Mit Sprüchen wie „Selbst Frösche können singen“ wurde vor zwei Jahren in Cannstatt für den neuen Ich-kann-nicht-singen-Chor geworben. Inzwischen sind jeden Monat 40 Stimmen jeden Alters mit dabei.

Region: Verena Mayer (ena)

Stuttgart - Die Blätter im Kurpark von Bad Cannstatt leuchten rot und gold. Die Damen und Herren im Kursaal singen „All the eaves are brown.“ Würden sie aus den Fenstern schauen, könnten sie auch den knallblauen Himmel sehen. Doch dafür ist keine Zeit. „And the sky is grey“, singen die Damen und Herren stattdessen. Ihr Blick haftet auf der Frau mit den silbernen Haaren vor ihnen. „Lasst die Arme locker“, ruft sie den Bässen zu, die ihre Arme vor der Brust verschränken. Oder: „Beim nächsten Mal nehmen wir die Männer mit“, ermahnt sie die Frauen, die hoch konzentriert den Einsatz ihrer Partner übertönen. Oder: „Stellt euch vor, ihr wärt eine Querflöte.“ Gemeint sind die Alt-Stimmen, deren summendes u-uhu-u-uhuhu noch nicht so melodiös klingt wie die Querflöte im weltberühmten Song von The Mamas and the Papas. „Es gibt schon noch ein paar Sachen, die nicht klappen“, sagt die silberhaarige Frau, die alle hier Jeschi nennen. Irgendjemand ruft: „Wir können ja auch nicht singen!“ Alle lachen.

Ist ja auch wirklich lustig: Der Chor, der im Kursaal singt, nennt sich Ich-kann-nicht-singen-Chor. Am nächsten Tag hat er einen Auftritt. „California Dreamin“ vor großem Publikum. Alle Achtung: Ein Chor, der nicht singen kann! Gibt ein Konzert! Mit einem einzigen Lied! „Das muss man erst mal schaffen!“, sagt Jeschi. Wieder lachen alle. Immerhin haben sie Spaß hier.

Jeschi heißt mit Nachnamen Paul. Sie ist ist Sängerin, Gesangslehrerin und Leiterin mehrerer Chöre. Der Chor, den sie im Kursaal anleitet, kann in Wahrheit gar nicht nicht singen. Das bringt Jeschi Paul den Mitgliedern schon bei. Der Ich-kann-nicht-singen-Chor ist für Menschen, die nur glauben, dass ihrer Kehle allenfalls Quietschen und Krächzen zu entlocken wäre.

Die Ereignisse im Übungsraum haben Ähnlichkeit mit einer Gymnastikstunde. „Wir stehen auf die Zehenspitzen und sacken zurück auf den Boden wie ein Fels“, ruft Jeschi Paul. Rumpeln. „Wir strecken die Arme in die Höhe und atmen ein und aus.“ Schnaufen. „Wir lassen die Schultern kreisen und ziehen sie weit nach hinten.“ Knacken. Beim Singen ist voller Körpereinsatz gefragt. „Gut sieht das aus“, lobt die Lehrerin ihre Schüler. Und weiter: „Wir klatschen die Hände auf die Schenkel und sprechen: Lok-ker, im-mer lok-ker. Lok-ker, im-mer lok-ker. Und noch einmal: Lok-ker, im-mer lok-ker!“ Das ist ein Rhythmus, bei dem jeder mit muss.

„Selbst Frösche können singen“

Das Vorbild des Stuttgarter Ich-kann-nicht-Singen-Chors ist der Berliner Ich-kann-nicht-Singen-Chor. Edgar Kube hatte von dem Experiment am Friedrichshain gelesen und sofort gedacht: „Das kann man doch hier auch machen.“ Als Vorsitzender des baden-württembergischen Sängerbunds könnte er leicht ein Klagelied auf die Laienchorszene anstimmen: zu wenig Nachwuchs, zu olles Liedgut, zu biedere Werbung. In den vergangenen sechs Jahren, berichtet Kube, haben sich acht der einst 37 im Sängerbund organisierten Vereine aufgelöst.

Doch Kube jammert nicht, er handelt. Auf dem bunten Flyer, der für die Stuttgarter Stadtmusikanten wirbt, steht: „Selbst Frösche können singen! Und Sie glauben, Sie könnten es nicht?“ Zum Auftakt vor zwei Jahren traute sich gerade mal ein wagemutiges Dutzend nach Cannstatt, inzwischen kommen zur unverbindlichen monatlichen Singstunde (die nächste findet am 6. Dezember um 15 Uhr statt) an die 40 Männer und Frauen jeden Alters aus der ganzen Region. Wenn das so weiter geht, muss Edgar Kube bald einen größeren Saal für die Proben suchen.

Jeschi Paul flötet: „Wollt ihr noch ein bisschen lachen?“ Lachen ist gut, weil es die Stimmbänder in Schwingung bringt. Also erzählt Jeschi Paul schnell einen Witz: „Zwei Musiker gehen an einer Kneipe vorbei. – Darüber lachen wir jetzt!“ Die Bässe hohohohoho ganz tief. Die Soprani hihihihihi ganz hoch. Hätte Jeschi Paul gesagt: „Singt mal ein zweigestrichenes Dis“, hätten die Damen den Auftrag bestimmt vergeigt. Aber mit der Lachnummer fliegen die Töne federleicht aus den Mündern. Rolf Munderich, ein wohlklingender Bass, schwärmt: „Die Jeschi macht so viele Übungen mit uns, irgendwann glaubt man, man kann singen.“ Sein Loblied hat zahlreiche weitere Strophen. Ein paar davon klingen so: Wenn man seine Stimme als Instrument betrachtet, kommen tatsächlich Laute raus. Die Erfahrung, dass man in der Lage ist, einen Ton zu produzieren, ist fantastisch. Das gemeinsame Singen macht unheimlich Spaß. Man fühlt sich als Neuling nicht wie ein Fremdkörper.

