Pater Nikodemus lebt da, wo alles begann. Auf dem Zionsberg feierte Jesus das letzte Abendmahl, hier trat er nach seiner Auferstehung vor seine Jünger. Vom Zion aus setzten die Apostel den Glauben an Christus wie einen Pulsschlag in die Welt.
Der 45-jährige Benediktiner Nikodemus, geboren in Stuttgart, ist Abt des Dormitio-Klosters im Niemandsland zwischen West- und Ostjerusalem. Von seiner Zelle aus blickt er auf das King-David-Hotel, das Kloster selbst ist von Friedhöfen umgeben: im Norden der armenische, gleich unterhalb seines Fensters der griechisch-orthodoxe, etwas versetzt der griechisch-katholische, der anglikanisch-lutherische, der römisch-katholische, dann der muslimische, der russisch-jüdische. Früher hieß es mit feiner Ironie: In Jerusalem kann man doch über alle Religionen hinweg Ruhe finden. Aber selbst bei den Gräbern, so die jüngste Erfahrung, hört der Hass nicht auf. Frieden scheint in dieser Zeit so unerreichbar wie noch nie.
Pater Nikodemus, wo waren Sie am 7. Oktober 2023?
Im Vatikan zu einem sehr freudigen Ereignis. Erstmals in der Geschichte wurde dem Lateinischen Patriachen von Jerusalem – also dem römisch-katholischen Erzbischof für Zypern, Israel, Palästina, Jordanien – die Kardinalswürde verliehen. Ich begleitete ihn zum Konsistorium. In den Tagen danach gab es noch mehrere Feiern, eine Messe mit dem Papst, Wiedersehen mit Freunden. In dieser Stimmung erreichten mich an jenem Samstag gegen 6.30 Uhr die ersten Meldungen. Da konnte ich zwar die ganze Tragweite noch nicht umfassen, aber ich wusste gleich: Dieses hochverwundete Land geht in eine neue Runde des Leids. Ich konnte Rom nicht mehr genießen, ich fühlte mich am falschen Ort und wollte nur noch heim. Das war gar nicht einfach: Alle wollten raus, ich wollte rein.
Wie lebt es sich in Jerusalem?
Dass die Leute auf den Boden spucken, wenn unsere Kirchenglocken läutet, dass sie mich als Mönch bespucken, war ich leider schon gewohnt. Aber mit der neuen, in Teilen rechtsradikalen israelischen Regierung hat das Thema seit Anfang des Jahres noch eine andere Dimension bekommen. Ein Kabinettsmitglied muss man an dieser Stelle namentlich nennen: Itamar Ben-Gvir, Minister für öffentliche Sicherheit und notorischer Christenhasser, von einem israelischen Gericht wegen Unterstützung einer terroristischen Vereinigung verurteilt. Viele „jüdische Neonazis“, wie der Schriftsteller Amos Oz sie einmal nannte, fühlen sich durch ihn und seine Partei offenbar verstärkt zu antichristlicher Gewalt ermutigt.
Christen sind bei der Nahostkrise kaum im Blickfeld.
Dass Palästinenser für diese national-religiösen jüdischen Extremisten als Menschen zweiter Klasse gelten – oft auch umgekehrt – ist schon lange so. Dabei geht es eigentlich nicht um Religion, das ist schlichtweg Rassismus. Neu in ihrer Massivität ist tatsächlich die antichristliche Gewalt. Angegriffen werden armenische Restaurantbesitzer und Kopten am Mariengrab. Geschändet wird die Pilgerstatue der italienischen Franziskaner und der lutherisch-anglikanische Friedhof. „Tod den Christen“ wird an römisch-katholische, griechisch-orthodoxe und armenisch-apostolische Kirchen gesprüht. Das sind keine rassistischen Motive, das ist Hass auf eine Religion. Aber natürlich wird das jetzt alles überlagert von viel wichtigeren Themen.
Was hat der 7. Oktober verändert?
Noch den ganzen Oktober hindurch überzogen eine Schockstarre und ein kompletter Stillstand die Stadt. Seit November kehrt normales Leben zurück. Man kann wieder ins Kino gehen, die Restaurants sind offen, die Bars. Für viele ist es nur schwer verständlich, dass es danach überhaupt noch normales Leben geben kann. Zur Normalität gehört auch, dass ich erst jetzt wieder bei der Polizei war, weil jüdische Extremisten versuchten, unsere Kirchenfenster einzuschmeißen.
Sie stehen mit den Muslimen gleichsam in der ausgegrenzten Zone?
