Der Diakonissengarten in Oberesslingen Wo Königin Olga zum Kaffee empfangen wurde

Das Diakonissenhaus stand einst auf dem Gelände in Oberesslingen, das heute noch Diakonissengarten heißt – und war ein beliebtes Postkartenmotiv. Foto: oh

Im Diakonissengarten wurde einst Königin Olga zum Kaffee empfangen, später bewirtschafteten Diakonissen den großen Garten. Als die Stadt die Fläche erwarb, mussten Garten und Diakonissenhaus einer Wohnbebauung samt kleinem Park weichen.

Nichts deutet darauf hin, dass hier einmal ein nobles Herrenhaus stand, in dem Königin Olga zum Kaffee geladen war. Auch von den Diakonissen, die hier fast hundert Jahre lang lebten und wirkten, gibt es keine Spur mehr – mal abgesehen vom Namen. Der Diakonissengarten zwischen Kreuzstraße, Hirschlandstraße und Kegelstraße in Oberesslingen ist heute ein normaler kleiner Park mit Spielplatz – wenn auch einer mit einer reichen Geschichte.

 

Vom bäuerlichen Anwesen zum noblen Herrenhaus

Wo heute Kinder spielen, Jugendliche Tischtennis-Turniere austragen und Erwachsene spazieren gehen, befand sich der Weiler Hof. Er wurde erstmals 1442 erwähnt und gehörte zum Kloster Weil, das sich im heutigen Stadtteil Weil befand. Vom Kloster – beziehungsweise nach der Reformation von der herzoglichen Kellerei – wurde der Hof als Lehen unter anderem an Privatleute vergeben, vorzugsweise an honorige Einwohner. Später befanden sich laut den Oberesslinger Stadtgefährten, die die Geschichte ihres Stadtteils in einem vom Stadtmuseum initiierten Projekt erforscht haben, gar Adelige unter den vielen wechselnden Besitzern: Als erstes wohl Heinrich Reinhardt Freiherr von Röder, Oberstallmeister Herzog Carl Alexanders, der den Hof von 1734 bis 1739 besaß. Ab 1803 war der Weiler Hof durchgehend im Besitz von Adeligen oder Beamten.

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Einer von ihnen war der Staatsrat Nikolaus Michael von Adelung, Kammerherr von Königin Olga, der den Hof 1861 erwarb. Er ließ zum Garten hin einen sogenannten Pavillon mit Balkon an-, sowie das Dachgeschoss des Hauses ausbauen. Damit wandelte sich laut den Stadtgefährten das bis dato eher bäuerlich geprägte Anwesen zu einem noblen Herrenhaus. Dies und die Tatsache, dass Königin Olga hin und wieder zum Kaffee auf der schattigen Terrasse empfangen wurde, dürfte erklären, warum der Hof im Volksmund „Schlößle“ genannt wurde. Schließlich seien die Besuche der Königin sicher etwas Besonderes gewesen für das einfache Volk in Esslingen, mutmaßt der Kunsthistoriker Christian Ottersbach, der sich bei den Stadtgefährten engagiert hat. Er geht davon aus, dass auch das Anwesen an sich als Attraktion galt. Es war ein beliebtes Postkartenmotiv. Im 19. Jahrhundert sei der bürgerliche Sonntagsausflug in Mode gekommen – vermutlich hätten viele Städter am Wochenende einen Abstecher nach Esslingen gemacht, seien im Wirtshaus eingekehrt und hätten eine solche Postkarte geschrieben.

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Auch später, nachdem das „Schlößle“ im Jahr 1880 von der Evangelischen Diakonissenanstalt Stuttgart erworben worden war, muss das Anwesen laut Ottersbach sehr beliebt gewesen sein bei den Oberesslingern. Bis in die 1970-er Jahre hinein sei es von Diakonissen bewohnt worden, die wohl seelsorgerisch sehr aktiv und eine feste Größe im Ort gewesen seien. „Die alten Oberesslinger verbinden mit dem Garten, dem Schlößle und den Diakonissen wichtige Erinnerungen“, sagt Ottersbach. Zudem sei der Diakonissengarten, den die Bewohnerinnen bewirtschafteten, der größte Garten in Oberesslingen gewesen. „Man merkt schon, dass der Garten in Oberesslingen vermisst wird: Er galt als eine Art Paradies“, so Ottersbach.

Stadtverwaltung erkennt die historische Bedeutung nicht

Im Jahr 1978 erwarb die Stadt Esslingen das geschichtsträchtige Anwesen, erkannte laut den Stadtgefährten dessen historisch-ideellen Wert für Oberesslingen aber nicht. Der Gebäudekomplex wurde abgerissen und die Fläche für Wohnungsneubauten genutzt. Auf Initiative des Bürgerausschusses sei der Garten 1983/84 zu einem öffentlichen Park umgewidmet worden. „Für viele ältere Oberesslinger hingegen ist der Diakonissengarten bis heute ein Erinnerungsort an ein verlorenes Paradies“, heißt es von den Stadtgefährten.

Stadtteilgeschichte – selbst erforscht

Gebäudekomplex
Nach Recherchen der Stadtgefährten war der Komplex des Weiler Hofs in Oberesslingen am Standort des heutigen Diakonissengartens von einer hohen Sandsteinmauer umgeben. Er bestand aus einem Haupthaus mit Veranda, hinter dem sich ein breiter Scheunenbau mit hohem Giebel erhob, der irgendwann zu Wohnzwecken ausgebaut wurde. Daran schloss sich nach Osten hin ein niedriger, zweigeschossiger Flügel an, dem später ein kleines Gewächshaus vorgelagert wurde.

Stadtgefährten
Beim Projekt „Viele Teile, eine Stadt“ hat das Esslinger Stadtmuseum im Jahr 2019 Bürgerinnen und Bürger aufgerufen, die Historie in ihrem jeweiligen Stadtteil selbst zu erforschen. Dabei konnten die Teilnehmer, die sogenannten „Stadtgefährten“, selbst auswählen, wie sie ihre Recherche gestalten wollen. Zum Abschluss wurden die Ergebnisse 2020 in einer großen Ausstellung im Stadtmuseum präsentiert.

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