Präzisionssport. Ganz viel kommt also darauf an, dass der Ball in einem 60 Quadratmeter großen Feld auf einen Zentimeter genau da liegen bleibt, wo ich ihn liegen haben will. Dafür muss man ganz viel üben. Auch die Bälle sind ganz wichtig. Ich muss meine Bälle in- und auswendig kennen.
Was sind das für Bälle?
Ich habe Bälle aus Kunstleder. Ihr Gewicht und ihr Umfang sind vorgeschrieben, der Härtegrad nicht. Es gibt Bälle, die sind hart wie ein Stein, und es gibt Bälle, die sehen aus wie ein Kuhfladen, wenn sie liegen. Ich spiele bevorzugt mit vier ganz weichen Bällen, weil die vom Gegner kaum wegzubewegen sind, wenn sie mal liegen, und mit zwei mittelharten Bälle. Mit denen kann man einen gegnerischen Ball besser wegsprengen und somit eine Situation öffnen.
Gibt es Besonderheiten beim Hallenboden?
Ich spiele gerne auf Parkettböden, wie man sie vom Basketball kennt. Diese Böden sind relativ glatt und harmonieren gut mit meinen weichen Bällen, die recht griffig sind. Die springen auf einem glatten Boden, wenn überhaupt, nicht so weit weg. Griffige Bälle auf einem griffigen Boden hingegen verzeihen keine Fehler. So ein Spiel kann eine totale Technikschlacht werden. In Barcelona sind mein Teampartner und ich letztes Jahr um einen Punkt am Halbfinale vorbeigeschrammt, da ging es um Bruchteile von Millimetern. Der Schiedsrichter musste den Abstand mit einem Spezialgerät messen.
Haben Sie einen speziellen Boccia-Rollstuhl?
Nein. Aber ich überlege, an der rechten Seite ein anderes Rad zu montieren, eins ohne Greifreifen. Die rechte Seite ist meine Hauptwurfseite, und ab und zu kommt es vor, dass ich beim Pendeln für den Wurf an den Greifreifen schlage. Wenn ich Glück habe, klemm ich mir nur den Finger ein, wenn ich Pech habe, lasse ich den Ball los, und er zählt als geworfen.
Hat Sie das Boccia persönlich weitergebracht?
Ja! Ich habe gelernt, dass ich mich auf meine eigenen Stärken verlassen muss. Am Anfang habe ich immer auf den Gegner reagiert und viel überlegt, ob seine Taktik womöglich besser ist als meine. Das habe ich abgelegt. Wenn ich das Spiel gewinnen will, muss ich mein Ding machen. Also agiere ich, statt zu reagieren. Der Gegner muss mein Spiel spielen, nicht ich seins.
Was sind Ihre Stärken?
Meine große Stärke sind nicht die megapräzisen Bälle, daran arbeite ich noch. Mein Spiel ist mehr das kraftvolle Spiel. Wenn der Gegner eine gute Situation gelegt hat und auf einen Zentimeter am Jackball dran ist, versuche ich nicht, noch näher ranzukommen. Ich opfere dann lieber einen Ball, um eine Situation zu öffnen, und mach’s mir damit für meinen zweiten Ball einfacher. Da ergänze ich mich sehr gut mit Boris Nicolai, meinem Teampartner. Er ist der präzise Spieler, ich kann sehr gut Situationen öffnen. Im Pairwettbewerb passt das herrlich.
Hat Ihnen der Titel als Deutscher Meister etwas gebracht?
Nein, der Titel hat nichts verändert, wirklich: gar nichts!
Enttäuscht Sie das?
Ich hatte es nicht anders erwartet. Boccia ist einfach zu unbekannt. Noch!




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