Kultur: Tim Schleider (schl)

Und auf dieser Baustelle steht eindeutig zu viel Gerät. Unser aller Problem im Erinnern an den Mauerfall ist, dass wir ganz automatisch immer schon mitdenken, was danach geschah. Die nächtliche Szenerie der tanzenden, jubelnden Menschen auf der Berliner Mauer in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1989 ist in unserem Gedächtnis untrennbar verbunden mit dem nächtlichen Feuerwerk vorm Reichstag elf Monate später, in der Nacht vom 2. auf den 3. Oktober 1990. Der Mauerfall wirkt für uns nur noch als Vorgeschichte zur deutschen Wiedervereinigung.

Da ist es nur konsequent, dass auch die Ereignisse vor dem Mauerfall, die Demonstrationen in Leipzig, Dresden und Ostberlin, die selbst gebastelten Schilder und Transparente, die leidenschaftlichen Debatten, das klägliche Ende der alten Herrschaften, dann nur noch wie eine Vorgeschichte wirken – die Vorgeschichte zum Wahlsieg der Bürgerlichen bei den freien Wahlen im Frühjahr, der Übernahme von Währung und Wirtschaft, dem Ausschwärmen westdeutscher Politiker, Juristen und Professoren gen darbenden Osten, der Einigung mit den alliierten Siegermächten. Wenn wir in den Filmbildern vom Herbst 1989 die Rufe „Wir sind das Volk“ hören, dann hören wir immer schon dazu „Wir sind ein Volk“, die Rufe vom Sommer 1990.

Einzigartig in der jüngren Weltgeschichte

Man mag ja urteilen, dass die Entwicklung der elf Monate nach dem 9. November dynamisch und historisch schlüssig war, womöglich sogar zwangsläufig. Es geht gar nicht darum, die Akteure der späteren Vereinigung zu schelten. Aber dennoch: durch das ständige Mitdenken des Nachfolgenden werden wir dem eigentlichen Wert der Ereignisse vom Herbst 1989, nämlich, mit Verlaub, ihrer staunenswerten Singularität in der jüngeren Weltgeschichte, nicht gerecht. Und wenn das bevorstehende 25-Jahr-Jubiläum einen gesellschaftlichen Mehrwert für uns heute haben könnte, dann vor allem diesen: dass wir uns die Zeit und die Gedankenfreiheit nehmen, den Fall der Mauer und die Wochen davor für sich zu sehen – als ein Lehrstück der Befreiung.

Der Mauerfall nicht als hübsches, aber schnell verklingendes Präludium der deutschen Vereinigung, in der ein schon seit Jahrzehnten wohlgeordnet freier Westen fünf neue Bundesländer im Osten in sein Grundgesetz aufnimmt, sondern als ein eigenes Oratorium der Freiheit, in dem es Menschen, die seit fünf Jahrzehnten geprägt sind von der Logik und den Mechanismen einer Diktatur, gelingt, diese Diktatur zu Fall zu bringen. Und damit ist klar: wir müssen die Geschichte vom Herbst 1989 zunächst einmal nicht als Geschichte der Deutschen erzählen, die sie nicht war, sondern als Geschichte der DDR-Bürger, denn diese haben sie erlebt und vorangetrieben. Der Westen war bei alledem nur Zuschauer.