Der Fall Mollath Hipp, hipp, hurra für Gustl!

Er  sei  sich  keineswegs sicher, ob er sich auf die Justiz verlassen könne, kritisiert   Gustl Mollath beim Prozessauftakt und zeigt sich selbstbewusst. Foto: dpa
Er sei sich keineswegs sicher, ob er sich auf die Justiz verlassen könne, kritisiert Gustl Mollath beim Prozessauftakt und zeigt sich selbstbewusst. Foto: dpa

In Regensburg beginnt das Wiederaufnahme-Verfahren gegen Gustl Mollath und seine Unterstützer machen gehörig Rabatz. Der Angeklagte hat genug von Psychiatern. Er will schweigen, solange der Gutachter im Saal ist. Ganz gelingt ihm das nicht.

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Regensburg - Ganz ruhig steht er da. Die Hände hat er vor seinem Bauch gefaltet, hin und wieder legt er sie auf die Lehne des Stuhles vor ihm. Gustl Ferdinand Mollath blickt in die Gesichter der Menschen im Saal 104 des Landgerichts Regensburg, er lächelt in den Zuschauerraum, wenn er ein bekanntes Gesicht erkennt. Es sind viele Unterstützer gekommen. Einige mehr stehen draußen vor dem Gebäude.

Psychiater Norbert Nedopil reicht Mollath die Hand, Mollath erwidert den Händedruck. Sie lächeln sich an. Es ist eine erstaunliche Geste, steht Nedopil für Mollath doch für eine Zunft, der er „abgrundtiefes Misstrauen“ entgegenbringt, wie sein Verteidiger Gerhard Strate vor Gericht sagt. Mollath wird wenig später – erfolglos – darum bitten, dass Nedopil den Saal verlässt. Er werde sich nicht äußern, solange der Psychiater im Saal ist, sagt der 57-Jährige. Das trägt er vor, noch bevor die Anklage verlesen, seine Personalien aufgenommen sind. Elke Escher, Vorsitzende Richterin der 6. Strafkammer, lässt ihn gewähren. Sie scheint sehr darauf bedacht, Mollaths Bedürfnissen entgegenzukommen. Die Stimmung im Saal ist ernsthaft, freundlich, ruhig.

Da springt ein Mann im Zuschauerraum auf. Oberstaatsanwalt Wolfhard Meindl hat gerade begonnen, die Anklage zu verlesen. Von

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draußen schallt rhythmisches Trommeln durch die Fenster. Vor dem Gericht tragen Mollaths Unterstützer „das Grundgesetz zu Grabe“, wie sie vorab erklärt hatten. „Entschuldigung, Frau Vorsitzende, können Sie das da draußen bitte abstellen?“, sagt der Mann. Der Oberstaatsanwalt fährt aus der Haut: „Sie sind hier als Zuhörer und Zuschauer, nicht aber als Zurufer!“ Meindl droht mit rotem Kopf „Ordnungsmaßnahmen“ an, wenn so etwas noch einmal vorkomme. Es wird an diesem Tag das einzige Mal bleiben, dass die Anspannung der Prozessbeteiligten deutlich zum Ausdruck kommt.

Mollath schreibt jedes Wort mit

Oberstaatsanwalt Meindl vertritt die Anklage gegen Mollath. Zumindest verliest er sie an diesem Tag. Doch eigentlich könnte der Oberstaatsanwalt genauso gut zwischen Mollath, der hinter seinen vier Aktenordnern sitzt und jedes Wort mitschreibt, und dessen Verteidigern Platz nehmen. Denn Meindl hat mit dazu beigetragen, dass Mollath vor fast genau einem Jahr aus der Psychiatrie entlassen und das Urteil des Landgerichts Nürnberg-Fürth, das Mollath für psychisch gestört und gemeingefährlich erklärte, aufgehoben wurde. Nicht nur die Verteidigung hatte einen Wiederaufnahmeantrag gestellt, sondern auch die Staatsanwaltschaft, ein höchst seltener Vorgang. Meindls Wiederaufnahmeantrag liest sich wie eine Verteidigungsschrift. Die Folge: von diesem Montag an beginnt der Strafprozess gegen Mollath in Regensburg noch einmal von vorn, so als hätte es das Urteil des Landgerichts Nürnberg-Fürth nie gegeben.

Die Anklage, die Meindl vorträgt, deckt sich, mit dem, was im damaligen Urteil vom 8. August 2006 als Taten festgehalten wurde. Das Landgericht Nürnberg-Fürth sah es als erwiesen an, dass Mollath seine damalige Frau im August 2001 „mit beiden Fäusten“ schlug, sie in den Arm biss, bis zur Bewusstlosigkeit würgte und auf sie eintrat. Im Mai 2002 soll er sie außerdem für eineinhalb Stunden eingesperrt haben. Schließlich soll Mollath zwischen Ende 2004 und Anfang 2005 mehrere Autoreifen zerstochen haben.

Mollaths frühere Frau lässt sich vom Anwalt vertreten

Das Gericht damals folgte dem Gutachten eines Psychiaters, wonach Mollath während der angeblichen Taten an einer „wahnhaften psychischen Störung“ gelitten habe. Die Richter schlossen daher nicht aus, dass Mollath schuldunfähig gewesen sei. Sie sprachen ihn deshalb vom Vorwurf der gefährlichen Körperverletzung,

Gustl Mollath hat sich auf den ersten Prozesstag gut vorbereitet. Foto: dpa
Freiheitsberaubung und Sachbeschädigung frei und ordneten die Unterbringung in die Psychiatrie an, weil sie ihn für eine Gefahr für die Allgemeinheit hielten. Das Gericht stützte seine Entscheidung primär auf die Aussage von Mollaths früherer Frau, Petra M., „an deren Glaubwürdigkeit die Kammer keinen Zweifel hat“, wie es im Urteil heißt.

Im Saal 104 wird sie ihre Vorwürfe nicht selbst wiederholen. Petra M. nimmt als Nebenklägerin im Prozess teil, lässt sich jedoch von ihrem Anwalt vertreten. Eigentlich sollte sie an diesem Tag als Zeugin gehört werden. Doch sie beruft sich auf ihr Zeugnisverweigerungsrecht, das ihr als geschiedener Frau des Angeklagten zusteht. Die Verteidigung kritisiert ihre Entscheidung scharf. Sie unterstellt, dass Petra M. wegen des Medienrummels nicht erscheine. Sie möge ihr „Ungemach“, dass ihr durch die Journalisten drohe, abwägen mit dem „Ungemach, welches diese Zeugin Herrn Mollath bereitet hat“, sagt Strate. Gegen „siebeneinhalb Jahre in geschlossenen Anstalten“ habe die Belastung durch Journalisten „ein Gewicht von Schwanenflaumen, nämlich gar keins“. Möge ihre Entscheidung „juristisch in Ordnung sein, aber moralisch ist es das nicht“.




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