Stadtkind Stuttgart

Der Club Zollamt schließt Biotop der Menschlichkeit

Von Björn Springorum 

Der Club Zollamt in Bad Cannstatt feiert an Silvester seine letzte Party. Auch wenn die Kulturinsel das Erbe des Clubs weiterträgt: Es wird nicht mehr dasselbe sein wie zuvor. Wir haben uns mit dem Betreiber Joachim Petzold unterhalten.

Bis zur letzten Sekunde hat der Betreiber Joachim Petzold um den Erhalt des Clubs Zollamt gekämpft, bis zum letzten Moment die Hoffnung nicht ganz aufgegeben. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Bis zur letzten Sekunde hat der Betreiber Joachim Petzold um den Erhalt des Clubs Zollamt gekämpft, bis zum letzten Moment die Hoffnung nicht ganz aufgegeben. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Stuttgart - Wenn am Neujahrsmorgen die letzten feiernden Gäste aus dem Club Zollamt ins neue Jahr stolpern, geht eine Ära zu Ende. Es werden jedoch nicht die vielen Partys sein, an die man sich dann erinnert, die Konzerte, Events und langen Nächte auf dem Areal. Es wird die schöne Feststellung sein, dass ein Club durchaus für Feierei und gleichzeitig für Toleranz, Vielfalt, Respekt und Offenheit stehen kann. Wenn ihn die richtigen Leute betreiben. Und wenn man sie lässt. Man wird an die Menschen denken, die sich für diese Location eingesetzt haben.

Menschen wie der kürzlich verstorbene Peter Gmeiner. Der hatte auf der Kulturinsel ein neues Zuhause gefunden, setzte sich unermüdlich für den Garten Inselgrün ein und steht synonym für all die freiwilligen Helfer, für all die Künstler, die dieses Areal so rührig gepflegt und aufgebaut haben.

Das Erbe wird gepflegt

Bis zur letzten Sekunde hat der Betreiber Joachim Petzold um den Erhalt des Clubs gekämpft, bis zum letzten Moment die Hoffnung nicht ganz aufgegeben, dass es vielleicht doch noch irgendwie weitergeht. Dass man sich doch mit den Anwohnern in unmittelbarer Umgebung des Areals einigt. Es half alles nichts. Der Club Zollamt muss nach rund 16 Jahren schließen. „Am Ende war es nicht die Behörde, sondern die Ablehnung der Bürgerinitiative Veielbrunnen, die uns zu diesem Schritt gezwungen hat“, teilt Petzold resigniert mit.

Immerhin: Die Kulturinsel darf zunächst mal zwei weitere Jahre bleiben und das Erbe des Clubs wie auch das Vermächtnis von Menschen wie Peter Gmeiner lebendig halten. Die zeigen exemplarisch, wie wichtig Orte wie die Kulturinsel und das Zollamt sind.

Alles falsch

Dass ein solcher Laden überhaupt so lange Bestand hatte, dürfte nicht wenige verwundern. Das Zollamt, gelegen inmitten einer verwilderten Industriebrache recht weit ab vom Schuss, machte im Grunde alles falsch, was man falsch machen kann – zumindest wenn man nach dem Handbuch für möglichst lukrativen Clubbetrieb geht.

Ging man glücklicherweise nicht, weshalb sich vor allem in den letzten vier Jahren unter Petzolds Führung ein kunterbuntes Areal der Subkultur entwickeln konnte, das als Assemblage aus dem Club, der Kulturinsel und verschiedenen dort tätigen Institutionen vor allem eines war: Heimat.

Natürlich ist dieser Ort auch die Heimat recht vieler Anwohner. Kleinreden, dass es kein Problem ist, wenn die Gäste die Party einfach auf dem Nachhauseweg fortsetzen, will Petzold deswegen erst gar nicht. Die Kommunikation sei aber nicht immer ganz glücklich und harmonisch verlaufen, meint er.

Schmerzhafter Abschied

„Die ganze Situation ist surreal. Wir kommen gar nicht dazu, das alles zu realisieren“, erzählt Petzold wenige Tage vor der Schließung. Er beschreibt es als schmerzhaften Abschied auf Raten, mit jeder letzten Ausgabe einer regelmäßigen Veranstaltungsreihe wird eine ganz eigene Closing-Party gefeiert. Das geschah mal mit satten Grooves bei Kingston Hot, mal mit düsterem Gewummer bei Our Darkness.

