Der Film „Eingeimpft – Familie mit Nebenwirkung“ Faktencheck zum neuen Impfstreit

Regisseur David Sieveking mit seiner Tochter Zaria in einer Szene des Dokumentarfilms „Eingeimpft - Familie mit Nebenwirkung“ Foto: Flare Film

Impfen ist für viele Eltern eine Glaubensfrage, so auch für David Sieveking und seine Familie. Die Suche nach einer Antwort hat der Regisseur verfilmt: „Eingeimpft“. Wir haben sechs strittige Szenen mit einem Impfexperten besprochen.

Stuttgart - mpfen ist für viele Eltern eine Glaubensfrage, so auch für David Sieveking und seine Familie. Auf der Suche nach einer Antwort hat der Regisseur einen Film gedreht: „Eingeimpft“. Wir haben ihn mit einem Impfexperten Markus Rose vom Klinikum Stuttgart angeschaut – und sechs strittige Szenen mit ihm besprochen.

 

Schlüsselszene 1: Die Mutter Jessica möchte die Tochter Zaria nicht impfen lassen, weil sie eine Erkältung hat. Wie schlimm ist eine Impfung bei angeschlagener Gesundheit?

„Ein banaler Infekt wie beispielsweise eine Erkältung, die ohne Fieber einhergeht, ist kein Grund, nicht zu impfen“, sagt der Impfexperte Markus Rose vom Klinikum Stuttgart. Zwar zögern immer noch viele Ärzte, Kinder zu impfen, wenn diese Husten oder Schnupfen haben, aus Sorge, dass dies in Einzelfällen der Beginn einer komplizierten Infektionskrankheit sein könnte. Tatsächlich haben Studien längst gezeigt, dass die Wirksamkeit der Impfung durch einen Infekt nicht beeinträchtigt wird, und es sind auch keine verstärkten Nebenwirkungen zu erwarten. „Problematisch ist vielmehr, wenn so bei den vielen Infekten in den ersten zwei Lebensjahren Kinder nicht zeitgerecht oder nicht vollständig geimpft werden.“

Schlüsselszene 2: David Sievekings Partnerin Jessica wird noch während der Schwangerschaft geimpft – prompt liegt sie mit einem schweren Infekt wochenlang im Bett. Können Impfungen während der Schwangerschaft mehr schaden als nutzen?

„Eine Impfung – auch in der Schwangerschaft – kann keine wochenlange Krankheit verursachen“, sagt Markus Rose. Hier müsse zeitgleich ein zusätzlicher Infekt vorgelegen haben. Grundsätzlich empfehlen Fachgesellschaften und Berufsverbände der Frauenärzte Schwangeren sogar ausdrücklich die Impfung gegen Influenza, also die echte Virusgrippe. „Der Grund ist, dass werdende Mütter ein geschwächtes Immunsystem haben.“ Eine Grippe verläuft bei Schwangeren nicht nur heftiger, sondern kann auch das Ungeborene in Lebensgefahr bringen. Andere Immunisierungen in der Schwangerschaft können das Baby sogar über die Geburt hinaus schützen, sagt Rose. Wird die werdende Mutter etwa gegen Keuchhusten geimpft, schützt dies das Baby im kritischen ersten Lebenshalbjahr. Anders sieht es bei Immunisierungen mit Lebendimpfstoffen etwa gegen Röteln oder Masern aus. „Von diesen wird im ersten Schwangerschaftsdrittel abgeraten“, sagt Rose. „Das hat psychologische Gründe“, sagt Rose. Die Frauen könnten spontane Fehlgeburten, wie sie nun mal häufiger in der Frühschwangerschaft auftreten können, mit einer vorangegangenen Impfung in Zusammenhang bringen.

Schlüsselszene 3: Die Mutter Jessica sagt: „Allein das Gefühl, dass ich einem kerngesunden Kind etwas antue, tut mir weh.“ Kann ein Kind nicht von allein, auf natürliche Art und Weise ein gesundes Immunsystem entwickeln?

Hier schöpft Markus Rose aus den Erfahrungen aus seinem Klinikalltag: Zwei Fälle von Keuchhusten beispielsweise hatte er zu behandeln. Eine Krankheit, an der Säuglinge ersticken können. „Wir sehen in unseren Kinderkliniken immer wieder Kinder mit schweren Infektionen, die vermeidbar gewesen wären – hätte man sie geimpft, oder hätten die Eltern einen kompletten Impfschutz gehabt.“ Das Argument, die Kinder kämen in diesem Alter doch nur wenig mit solchen Krankheitserregern in Kontakt, lässt Rose nicht gelten: „Jede zweite Keuchhusten-Infektion bei Kleinkindern geschieht über die eigenen Eltern.“ Was viele Eltern ebenfalls überschätzen, ist der sogenannte Nestschutz der Kinder – wonach insbesondere Säuglinge etwa über die Muttermilch vor Krankheiten geschützt sein sollen. „Diese Leihimmunität, die während der späten Schwangerschaft entsteht, klingt in den ersten sechs Lebensmonaten wieder ab“, sagt Rose. „Daher werden die ersten Impfungen ab der vollendeten sechsten Lebenswoche empfohlen.“

Schlüsselszene 4: Beim Kinderarzt kommt das Argument: Warum impfen, wenn das Kind doch kaum krank ist? Der Arzt antwortet: „Dass Ihre Tochter kaum krank ist, liegt daran, dass die meisten Kinder in Ihrer Umgebung durchgeimpft sind.“ Stimmt das?

