Der Einfluss des Wahhabismus Als die Juden lieber zum Scheich als zum Rabbi gingen

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Der Schwerpunkt der religiösen Vielfalt lag stets in den Staaten entlang des Mittelmeeres und Mesopotamiens, die eine vielschichtige, facettenreiche und tief gestaffelte Kultur- und Religionsgeschichte haben – also Nationen wie Syrien, Libanon, Ägypten, Palästina und der Irak. In diesen Traditionen wird religiöse Praxis von den Eltern an ihre Kinder vorlebend und nachahmend weitergegeben, und damit zutiefst kulturell getränkt und kulturell verwurzelt. In solchen Milieus gehörte gegenseitige Toleranz zwischen Muslimen, Christen und Juden zum Alltag, weil sich die lokalen Glaubenden durch gemeinsame kulturelle Wurzeln verbunden fühlten. So berichtete der syrische Intellektuelle Samir Altaqir, in seiner Kindheit vor sechzig Jahren seien syrische Juden bei seelischen Problemen bisweilen lieber zum lokalen Scheich als zu ihrem Rabbi gegangen, weil die Scheichs in ihren Augen weltoffener waren.

Dagegen entwickelte sich die Golfregion seit 1979 zu einer Drehscheibe religiöser Militanz mit Saudi-Arabien im Zentrum. Der Missionsdruck salafistischer Prediger mit ihrer spartanischen, antimodernen und frauenfeindlichen Einheitssaga, geschmiert mit Milliardenbeträgen aus dem in den siebziger Jahren einsetzenden Ölboom, war hoch und entfaltete Wirkung. Heerscharen von Wanderarbeitern aus Ägypten, Jordanien, Palästina, Marokko und Syrien kehrten in den achtziger und neunziger Jahren mit Geld in den Taschen und einem anderem Islam im Kopf aus Saudi-Arabien in ihre Heimatländer zurück. Die Zahl der verschleierten Frauen in den Mittelmeeranrainern stieg, das Niveau von Kunst, Kultur und Unterhaltung sank. Gleichzeitig wuchs der Trend zu Intoleranz, Ausgrenzung von Minderheiten und kultureller Monotonie.

Die aggressive Homogenisierung wird in alle Welt getragen

Das gilt inzwischen auch für moderat-islamische Staaten in Asien wie Indonesien und Malaysia, wo sich die saudisch inspirierten Eiferer und ihre Helfershelfer ebenfalls breitmachen. Von Marokko bis Jemen, von Pakistan bis Indonesien dämonisierten ihre Prediger die eingesessene, vor Ort inkulturierte Religiosität als verdorben, unislamisch oder häretisch. Opulente Stipendienprogramme in Mekka und Medina für Abertausende von Nachwuchsimamen aus aller Welt bewirken, dass diese aggressive Homogenisierung in jeden Winkel getragen wird.

Entfesselt durch den Arabischen Frühling zogen diese Salafisten dann eine Spur der Verwüstung durch Ägypten, Libyen und Tunesien, der Hunderte von Sufi-Stätten, Friedhöfen und Pilgermausoleen zum Opfer fielen, ein düsterer Prolog zu der kulturellen Apokalypse, die der Islamische Staat jetzt in Syrien und Irak anrichtet.

„Kairo schreibt, Beirut publiziert und Bagdad liest“, hieß einmal ein arabisches Bonmot. Heute gelten diese traditionellen Kulturmetropolen sämtlich als Krisen- oder Kriegsgebiete – Damaskus, Aleppo, Kairo, Beirut, Bagdad. In Ägypten gewannen die Salafisten nach dem Arabischen Frühling bei der einzigen freien Parlamentswahl 2012 auf Anhieb ein Viertel aller Mandate. Selbst der aktuelle Krieg im Jemen hat seine Wurzeln in der Salafistenmission. Schon bald nach 1979 schickte Saudi-Arabien seine radikalen Prediger ins südliche Nachbarland, wo sie religiösen Unfrieden säten und die Gründung der Houthi-Bewegung provozierten.