Der Komponist Mikis Theodorakis ist tot Theodorakis hat die Freiheit komponiert

Oft dirigierte Mikis Theodorakis seine Werke selbst,  wie hier am 1. Mai 1972. Foto: imago/Mary Evans

Bei der Todesnachricht von Mikis Theodorakis hört man nicht nur seinen berühmten Sirtaki, sondern wird an ein außerordentliches Leben erinnert: Niemals hat Theodorakis seine Utopie verraten, nicht einmal unter mehrfacher Folter.

Athen - Nur im Vergleich zum jetzt im Alter von 96 Jahren gestorbenen Mikis Theodorakis: Wer wäre ein zeitgenössischer deutscher Komponist, dessen Stücke und Lieder man in Kneipen spielte, auf Festen sänge und musizierte, und der auch noch in Konzert- und Ballettsälen und auf Opernbühnen des Landes dauerpräsent bliebe? Sind die bereits verstorbenen Altersgenossen von Theodorakis, Karlheinz Stockhausen und Hans Werner Henze, oder die noch lebenden Heiner Goebbels oder Wolfgang Rihm, auch nur ansatzweise so fest im kollektiven Gedächtnis hierzulande verankert? Auch sie waren mehrheitlich stark politisch motiviert, blieben und bleiben aber oft im Reservat ihrer Kunstmusik.

 

Komponist von hunderten von Liedern

Populär, volkstümlich im guten Sinn, kann Musik (vorausgesetzt, sie will das auch) nur werden, wenn sie Verbindungslinien aufbaut zwischen dem, was da ist und einer Utopie im Klang. Produktionstechnisch gesehen also wird sie Motive verarbeiten müssen, die einen Wiedererkennungswert haben, und obwohl Mikis Theodorakis allein hunderte von Liedern komponiert hat, die in der Welt, aber vor allem in Griechenland immer wieder gesungen wurden und werden, hat sich vor allem ein Lied ohne Namen global durchgesetzt: Es ist der bolerogleich ins Delirierende drehende Sirtaki aus dem Film „Alexis Sorbas“ von Michael Cacoyannis, den unter anderem Anthony Quinn tanzt, im Übrigen aus einer ziemlichen Verzweiflung heraus. Die Lebenspläne sind ruiniert, die Frau ist tot. Was bleibt an Wert? Theodorakis’ Musik und Quinns Tanz zur Bouzouki feiern das Leben, auferstanden aus Ruinen – und über Gräbern geht es weiter.

Lehre auf Kreta

Genau diese Perspektive war Mikis Theodorakis geradezu unheimlich vertraut, schließlich hatte er, 1925 auf der Insel Chios geboren, als junger Mann bei den Partisanen gegen die deutschen Besatzer im Zweiten Weltkrieg gekämpft, danach im griechischen Bürgerkrieg, als Kommunist massive Folterungen erdulden müssen. Körperlich beinahe gebrochen, aber ausgestattet mit einem ungeheuer zähen Willen, gelangte Theodorakis 1954 nach Paris, wo er die praktischen Lehren seiner vorherigen Basis-Musikschul-Arbeit auf Kreta (woher sein Vater stammte) um Theorie ergänzte.

Eine Zeit lang studierte er beim Organisten und Vogelstimmenforscher Olivier Messiaen, wie sein Landsmann Iannis Xenakis, ebenfalls ein Flüchtling, der freilich einen anderen Weg einschlug. Xenakis, vielleicht der mathematisch-strategischste Komponist, den es je gegeben hat, entschied sich dafür, Stücke zu bauen. Dafür ließ er alle folkloristischen Vorstudien hinter sich. Theodorakis wählte kompositorisch das genaue Gegenteil: Er überbaute gewissermaßen die heimische Folklore. Aber er blieb immer auf ihrem Fundament stehen, selbst im weltweit populären „Canto General“ nach einem Text von Pablo Neruda.

Alle Instrumente sind wichtig

Der eine reduzierte Griechenland, der andere wertete es auf – so geschickt in ersten Sinfonien, Kammermusiken und Klavierkonzerten, dass der Dirigent Dimitri Mitropoulos, auf ihn aufmerksam wurde. In gewisser Weise ähnelte Mikis Theodorakis, dem alle Instrumente gleich viel bedeuteten, dem deutschen Komponisten Paul Hindemith, der es ja ebenfalls darauf angelegt hatte, die Abstände zwischen dem Ernsten und Unterhaltenden einzuebnen, allerdings mit eher akademischem Potenzial. Theodorakis entscheidendes Plus war, dass er Figuren der Antike, längst entrückt, zu Zeitgenossen machen konnte, indem er sie idiomatisch als heutig vorstellte. Das geschichtliche Band war nie zerrissen, die Musik holte, gerade in ihrer Archaik manchmal, selbst die Götter von damals noch einmal zurück.

Dabei suchte Theodorakis stets nach dem Gemeinsamen, betonte nicht das Trennende. Wenn „Epitaphios“ erklang, ein Liederzyklus, versöhnte Theodorakis in einem Metrum Tänze vom Land und den Takt der Stadt. Alles sollte wenn schon nicht eins sein, dann doch näher aneinander rücken, als es, soziologisch betrachtet, eigentlich war. Theodorakis blieb ein Schwärmer – und die europäische Linke holte sich bei ihm oft ein bisschen Mumm oder zumindest ein paar Moll-Passagen fürs Gemüt ab. Ausgerechnet für den unbeirrt fortschrittlich denkenden Theodorakis wiederholte sich die persönliche Geschichte, als er in den sechziger Jahren unter der Militärjunta wiederum eingekerkert und gequält wurde. In Freiheit schrieb er eine zweite, unsterbliche Filmmusik für Constantin Costa-Gavras’ Film „Z – Anatomie eine politischen Mordes“. Unterzukriegen war er nie – und tourte jahrelang als Demonstrant mit melodiöser Überzeugungskraft durch die Welt, um die Diktatur zu entlarven; 1974, endlich, fiel sie.

Unterzukriegen war er nie

Fortan ließ Theodorakis sich niemals mehr für eine Ideologie einspannen – und auch seine Kompositionsliste las sich so, als ziehe sich, Jahrzehnt um Jahrzehnt, jemand auf sich selbst zurück. Spät fand Theodorakis noch einmal zur Kirchenmusik und zu Zyklen, die nicht zufällig „Erimia“ (Einsamkeit) bedachten oder eine Odyssee ankündigten. Griechenland zählte auf ihn, und nicht nur Griechenland hat er stets einen Takt vorgegeben, dessen Betonung auf der Freiheit lag. Mikis Theodorakis’ Musik wird weiterleben.

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