Kultur: Tim Schleider (schl)

Was? Nur Zuschauer? Ach ja, die trügerische Macht der Bilder: weil zu allen Dokumentationen über den Herbst 1989 die berühmte Ansprache des damaligen Bonner Außenministers auf dem Balkon der Prager Botschaft nicht fehlen darf, in der er den dort lagernden DDR-Flüchtlingen die baldige Ausreise ankündigt und die dann im ohrenbetäubenden Jubel der Menschen untergeht – weil diese Szene immer und immer wieder kommt, hat sich bei vielen Westdeutschen das Geschichtsbild entwickelt, letztlich sei es der Westen in Gestalt von Hans-Dietrich Genscher gewesen, welcher der DDR die Freiheit geschenkt habe.

Natürlich trug der Ausreisewunsch vieler Bürger zum Verfall der DDR bei, und natürlich war es ein Verdienst Genschers, am 30. September 1989 einen sehr heiklen Fall diplomatischer Verwicklungen zwischen Bonn, Ostberlin und Prag mitgelöst zu haben. Insgesamt aber interessierten sich in der Bundesrepublik Ende der achtziger Jahre nur sehr wenige Menschen wirklich für diese Flüchtlinge oder gar für die DDR. Der deutsche Staat im Osten war den Westdeutschen über die Jahre hinweg reichlich egal und von Herzen fremd geworden (sieht man von jenen ab, die familiäre Bindungen dorthin hatten). An irgendeine bevorstehende Wiedervereinigung dachte ernsthaft niemand, weder in Bonn, noch in Hamburg, München oder Stuttgart – und in London, Paris, Den Haag erst recht nicht; dort war man politisch sehr beruhigt angesichts eines geteilten Deutschlands, nachdem man mit dem ungeteilten Deutschland einst so schlechte Erfahrungen gemacht hatte. Es gab damals übrigens auch unter den Journalisten in der Bundesrepublik nur sehr wenige, die über Klischees hinaus wirkliche DDR-Sachkenntnis besaßen.

Der Bürgermut in der DDR wurde unterschätzt

Auch der Bonner Bundeskanzler Helmut Kohl, der wenige Monate später gemeinsam mit Genscher im Prozess der Vereinigung zweifellos größtes, historisch bedeutsames Geschick entwickeln wird, schrieb angesichts eben des Ausreisedrucks vieler DDR-Bürger gen Westen noch am 14. August 1989 an den DDR-Staatschef Erich Honecker das mahnende Wort, dieser möge in der DDR für Lebensumstände sorgen, die es seinen Bürgern ermöglichten, „in ihrer angestammten Heimat ein für sie lebenswertes Leben führen zu können“. Wohlgemerkt: in der DDR.

Nur wenige in der BRD nahmen wahr, was sich zu diesem Zeitpunkt in der DDR schon alles tat. Dass die Zahl der Mitglieder von Friedens- und Umweltgruppen, vor allem junger Mitglieder im Schutzraum vieler evangelischer Kirchen stetig wuchs. Dass bereits im Mai in vielen Städten einfache Bürger den Mut besessen hatten, nach den Kommunalwahlen abends in die Wahllokale zu gehen, die Auszählung zu kontrollieren und durch Zusammentragen der Ergebnisse nachzuweisen, dass die vom Staat hinterher verkündete Zustimmung zur Einheitsliste in Höhe von 98,84 Prozent eine Lüge war. Dass diese Bürger den Mut hatten, gegen den Betrug Beschwerden einzulegen, auch wenn sie wussten, dass diese natürlich abgelehnt wurden, sie selbst aber unweigerlich mit nachfolgender Repression zu rechnen hatten.