Der EU-Experte Uwe Corsepius Merkels Mann für Europa

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Es ist ein Knochenjob, in diesen Zeiten erst recht: Uwe Corsepius, in Brüssel zum EU-Versteher ­geworden, bereitet die Kanzlerin auf die zwei vielleicht wichtigsten Gipfel ihrer Amtszeit vor.

Ein eher seltenes Bild, denn Uwe Corsepius lässt sich nicht gerne zusammen mit seiner Chefin ablichten Foto: Polaris/laif
Ein eher seltenes Bild, denn Uwe Corsepius lässt sich nicht gerne zusammen mit seiner Chefin ablichten Foto: Polaris/laif

Brüssel - An manchen Tagen sieht er sie gar nicht. Wenn andere Themen im Zentrum stehen. Es kann aber auch sein, dass er an einem Tag zehn Mal hinauf in den siebten Stock des Bundeskanzleramts gerufen wird, wo Angela Merkel ihr Büro hat. Uwe Corsepius, 55, nimmt gerne die Treppen. So rank und schlank, wie der hoch aufgeschossene Europa-Berater der Kanzlerin daherkommt, darf vermutet werden, dass er in letzter Zeit viele Höhenmeter im Kanzleramt überwunden hat.

Im Büro der Kanzlerin wird dann offen geredet über den Abgrund, in den die Europäische Union zu stürzen droht, wenn sie die Flüchtlingskrise nicht bald in den Griff bekommt. Hektik und Alarmismus sind nicht Sache dieser Regierungschefin, aber alle wissen, was die Stunde geschlagen hat. Diese Woche steht der erste von zwei EU-Gipfeln an, die irgendwie eine Lösung bringen müssen, Mitte März der zweite. Für Corsepius, der seiner Familie nach den vielen Griechenland-Rettungsgipfeln im Sommer ruhigere Zeiten versprochen hatte, ist das gleichbedeutend mit Überstunden.

Draußen ist es fast schon dunkel, als das Gespräch mit Kaffee und Keksen in seinem Büro beginnt. Angela Merkel will aber später noch wissen, was Corsepius von den neuen Flüchtlingskrisenlösungsvorschlägen der EU-Kommission für den Gipfel hält. Ein Treffen mit dem britischen Kollegen David Cameron steht bevor, der parallel bei Laune gehalten werden will, damit er seinem Land nicht den Austritt aus der Gemeinschaft empfiehlt. Gerade erst ist Corsepius mit Angela Merkel aus Ankara zurück, wo in Absprache mit Griechenland mal eben ein Nato-Einsatz in der Ägäis zur EU-Grenzsicherung auf den Weg gebracht wurde – Voraussetzung dafür, dass auch andere EU-Staaten der Türkei Flüchtlingskontingente abnehmen.

Der wichtigste europapolitische Einflüsterer der Kanzlerin

All diese Dinge muss der europapolitische Berater einfädeln helfen. Er drängt sich dabei nie in den Vordergrund, versucht gar zu vermeiden, mit Merkel auf Fotos zu erscheinen. Und doch spürt auch der wichtigste europapolitische Einflüsterer der Kanzlerin Last und Verantwortung ihres Amtes. In einer Zeit, da alle auf Deutschland schauen, kommt es darauf an, dass seine Politikempfehlungen Hand und Fuß haben und er nicht etwas übersehen hat. Schließlich hört die Frau, die gern als die weltweit mächtigste bezeichnet wird, auf ihn – nicht nur, aber eben auch. Menschen, die ihn gut kennen, erzählen, wie sehr ihn der neue alte Job schlaucht.

Corsepius macht ihn zum zweiten Mal. Der Betriebswirt, der am Kieler Institut für Weltwirtschaft promoviert und Anfang der Neunziger für den Internationalen Währungsfonds in Washington gearbeitet hat, diente schon unter Schröder an wichtiger Stelle im Kanzleramt. Merkel übernahm ihn vom SPD-Vorgänger, obwohl er kein CDU-Parteibuch besitzt – das Parteipolitische hält sie weitgehend von ihm fern. 2011 ging Corsepius dann nach Brüssel und wurde Generalsekretär des Rates der Europäischen Union mit Personalverantwortung für 3200 EU-Beamte, Einfluss auf Tagesordnung und Verlauf der Ministertreffen sowie festem Sitz im Europäischen Rat der Staats- und Regierungschefs – als einziger ungewählter Beamter. Nach vier Jahren als Chef des EU-Organs rief ihn die Kanzlerin im Frühsommer wieder zu sich, als sie einen Nachfolger für Corsepius’ Nachfolger Nikolaus Meyer-Landrut suchte.

Corsepius’ Auftreten wurde als „schroff“ bezeichnet

Begeisterung hat die Personalie in Brüssel damals, 2011, keine ausgelöst. Er galt als „Merkels U-Boot“. Zur Last gelegt wurde ihm vor allem sein Auftreten zu Beginn der Eurokrise, das als „schroff“ und „undiplomatisch“ bezeichnet wurde. Tatsächlich gab es Runden mit Journalisten, in denen Merkels Mann wie selbstverständlich davon ausging, dass sich seine deutsche Position durchsetzen werde. Das war zwar zutreffend, aber eben nicht die feine diplomatische Art. Deutschland, hieß es, habe weniger ein inhaltliches denn ein Stilproblem.