Der Fotograf Wolf Harhammer Bilder vom Stuttgarter Arbeiterleben

Wolf Harhammer Foto: /Wolfgang Albers

Als junger Fotograf dokumentierte Wolf Harhammer das Arbeiterleben in Stuttgart. Jetzt adelt ihn das Museum Folkwang und nimmt 170 Bilder in seine Sammlung auf.

Er suchte seinen Weg als Fotograf, sie jobbte als Nummerngirl in André Hellers Zirkus Roncalli. Im Jahr 1975 trafen Wolf Harhammer und Ellen von Unwerth zusammen. Es wird keine lange Begegnung gewesen sein. Einige Aufnahmen zeigen die 21-Jährige in der Garderobe eines Zirkuswagens, hinter sich ein Leben als Waisenkind und Mitglied einer Allgäuer Hippiekommune, vor sich eine unsichere Zukunft. Aber sie posiert lächelnd, sicher. Schon bald sollte sie eine Modelkarriere machen. Dass sie sogar als Fotografin zum Star werden sollte, daran wird sie in diesem Moment wohl noch keinen Gedanken verschwendet haben.

 

Wolf Harhammer war damals schon weiter. Und doch hat es bis in sein 82. Lebensjahr gedauert, um im Olymp der Fotografie anzukommen. So darf man das Museum Folkwang in Essen bezeichnen, eines der renommiertesten Häuser für die Kunst der Moderne, das auch eine umfangreiche fotografische Sammlung hat. Dazu gehören jetzt 170 Harhammer-Fotografien, die momentan in zwei hintereinander folgenden Ausstellungen bis zum 1. September gezeigt werden.

Erst Gärtner, dann Weltenbummler und schließlich Künstler

Damit bekommt der Stuttgarter Fotograf die Anerkennung, die so lange ausblieb. Nach einem Leben, das exemplarisch ist: Oft läuft der Traum einer großen Karriere an der harten Wirklichkeit dieses Metiers auf.

Wolf Harhammer ist im Jahr 1941 in Weimar geboren. Er hat Gärtner gelernt, dann in der Landwirtschaft gearbeitet, auf dem Bau und in Fabriken. In den 60er Jahren, in denen junge Menschen vermehrt ihre eigenen Wege suchten, gerne auch weiter weg, zog es Wolf Harhammer acht Jahre durch Asien und Australien. Dort lernte er Künstler kennen. „Die haben mich inspiriert“, erinnert er sich an jene Zeit. „Das war dann so eine Traumvorstellung: Ich will Künstler werden.“

Zurück in Deutschland bewarb er sich an der Stuttgarter Akademie der Bildenden Künste. Aber er hatte ja kein Abitur – also musste er vor einer Kommission seine Fähigkeiten demonstrieren. Ein Professor war seine Rettung: „Ich nehm dich auf jeden Fall, Junge“, beruhigte der ihn.

Der Zufall kommt ihm zur Hilfe

So fing Wolf Harhammer 1969 an, in einer Zeit der intensiven Diskussionen: Was soll Kunst eigentlich? Da kamen die Leute vom Sozialistischen Deutschen Studentenbund in die Kunstklassen und agitierten: „Was macht ihr da? Was ändert ihr?“

Die Frage stellte sich auch Wolf Harhammer: „Alle waren links, Tafelbilder waren scheiße. Das hat auch bei mir einen Prozess in Gang gesetzt: Ich will keine Kunst machen, die dann rumhängt“, erinnert er sich. „Aber es war ein langer Prozess, bis ich überhaupt wusste, was ich wollte.“

Da half der Zufall. An der Akademie gab es eine Filmabteilung – da wollte Harhammer hin: „Das Ziel war, Dokumentarfilme zu machen.“ Der klassischen Kunst sagte er Ade. Etwa der Bildhauerklasse des renommierten, aber auch sehr linken Alfred Hrdlicka: „Der akzeptierte, dass ich nicht Steine klopfen, sondern Revolution machen wollte.“

Aber wie? Die Dokumentarfilmerei scheiterte an der mangelnden finanziellen Unterstützung. So schnappte sich Wolf Harhammer einen Fotoapparat und ließ sich von seinem Bruder beibringen, wie man entwickelt: „Durch die Fotografie konnte man schneller zu einem Ergebnis kommen.“

Harhammers Wasen-Fotos

Und das war für ihn, ganz im Trend der politischen Diskussion, die Arbeiterfotografie. Wolf Harhammer machte sich auf zu den Fabriken oder in die Unterkünfte der Arbeitsimmigranten aus dem Süden. „Ich wusste noch nicht, wie hoch vielfach die Mauern sein würden, wie standhaft die Pförtner“, hat er es später niedergeschrieben. Und wenn er doch mal in die Unterkünfte vordrang, dann sagten ihm die Leute: „Du willst immer Fotos von uns machen. Besorg uns lieber Wohnungen.“

So suchte Wolf Harhammer seine Motive dort, wo er selber arbeitete: auf dem Cannstatter Wasen oder anderen Festwiesen, wo er als Luftballonverkäufer jobbte, um damit sein Leben zu finanzieren: „Zuhälter Kurt war der beste Kunde. Bis nachts um zwölf war alles in der Welt zu sehen und die Hölle zu spüren. Einem Messerstecher bin ich knapp entronnen.“ Eine Zeit lang reiste Harhammer mit Sarrasani – als Requisiteur für 90 Mark die Woche. Weil er selbst Teil der Schausteller-Gesellschaft war, fand er leichter Zugang zu diesem Kosmos. Er fotografierte nicht nur die Artisten, auch die Frauen an der Kasse, die Tierpfleger, die Kostümschneiderinnen, die Arbeiter.