Das war letztlich das Besondere an dem Schuppen: Hip-Hop, Dancehall, Elektro, Gothic, aber auch zahlreiche andere Events, Lesungen oder Live-Konzerte koexistierten hier friedlich. „Wir waren immer für alles und alle offen, ganz ohne Vorurteile.“

Am Anfang war Ü30

Das sorgte nach Petzolds Übernahme 2012 für eine rapide Etablierung eines ureigenen Biotops, wie es sie in Stuttgart leider immer noch viel zu wenige gibt. „Zu sehen, dass das Zollamt nach zwölf Jahren fast verschwunden war und dann noch einmal gezeigt hat, was man so in Cannstatt alles erreichen kann“, ist deswegen auch einer der schönsten Momente in der Geschichte des Ladens. „Die Leute sagen, dass das Zollamt der erste Laden mit dem Konzept mehrerer Floors war“, fährt Petzold fort. „Es wurde schnell zum absoluten Merkmal des Clubs, dass sich hier alle Musikrichtungen und alle Gesellschaftsschichten zusammenfinden.“

In guter Erinnerung werden ihm die Aftershowpartys von The Dome oder natürlich die Geburtsstunde von Sentinel Sound bleiben. Deswegen führte er den Club ab 2012 auch ganz entschieden im Geiste des alten Zollamts weiter. „Als wir 2012 übernommen haben, haben uns viele geraten, den Namen zu ändern und das Logo abzuschaffen. Wir haben uns bewusst dagegen entschieden, um die Philosophie des Zollamts zu erhalten.“ Die liegt Petzold eben sehr am Herzen, immerhin ist er selbst seit rund 13 Jahren ein fester Teil dieser Geschichte. „Zu meinem 30. Geburtstag überredete mich ein Freund dazu, doch mal eine Ü30-Party im Zollamt zu veranstalten.“ Das war schon eine Herausforderung, meint er, wurde aber bald zu einer coolen, szenigen Veranstaltung, die nach mittlerweile 13 Jahren eine der ehrlichsten und authentischsten Partys dieser Art ist. „30- bis 70-Jährige feiern nebeneinander“, meint er verzückt – und freut sich natürlich besonders darüber, dass sein Baby auch nach der Schließung tatsächlich als Reihe fortbestehen darf. „Durch diese Party habe ich das Zollamt überhaupt erst kennengelernt und mich dann Stück für Stück mehr eingebracht. Mir ging es ab 2012 vor allem darum, Welten miteinander zu verbinden, die zunächst mal niemand erwartet. Ein Ort beispielsweise, an dem man tagsüber etwas gegen das Flüchtlingselend tut und nachts feiert.“

Gute Vorsätze

Warum die Schließung des Clubs nicht nur für die Subkultur, sondern auch für das gesamte Areal der Kulturinsel so kritisch ist, liegt an der besonderen Verzahnung der beiden Örtlichkeiten. „Was bisher der Club gestellt oder finanziert hat, fällt weg“, so Petzold. „Dadurch sind die Fixkosten für alles andere natürlich viel höher. Eines unserer Hauptziele, die Räumlichkeiten für die Subkultur und gemeinnützige Organisationen sehr günstig und manchmal auch kostenlos zur Verfügung zu stellen, wird dadurch natürlich schwieriger.“

Mittlerweile haben sich die Anwohner und das Zollamt-Team angenähert, kurz vor Weihnachten erfuhren Petzold und seine Mannschaft das erste Mal, dass es auch unter den Bewohnern Menschen gibt, die auf Seite des Clubs stehen. Die sehen es ganz ähnlich wie Petzold, wenn er sagt: „Zwei neue Stadtviertel brauchen doch einen kulturellen Treffpunkt! Wie der aussieht, wird sich zeigen, doch wir sind offen und für weiteren Wandel bereit. Unser Wunsch an die Stadt wäre, einen Ort wie das Zollamt und das gesamte Areal ernst zu nehmen. Muss man denn etwas kaputt machen, das schon besteht?“

Die Gäste, die sich die Silvestersause im Zollamt nicht entgehen lassen, können dann ja einfach mal mit gutem Beispiel vorangehen und auf dem Nachhauseweg leise sein. Gute Vorsätze und so.