Die Stimmung in Jerusalem ist so nicht auf ganz Israel übertragbar. Auch sind diese Radikalen nicht die Mehrheit. Aber man kann sie auch nicht einfach weglächeln. Im Koalitionsvertrag ist die Ideologie ja festgeschrieben, wenn es heißt, das jüdische Volk habe ein natürliches Recht auf das ganze Land. Wenn wir Christen sagen, uns ist Jerusalem auch wichtig, weil hier unser Herr gestorben und auferstanden ist – dann wird das nicht respektiert. Wenn die Muslime sagen, hier ist mit der Al-Aksa-Moschee unser drittwichtigstes Heiligtum – dann wird das ignoriert. Wie langweilig wäre die Stadt mit nur einer Religion, die Mixtur macht ja den Zauber aus. Doch diese Radikalen zerstören den Zauber. Christen sind für sie verachtenswerte Götzenanbeter. Alle Palästinenser sind für sie Hamas-Terroristen. Sie sagen: Israel den Juden, Nichtjuden raus.
Sie sind sehr nahe dran. Haben Sie denn auch nur eine einzige gewichtige palästinensische oder muslimische Stimme vernommen, die sich nach dem Massaker beschämt von der Hamas abwendete und klarstellte: Bei aller Vorgeschichte und selbst bei allem Hass – das sind nicht wir, so sind wir nicht?
Nein, ich habe keine solche Stimme vernommen. Natürlich mühen sich beide Seiten, mit Propagandabildern zu arbeiten und zu emotionalisieren. Aber es ist nicht zu leugnen: Die Hamas hat Babys, Kinder, alte Menschen brutalst hingerichtet und verschleppt, Frauen brutalst vergewaltigt. Ein in seiner Unbarmherzigkeit unfassbares Ereignis. Dann kam schnell das „Ja, aber“ der Palästinenser: „Wir haben aber auch so und so viele von den Israelis getötete Frauen und Kinder zu beklagen.“ Ich könnte den Ball nun ebenso auf die andere Seite spielen. Genau das ist das Grundproblem: Es fehlen auf beiden Seiten prominente Stimmen, die Empathie zeigen für die anderen. Auch in Deutschland wird recht starr in Gut und Böse eingeteilt.
Sie sind auf keiner Seite?
Wir dürfen nicht Tränen nur für eine Seite haben. Mit der Haltung stehen wir oft alleine da, und das kostet Kraft. Ich sage immer: Leute bitte, ich kann das nicht so einfach in Schwarz und Weiß sehen. Weil ich viel zu viel jüdische Freunde habe, die am 7. Oktober Angehörige verloren. An dem Tag wurden auch vier meiner ehemaligen Pfarrkinder ermordet – philippinische Arbeitsmigranten, die hier Geld für ihre Liebsten daheim verdienen wollten und alte Menschen pflegten. Unschuldiger kann man nicht sein. Zur Realität gehört auch, dass 22 Christen durch Bomben auf Gaza starben.
Muss man Wut in sich zähmen, um zum christlichen Sanftmut zurückzufinden?
Ich habe kürzlich mit einem Menschen in Deutschland telefoniert, der mir sehr nahe steht, den ich wirklich sehr mag. Er sagte: „Ich spüre nach diesem Massaker so eine Aggression gegen Muslime. Am liebsten würde ich jedem von ihnen eine reinhauen.“ Es ist erschreckend, wenn ein besonnener Mensch, in dem gar kein Islamhass verankert ist, so etwas in sich entdeckt. Die arabische Welt versammelt sich wahrscheinlich genauso in ihrer Wut gegen die Juden. Vielleicht gehören solche Gedanken zu dem Prozess, das Fürchterliche zu verarbeiten. Daran zeigt sich gerade das Toxische der Lage.
Wie politisch wollen Sie sein?
Durch den 7. Oktober bin ich innerlich noch mal klarer geworden: Ich gehöre hierher. Aber ich bin nicht hier, um wie ein religiöser Politiker zu sprechen. Wohlgemerkt: Deutsche Politiker sollen auch anders klingen als ich, wenn sie etwa die Staatsräson hochhalten, das respektiere ich. Ich merke eine Neuberufung zu meinem Kerngeschäft: Beter zu sein für jene, die Angst haben, die Hass spüren, die verzweifelt sind. Eine tröstliche Stimme zu sein im Meer aus Leid.
Wie findet diese Stimme Gehör?
Ein Beispiel: Anfang Dezember haben wir zu Händels „Judas Makkabäus“ eingeladen. Es kamen Juden, Muslime, Christen verschiedener Konfessionen. Vor dem Konzert erzählte ich noch etwas über Georg Friedrich Händel, der ja nie interreligiöse oder interkulturelle Berührungsängste kannte. Sein Judas-Oratorium ist denn auch auf so vielfältige Weise zu verstehen. Die einen hören vielleicht die Befreiung aus gesellschaftlicher Unterjochung heraus. Andere vielleicht die Rettung aus Geiselhaft. Für christliche Ohren ist es vielleicht ein erhebender Adventsgesang auf das Kommen des Erlösers. Ich habe weder das Leiden der Menschen in Gaza noch den Terror der Hamas explizit genannt, weil ich keine Resonanzräume diktieren wollte. Aber wesentlich ist doch, dass sich so viele auf dieses gemeinsame Erlebnis eingelassen haben. Und das ist meine Art, politisch zu sein.
