Der Bildhauer Fritz von Graevenitz Opportunist oder blinder Idealist?

Von Dietrich Heißenbüttel 

Julia Müller interessiert sich für ganz andere Geschichten. Sie will die Rolle des Bildhauers im Dritten Reich beleuchten. War Fritz von Graevenitz ein „Aktivist gegen den Nationalsozialismus“, wie er 1946 vor der Spruchkammer erklärte? Konnte er dies als Direktor der Kunstakademie überhaupt gewesen sein? War er ein Mitläufer, ein Opportunist oder ein blinder Idealist, der nicht erkannte, was um ihn ­herum vorging? Diesen Fragen geht Julia Müller in ihrer Doktorarbeit nach.

Sie hat es sich nicht leichtgemacht. In privaten und öffentlichen Archiven sichtete sie unzählige Dokumente, erforschte Graevenitz’ Werdegang, seine künstlerische Orientierung, seine Stellung im Dritten Reich sowie sein Umfeld in der Stuttgarter Akademie. Und sie beschreibt detailliert die Umstände der Entstehung von 16 größtenteils weniger bekannten Arbeiten des Künstlers, von denen die meisten in nationalsozialistischer Zeit entstanden sind.

Müller versucht keinesfalls, den Bildhauer zu entlasten, klagt ihn aber auch nicht an. Sie zeigt vielmehr, welche Umstände ihn veranlassten, für oder – auch wenn dies riskant war – gegen das nationalsozialistische Regime Stellung zu beziehen.

„Muss Nazikunst wirklich im Museum ausgestellt werden?“ Solche Fragen, die bei Künstlern wie Arno Breker oder Josef Ziegler durchaus angebracht sind, musste sich Julia Müller auch während ihres Promotionsverfahrens anhören. Aber Fritz von Graevenitz war nicht einfach ein Propagandist des nationalsozialistischen Systems. Er ist nie in die NSDAP eingetreten und hat sich das eine oder andere Mal durchaus kritisch geäußert. Trotzdem stellte er seine Kunst in den Dienst des Regimes. Warum?

Ein sensibler Künstler

Fritz, eigentlich Friedrich Wilhelm, von Graevenitz kam 1892 als Sohn eines Generals in Stuttgart zur Welt. Vom zwölften Lebensjahr an erhielt er eine militärische ­Erziehung, wurde Leibpage einer Tochter Kaiser Wilhelms II. und kam 1911 zum Grenadierregiment Königin Olga Nr. 119, in dem er bis zu seiner Kopfverletzung diente. Seine beiden Brüder fielen im Ersten Weltkrieg. Bildhauerei war für Graevenitz auch der Versuch, dem Tod der Gefallenen nachträglich einen Sinn zu geben.

Graevenitz empfand die Niederlage und den Friedensvertrag von Versailles als Schmach. Als er im Winter 1932/33 vom Turm der Tübinger Stiftskirche aus den Einmarsch der „braunen und grauen Kolonnen“ beobachtete, notierte er in sein Tagebuch: „Ein Strom neuer Willenskräfte ist damit in unser Volk gekommen, alles in Kampf stellend für ein höchstes Ziel.“

Aber Graevenitz war eben auch ein sensibler Künstler. Er hatte kurz bei Ludwig Habich und Alfred Lörcher in Stuttgart studiert. Entscheidend wurde jedoch der Besuch der privaten Kunstschule von Gustaf Britsch und Egon Kornmann am Starnberger See. Britsch und Kornmann legten Wert auf die „Pflege des Wachstums der künstlerischen Vorstellungskraft“.

Graevenitz arbeitete nicht nach der Anschauung, sondern nach „inneren Bildern“. Was dies bedeutet, zeigt auf gespenstische Weise ein Kopf Adolf Hitlers, den er 1935 modellierte. Auf dem Reichsparteitag in Nürnberg, in einer der vorderen Reihen sitzend, hatte er die Gesichtszüge des Führers studiert. Der Porträtkopf entstand jedoch erst nach der Veranstaltung. Er scheint nicht nur das Aussehen, sondern das Düstere des Charakters perfekt wiederzugeben. Nach „inneren Bildern“ zu arbeiten kam Graevenitz auch insofern entgegen, als er nicht räumlich sehen konnte, weil er auf dem rechten Auge fast blind war. Um dieses Handicap auszugleichen, verwendete er einen Handspiegel.

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