In dieser Szene wird, Rose zufolge, endlich ein sehr wichtiger Aspekt angesprochen, der in dem Film sonst kaum Beachtung findet: nämlich der des Herdenschutzes. „Impfen ist auch eine soziale Handlung“, sagt Rose. „Es gibt schließlich Menschen, darunter auch viele Kinder, die chronisch krank sind oder so ein schwaches Immunsystem haben, weshalb sie nicht geimpft werden können.“ Diese Menschen schützt die Gesellschaft durch die Impfung.

Schlüsselszene 5: Im Film stellt David Sieveking eine junge Frau vor, die an einer neurologischen Krankheit leidet, dem sogenannten chronischen Erschöpfungssyndrom. Ausgelöst sei es durch die Wirkverstärker einer Impfung. Können diese Aluminiumsalze tatsächlich dem menschlichen Nervensystem schaden?

„Die Diskussion über die schädlichen Wirkungen der Aluminiumsalze gibt es schon lange“, sagt Markus Rose. „Aber nach Ansicht der Gesundheitsbehörden gibt es hierfür keine Anhaltspunkte.“ Die im Film von der Patientin genannten Beschwerden, die im Zusammenhang mit der Impfung aufgetreten seien, wie beispielsweise das Ausbleiben der Monatsblutung nennt Markus Rose „abenteuerlich“. Er stellt klar: Geimpfte Personen leiden nicht häufiger an derartigen Krankheiten als Ungeimpfte. Zumal der Aluminiumgehalt in Impfstoffen weit unter den gesetzlichen Grenzwerten liegt: Das Europäische Arzneihandbuch schreibt einen Grenzwert von 1,25 Milligramm Aluminium pro Impfdosis fest. Die zugelassenen Impfstoffe haben nach Angaben des Paul-Ehrlich-Instituts einen Aluminiumgehalt zwischen 0,125 Milligramm und 0,82 Milligramm. „Wir nehmen täglich mehr Aluminium über unsere Nahrungsmittel auf“, sagt Rose. „Das Einzige, was aufgrund des Wirkungsvermittlers Aluminium nach einer Impfung auftreten kann, sind kleine Knötchen an der Injektionsstelle, die längere Zeit fortbestehen können.“

Schlüsselszene 5: Der dänische Anthropologe Peter Aaby klärt den Regisseur über die unspezifischen Wirkungen von Impfstoffen auf: Demnach könnten Lebendimpfstoffe die Kindersterblichkeit zu einem gewissen Maß senken, während Totimpfstoffe den gegenteiligen Effekt hätten. Sollte man Aabys Vorschlag annehmen und mehr Lebend- und weniger Totimpfstoffe einsetzen?

„Im Film wird oft dargestellt, dass man sich von Behördenseite nicht genügend um die Risiken und Nebenwirkungen kümmere, sie sogar schlicht ignoriere“, sagt Markus Rose. Das sei Unsinn: „Die Impfungen und Impfprogramme in den Ländern werden streng kontrolliert“, betont er. Man versuche ja auch ständig, Impfungen zu verbessern, um Risiken zu meiden. Auch der Vorschlag Aabys wurde von der Weltgesundheitsorganisation geprüft – anhand der Impfstoffe gegen Tuberkulose, Diphtherie-Tetanus-Keuchhusten und Masern. Doch die Belege haben für eine Änderung der Impfempfehlungen nicht ausgereicht. Dass sich Eltern selbst ein eigenes Impfschema basteln, um der Theorie Aabys zu entsprechen, sieht Markus Rose kritisch: „Auch wenn Eltern so das Gefühl erhalten, sie können sich an der Impfplanung aktiv beteiligen, riskiert dieses Abweichen vom öffentlich empfohlenen Impfplan einen unvollständigen Impfschutz.“

Zur Info:

Der Regisseur Impfen ist ein Reizthema. Befürworter argumentieren mit dem Schutz vor vielen Krankheiten. Gegner warnen vor gesundheitlichen Risiken. Mittendrin stehen die Eltern, die sich entscheiden müssen. Auch der Regisseur David Sieveking steckt in diesem Dilemma: Seine Partnerin möchte die Töchter nicht impfen lassen. Der 41-Jährige beginnt mit der Recherche. Entstanden ist das autobiografische Werk „Eingeimpft – Familie mit Nebenwirkung“. Als Koproduzenten des Films sind der Bayerische Rundfunk und der Rundfunk Berlin-Brandenburg in Kooperation mit Arte aufgeführt. Der Film wurde im September in ausgewählten Kinos gezeigt. Es gibt aber ein Buch zum Film, erschienen im Herder-Verlag.

Der Arzt Der Kinderarzt, Infektiologe und Bevölkerungsmediziner Markus Rose arbeitet wissenschaftlich über das Thema Impfen und war unter anderem bei der Weltgesundheitsorganisation WHO in Genf und in Kenia beschäftigt. Heute ist er Ärztlicher Leiter des Bereichs Pädiatrische Pneumologie, Allergologie und des Mukoviszidose-Zentrums des Klinikums Stuttgart und berät unter anderem Eltern als Impfexperte. Für den Arzt ist das Thema Impfen ein wichtiges Anliegen. Er sitzt daher neben seinem Klinikalltag auch unter anderem im Wissenschaftlichen Beirat des Deutschen Grünen Kreuzes. Dabei handelt es sich um eine gemeinnützigen Vereinigung zur Förderung der gesundheitlichen Vorsorge. (wa)

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