Ungeschminkte, nüchterne Einblicke

Und die Akrobaten, Dompteure, Clowns, Jongleure, Zauberer zeigt Wolf Harhammer nicht in der Manege, sondern in privaten Momenten: vor dem Wohnwagen, in der Garderobe, am Zelteingang, im Stall. Keine hoch inszenierten Aufnahmen: „Da macht man eben schnell zack, zack, nichts mit psychologischem Moment, sonders das Wesentliche in die Mitte, den Rest drumrum. Aus.“

So entstanden ungeschminkte, nüchterne Einblicke in eine Welt, die in den 70er Jahren noch den Außenseitern gehörte. Ein Foto zeigt einen Travestiekünstler. Queer sein, das konnte man wohl nur in solchen Bereichen jenseits der Gesellschaft.

Welt der Außenseiter

Es sind alles Hochformate, die Menschen stehen im Mittelpunkt, sie schauen selbstbewusst, oft auch skeptisch. Eine Bildsprache, die sofort an August Sander und sein epochemachendes „Menschen des 20. Jahrhunderts“ denken lässt. Tatsächlich hat Wolf Harhammer sich an Vorbildern orientiert, sich in Bildbände vertieft – wenn er sie erst mal hatte. Ein Buch über August Sander, heute ein vielpublizierter Klassiker, war damals in Deutschland nicht zu bekommen, er musste es aus der Schweiz bestellen.

Was ein Schlaglicht auf die Situation der Fotografie damals wirft. So präsent wie heute war sie bei Weitem nicht. Es wurde auch kaum wahrgenommen, dass da in Stuttgart ein junger Fotograf eine einzigartige Dokumentation der Zirkuswelt und ihrer Protagonisten schuf: den Sperlichs, den Trabers, den Franks, dem Altmeister Castello, den Duijins-Wilsons und vielen anderen, die heute Zirkusgeschichte sind.

Wolf Harhammer gab noch ein Fotobuch heraus, aber er merkte bald: „Man hat die Vorstellung, dass man mit Bildern viel Geld verdienen kann – und merkt, dass das nicht stimmt.“ Eine Zeit lang fotografierte er in der Stuttgarter New York City Dance School die Abschlussbälle. Ernüchternd war das: „Ich hatte Schwierigkeiten, mich als Tanzschulfotograf zu akzeptieren, als einer, der die allerbanalsten Erinnerungsfotos macht: Ich blitz da so ins Dunkle. Man hat so seine Ansprüche, will Kunst machen und landet dann bei der Tanzschulfotografie.“

Kisten mit dem fotografischen Schaffen der Vergangenheit

Er fotografierte für Zeitungen und Zeitschriften, gab Kurse. Aber auch das brachte wenig ein. So gab er Mitte der 80er Jahre den Beruf komplett auf und stieg in den Handel auf Flohmärkten ein. Da hat ihn sein künstlerisches Gespür einmal einen Stuhl des Designers Marcel Breuer entdecken lassen, den er für 40 000 Mark an ein Museum verkaufen konnte. Aber insgesamt waren die Jahrzehnte auf den Märkten ein harter Broterwerb.

Und zu Hause standen die Kisten mit dem fotografischen Schaffen der Vergangenheit. 60 000 Negative. „Die Sachen liegen in Bananenkisten hier rum. Was soll damit geschehen?“, schrieb Wolf Harhammer im Mai 2020 an zehn fotografische Sammlungen in Deutschland und legte sein Fotobuch von 1981 bei. Fast schon ein Verzweiflungsakt.

Besuch vom Folkwang-Kurator

Aber ausgerechnet bei einer der renommiertesten Adressen, eben dem Museum Folkwang, blieb Kurator Thomas Seelig an den Bildern hängen. Er fuhr nach Stuttgart, sichtete mit Wolf Harhammer und dessen Tochter Anna Holtz die Bestände. Schließlich nahm er 170 Bilder für das Museum Folkwang mit – weil sie so gut in den Sammlungsschwerpunkt, die Darstellung von Menschen, passen: „Die von Wolf Harhammer fotografierten Menschen stehen für ein frei gewähltes Leben in Selbstbestimmung und Vielfalt“, sagt Thomas Seelig.

In Essen sind die Zirkusbilder bis zum 26. Mai zu sehen. Danach, bis zum 1. September, weitere Porträts. Und das immer in Verbindung mit Werken von Größen wie August Sander, Diane Arbus, Barbara Klemm oder Rudi Meisel. Das ist Wolf Harhammers später Ritterschlag.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Reportage Fotografie Stuttgart