Der Fall Till Lindemann Das System Rammstein

Till Lindemann beim Rammstein-Konzert am 2. Juni in Odense Foto: imago/Gonzales Photo/Sebastian Dammark

Selbst dann, wenn die schlimmsten Vorwürfe nicht zutreffen: Die Band Rammstein hat scham- und skrupellos das Vertrauen ihrer Fans ausgenutzt, findet unser Autor Gunther Reinhardt.

Freizeit & Unterhaltung : Gunther Reinhardt (gun)

Bisher haben sich Rammstein-Fans nur naiv gewundert: Da hat man sich die allerteuersten Konzerttickets in der Fire Zone geleistet. Und trotzdem gibt es Menschen, die einen noch besseren Blick auf das brachiale, mit viel Pyrotechnik verzierte Spektakel auf der Bühne haben, Menschen – vorwiegend weiblich, jung und attraktiv –, die Till Lindemann und Rammstein noch ein bisschen näher sein dürfen.

 

Inzwischen weiß man, dass es sich dabei um die Row Zero handelt, einen Bereich, für den es keine Tickets im freien Verkauf gibt und zu dem nur persönlich Auserwählte Zutritt haben. Viele von ihnen kommen den Stars auf der Bühne nicht nur beim Konzert, sondern auch bei der Pre- und After-Show-Party sehr viel näher. Seitdem die Irin Shelby Lynn schwere Vorwürfe gegen Menschen aus dem Rammstein-Umfeld erhoben hat und behauptet, sie sei am 22. Mai beim Konzert im litauischen Vilnius backstage unter Drogen gesetzt und verletzt worden, ist die Row Zero kein Geheimnis mehr.

Rammsteins Groupiecasting

Solange Lynns Vorwürfe – und die anderer Frauen, die ähnliche Erlebnisse schildern – nicht bewiesen sind, gilt die Unschuldsvermutung. Doch selbst, wenn sich alle Anschuldigungen nicht bewahrheiten, wenn Frauen nicht betäubt oder mit Drogen willenlos gemacht wurden, um sie sexuell zu missbrauchen, ist das, was über das Groupie-Casting der Band Rammstein bekannt geworden ist, abstoßend.

Rammstein haben all jene, die glaubten, Groupies wären eine vorübergehende Erscheinung des Rock-’n’-Roll-Männlichkeitswahns der 1970er Jahre gewesen, eines Besseren belehrt. Tatsächlich hat die Band die Auswahl sogar institutionalisiert, kapitalistisch optimiert und dabei nichts dem Zufall überlassen. Statt darauf zu hoffen, dass sich die eine oder andere hübsche junge Frau beim Konzert in die erste Reihe drängelt, die man dann backstage einladen kann, wurden Frauen, die dem Beuteschema des Sängers Till Lindemann entsprechen, auf Instagram gecastet und in die Row Zero eingeladen.

Zynischer Machtmissbrauch

Hinter dieser Art des Groupie-Castings verbirgt sich ein zynischer, frauenverachtender Machtmissbrauch. Systematisch nutzen hier Rockstars die Begeisterung und das Vertrauen ihrer Fans aus. Denn Missbrauch beginnt nicht erst dann, wenn man jemanden mit Gewalt dazu zwingt, etwas gegen seinen Willen zu tun. Missbrauch beginnt dann, wenn man jemanden einer Situation aussetzt, aus der es schwer ist zu entkommen.

Harvey Weinstein hat einst Schauspielerinnen auf sein Hotelzimmer eingeladen und ihnen dann klargemacht, dass sie, wenn sie eine Rolle in einem seiner Filme haben wollen, Sex mit ihm haben müssen. Mit der Macht, die er als Filmproduzent hatte, hat er sie so sehr eingeschüchtert, dass sich einige darauf eingelassen haben. Wenn Fans aus der Row Zero in der Konzertpause in einen Backstage-Raum zum Superstar Till Lindemann gebracht werden, ist die Situation ähnlich einschüchternd.

Verantwortung für die Fans übernehmen

Anstatt dafür zur sorgen, dass den Fans im Umfeld der Konzerte ein sicherer Raum geboten wird, wurde deren Begeisterung für die Band scham- und skrupellos ausgenutzt. Erst nachdem der Druck auf Lindemann und die Band immer stärker wurde, hat man sich dazu entschieden, ein Statement zu veröffentlichen, in dem es zumindest heißt, dass man die Vorwürfe sehr ernst nimmt.

Der Fall Harvey Weinstein brachte die Me-too-Bewegung ins Rollen, die nicht nur in der Filmindustrie bewirkt hat, dass Männer, die ihre Macht missbrauchen, damit nicht mehr so einfach durchkommen. Der Fall Rammstein zeigt, dass dieser Wandel im Rockgeschäft noch nicht angekommen ist.

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