Califonia Dreamin in Cannstatt

Der 62-jährige Althistoriker ist dem Chor mit seiner Frau beigetreten. Cornelia Munderich war überzeugt, nicht singen zu können. „Das weiß man einfach.“ Doch seit der große Auftritt naht, erhebt die Bankkauffrau ihre Stimme so oft wie nie zuvor. Auf keinen Fall will sie den Text vergessen. Und Notenblätter gibt es keine. „California Dreamin“ in der Endlosschleife.

Die Untersuchungen über die Folgen des Singens für die Sänger sind so zahlreich wie eindeutig: Singende Menschen sind lebensfroher, ausgeglichener und zuversichtlicher. Durch das aktive Musizieren werden Stresshormone ab- und Glückshormone aufgebaut. Die Organe werden besser mit Sauerstoff versorgt, die Muskeln im Rücken gestärkt, die Abwehrkräfte ertüchtigt. Das kontrollierte Ein- und Ausatmen kann ähnlich entspannend wirken wie Yoga, und das Stimulieren des Gedächtnisses möglicherweise bis zu einem gewissen Grad vor der Entwicklung einer Demenz bewahren. Menschen, die singen, verfügen zudem über ein größeres Selbstvertrauen, handeln sozial verantwortlicher als nichtsingende und sind psychisch belastbarer. Kurzum: Singen ist der Hit!

Régis Titeca hat bis er zum Ich-kann-nicht-singen-Chor kam, nie gesungen. Nicht mal unter der Dusche. In seiner Familie war das irgendwie kein Thema und an seiner Schule auch nicht. Wenn seine Freunde am Lagerfeuer „Blowing in the Wind“ oder „Country Roads“ heulten, kam Régis Titeca gar nicht auf die Idee, miteinzustimmen. Singen war für den 62-Jährigen etwas völlig Fremdes. Bis er „auf seine alten Tage“ beschloss, diese Hemmung vor dem Mundaufmachen abzulegen. Und? „Ich fühle mich befreit!“

Lieselotte Buch hat einst im Schulchor geträllert. „Im Frühtau zu Berge“ und so. Die 76-Jährige hat nie vergessen, dass sie dabei Freude hatte – was zu einem großen Teil auch daran lag, dass sie in den Chorleiter verschossen war. Später hat sie ihre Kinder in den Schlaf gesungen und an Weihnachten „Schneeflöckchen Weißröckchen“ begrüßt. Doch die besinnliche Hausmusik liegt schon so lange zurück, dass Lieselotte Buch ihre Stimme komplett eingerostet wähnte. Und? „Jetzt ist sie wieder viel beweglicher.“

„Die Jeschi reißt uns einfach mit“, preist Karin Ongaro die Chorleiterin. Beim Gedanken an das Singspiel aus der jüngsten Probe muss die 64-Jährige gleich wieder lachen: „Wenn ich heut’ nix schaffen will und schaff das, habe ich denn dann was geschafft oder nicht?“ Glatt, oder? Taktgefühl kann so viel Spaß machen.

In der Schule wird das Singen an den Rand gedrängt

„Wer sprechen kann, kann auch singen“, spricht Jeschi Paul. So wie man Sprechen durch Nachahmung lerne, könne man auch Singen durch Imitieren lernen. Das Problem sei allerdings, dass den wenigsten Kindern so intensiv vorgesungen wie vorgesprochen werde. Nicht mal mehr auf die Schulen kann man sich verlassen. In Baden-Württemberg zum Beispiel ging der Musikunterricht vor zehn Jahren im Fächerverbund Menuk auf. Leider drängten die Komplexe Mensch und Natur die Kultur meist an den Rand. Ab 2016 allerdings soll das Singen an der Grundschule eine Renaissance erleben. Menuk wird aufgelöst, die Musikstunde kommt zurück. „Dafür hat sich der Landesmusikverband sehr stark gemacht“, sagt Edgar Kube zufrieden, dessen Sängerbund Mitglied im Landesverband ist.

So: die Arme im Kursaal sind alle gelockert, die Stimmbänder super in Schwung, die Sänger sowieso in bester Stimmung. Jetzt noch ein Durchgang. „All the Leaves are brown“, beginnen die Männer. „All the Leaves are brown“, wiederholen die Damen. „And the Sky is grey“ singen die Männer weiter. „And the Sky is grey“, folgen die Damen. „I’ve been for a Walk“ –„I’ve been for a Walk“ – „On a Winter’s day“ –„On a Winter’ day.“ Die Cannstatter spazieren in eine Church, gehen auf ihre Knees, durchschauen den Preacher und träumen immer weiter von California. Sehr harmonisch, sehr warm, sehr schön. Auch Jeschi ist zufrieden. „Ich freu’ mich auf morgen.“

Zurecht, wie sich herausstellt. Der Auftritt vor großem Publikum wird prima. Das Ende vom Lied ist, dass die angeblichen Nicht-Singen-Könner eine Zugabe geben: „There is Sunshine“.

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