Christen in der Rolle der Mittler?
Wir sollten nicht unparteiisch, sondern allparteiisch sein. Wir haben Glaubensgeschwister auf beiden Seiten, es steht uns gut an zu sagen: Liebe jüdische Israelis, wir sind bei euch in der Trauer. Und wir sind bei der Zivilbevölkerung in Gaza, denn dieser Krieg wird auch nicht chirurgisch rein geführt. Wie immer man es nennt, bestialischer Mord am eigenen Volk oder Kollateralschäden bei den anderen. Am Ende ist es nichts anderes als: Menschen töten Menschen. Wir stehen für das Leben. Unsere Kirche ist offen. Unser Angebot: Wenn ihr einen Ort braucht, wo ihr Stille findet, wenn ihr einen Mönch braucht, der zuhört: Wir sind da. Wir wollen unsere Note zum Geschmack der Stadt beisteuern.
Sie glauben an Frieden?
Ich hoffe, dass der 7. Oktober und seine Folgen bei allen, die in der Verantwortung stehen, auch bei den Religionsführern, einen so tiefen Schock hinterlässt, dass sie sich fragen: „Was ist da passiert? Was ist da eigentlich los mit der Menschheit?“ Und dass dieses unsagbare Ausmaß an Gewalt dazu führt, es jetzt einmal anders zu versuchen. Nicht mit Hass und der Suche nach Schuldigen.
Wie feiern Sie Weihnachten?
Weihnachten lässt Jerusalem ziemlich kalt – bei zwei Prozent Christen! An Heiligabend gehen wir nach der mitternächtlichen Vigil mit den Gläubigen nach Bethlehem wie damals die Hirten. Zehn Kilometer auf der Ausfallstraße Hebron Road, umrahmt von Lieferwagen und Kehrmaschinen. Dieses Jahr werden uns wohl weniger Leute begleiten. Dafür wird aber die Schriftrolle, die wir in unserer Weihnachtsaktion mit uns tragen, noch schwerer und dicker sein als sonst. Darauf stehen die Namen von Menschen, für die wir in den Grotten Bethlehems beten sollen. In diesem Jahr sind uns auch viele Namen von Opfern des 7. Oktober und des Gazakriegs anvertraut worden. Die haben wir mit im Gepäck. Denn es geht nicht um Zahlen. Es geht um Seelen.
Leuchtturm der deutschen Katholiken in der heiligen Stadt
Abt
Pater Nikodemus kommt 1978 in Stuttgart als Claudius Schnabel zur Welt. Seine Eltern lassen sich nach der Geburt scheiden. Die frühe Kindheit verbringt er in Ditzingen. Und dann ist er lange Zeit nirgendwo richtig zu Hause, dutzendmal zieht er um. Bei katholischen Ordensschwestern in Hessen findet er eine Heimat. Mit 13 empfängt er Firmung und Erstkommunion. Nach dem Abitur geht er in ein Priesterseminar. Während seines Studienjahrs in der Jerusalemer Dormitio-Abtei wachsen die Zweifel, je ein guter Priester sein zu können. Schließlich gerät er komplett ins Straucheln. Er verlässt Jerusalem, das Priesterseminar und studiert Theologie in München. Aber da arbeitet noch etwas in ihm. 2003 klopft er wieder ans Dormitio-Tor. Er will Mönch werden. „Du suchst wahrhaft Gott?“, fragt ihn damals der Abt. – „Ja, ich suche Gott.“ Im Februar dieses Jahres ist Pater Nikodemus selbst zum Abt gewählt geworden.
Abtei
Kaiser Wilhelm II. kaufte das Grundstück auf seiner Orientreise 1898 nach langen Verhandlungen mit dem Sultan. 1906 zogen drei Benediktinermönche aus Beuron in die neue Abtei. Während der Naziherrschaft wurden die deutschen Patres interniert. Im Sechstagekrieg gerieten sie zwischen die Fronten, im Gemäuer sind noch Einschusslöcher zu sehen. Heute leben zwölf Glaubensbrüder in der Abtei und dem zugehörigen Kloster Tabgha am See Gennesaret: neun Deutsche, ein Amerikaner, zwei Polen – alle deutschsprachig. Die Dormitio ist Leuchtturm und Kulturzentrum der deutschen Katholiken in der Heiligen Stadt. Täglich knien Hunderte Pilger in der Krypta, wo Maria, die Muttergottes, entschlafen sein soll. Hier singen die Regensburger Domspatzen, ertönen Alphörner, Händel-Oratorien in direkter Nachbarschaft zum Abendmahlssaal und dem Grab von König David, im Koran als Prophet Dawud verehrt.