Der Fotograf Burghard Hüdig Landesgeschichte in Bildern

Privat: Ministerpräsident Lothar Späth 1981 im Schlafwagenabteil in China. Foto: Hauptstaatsarchiv/Burghard Hüdig

Der aus mehr als 400 000 Fotos bestehende Nachlass des Fotografen Burghard Hüdig ist ein Dokument der Zeitgeschichte – vor allem der Landes- und der Stadtgeschichte. Das Hauptstaatsarchiv hat ihm eine Ausstellung gewidmet.

Stadtleben/Stadtkultur: Jan Sellner (jse)

Die Wege zum Hauptstaatsarchiv in Stuttgart sind verschlungen. Das ist schade bis ärgerlich, weil sich die Bau- und Belagsarbeiten rund um das eigentlich zentral zwischen Stadtpalais und Landesbibliothek gelegene Gebäude hinziehen. Der Weg in die Konrad-Adenauer-Straße 4 ist dennoch sehr zu empfehlen. Noch bis 25. Januar ist dort eine kleine, aber dichte Ausstellung zu sehen, die einen wie durch ein Schlüsselloch in die Geschichte des Südweststaats blicken lässt. Es handelt sich um einen Rückblick, gespeist aus mehr als 400 000 Fotos, die der Fotograf Burkhard Hüdig zwischen 1966 und 2004 geschossen hat und die seit 2017 beim Hauptstaatsarchiv in guten Händen sind – ein Verdienst des stellvertretenden Archivleiters Albrecht Ernst. Gemeinsam mit seinem Kollegen Thomas Fritz, Referatsleiter für Nichtstaatliches Archivgut, hat er die Fotoschau im Hauptstaatsarchiv kuratiert.

 

Louis Armstrong, Pelé, Arnold Schwarzenegger – Hüdig war stets zur Stelle

Hüdig, darin liegt der Wert des Fotonachlasses, war fast überall dabei. Er fotografierte, wie 1958 das im Krieg zerstörte Neue Schloss wieder aufgebaut und 1961 das Kaufhaus Schocken abgerissen wurde. Er drückte auf den Auslöser, als Heinrich Lübke und Theodor Heuss 1961 den Landtag einweihten und im selben Jahr Louis Armstrong in der Liederhalle jazzte. Er stand mit seiner Kamera am Spielfeldrand, als Pelé mit dem FC Santos 1963 zum Freundschaftsspiel gegen den VfB Stuttgart auflief, und er stand am Wegesrand, als Queen Elisabeth II. zwei Jahre später im offenen Mercedes 600 durch Stuttgart kutschierte.

Klar war Hüdig zur Stelle, als sich ein gewisser Arnold Schwarzenegger 1967 in Stuttgart in Bodybuilder-Pose warf. Er dokumentierte die Ankunft der Gastarbeiter und drückte ab, als 1969 Stacheldraht um den Landtag gezogen wurde – zum Schutz vor demonstrierenden Studenten. Hüdig fotografierte Stuttgarts OB Arnulf Klett und den sowjetischen Botschafter anlässlich der ersten Lieferung russischen Erdgases 1969 und er war am Flughafen, als 1973 die Koffer des auf dem Heimflug von Amerika verstorbenen Ballettdirektors John Cranko auf dem Rollband landeten. 1980 begleitete er den Einzug der Grünen in den Landtag, 1984 den Besuch des Architekten James Stirling bei der Einweihung des Neubaus der Staatsgalerie . . . 

Politiker hatten kein Problem damit, sich privat ablichten zu lassen

Gerald Maier, Präsident des Landesarchivs Baden-Württemberg, nennt das fotografische Oeuvre Hüdigs treffend „ein erstaunliches Kaleidoskop der südwestdeutschen Landespolitik wie auch des Stuttgarter Stadtgeschehens“. In den Bildern werde die Fülle der zwischen 1950 und den frühen 2000er Jahren diskutierten gesellschaftlichen Themen erkennbar.

Ein Schwerpunkt liegt auf der Ära Lothar Späth, dem Hüdig auf dessen Auslandsreisen und auch sonst engstens folgte. Spätestens da war aus dem 1933 in Essen geborenen Fotografen, der anfangs für das Katholische Volksblatt in Stuttgart knipste und sich 1965 selbstständig machte, der „Haus- und Hofbildbegleiter“ der Villa Reitzenstein geworden.

Dieser Titel findet sich in einer Widmung Lothar Späths, die Hüdig vermutlich schmeichelte. „Er hatte einen Sinn für die Macht der Bilder und für die Bilder der Macht“, schreibt Landtagspräsidentin Muhterem Aras im lesenswerten Ausstellungskatalog. Er suchte sie auch, die Nähe zur Macht – bis in die Privatsphäre hinein. Namhafte Politiker hatten offenbar kein Problem, sich von Hüdig privat ablichten zu lassen. Legendär sind die Aufnahmen des badenden Bundeskanzlers Kiesinger, der eigens für Hüdig ins Wasser stieg. Hans Filbinger turnte für ihn auf der Solitude, und Lothar Späth öffnete ihm im Pyjama die Tür zu seinem Schlafwagenabteil. Am Ende hatte Hüdig selbst Promi-Status erreicht, den er bis zu seinem Tod im Oktober 2020 durchaus genoss. Den Fotoapparat hatte er da längst gegen den Pinsel eingetauscht. Im Alter machte der Chronist des Landes sich seine eigenen, vor Farbe sprühenden Bilder.

Ausstellung „Neugier war sein Leben“ mit Fotos von Burghard Hüdig ist bis 25. Januar im Hauptstaatsarchiv Stuttgart, Adenauer-Straße 4, zu sehen. Öffnungszeiten: Montag bis Mittwoch von 8.30 bis 17 Uhr, Donnerstag von 8.30 bis 19 Uhr und Freitag von 8.30 Uhr bis 16 Uhr. Der Eintritt ist frei. Der Archivar Albrecht Ernst bietet am 10. Januar um 17 Uhr und am 17. und 24. Januar jeweils um 11 Uhr kostenlose Führungen an. Um Anmeldung wird gebeten unter: hstastuttgart@la-bw.de. Vom 30. Januar ist die Schau zwei Wochen lang im Landtag zu sehen, allerdings nicht für Einzelbesucher.

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