Der neue Sozialminister Manfred Lucha Sozialromantik ist seine Sache nicht

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Er lacht dröhnend und freut sich am liebsten für andere. Der neue Sozialminister Manfred Lucha hat „brutal Lust“ auf sein künftiges Amt.

Lachen ist seine Spezialität: Manfred Lucha geht zuversichtlich in sein neues Amt. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Lachen ist seine Spezialität: Manfred Lucha geht zuversichtlich in sein neues Amt. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Stuttgart - Das erste was man von Manfred „Manne“ Lucha wahrnimmt, ist meist sein Lachen. Der Ravensburger lacht laut und herzlich. In der Welt der durchnivellierten politischen Korrektheit pflegt der im Landkreis Altötting Geborene die klare deutlich oberbayerisch gefärbte Aussprache. Wo andere sich höchstens in der Farbnuancierung ihrer Krawatten unterscheiden, trägt Lucha einen ungefassten Türkis am schwarzen Lederband um den Hals: „Ein Geschenk meiner Frau, als sie noch meine Freundin war“. Inzwischen ist der 55-Jährige bald 30 Jahre verheiratet. Der Stein stets deutlich sichtbar unter dem oftmals schwarzen, immer zwei Knöpfe offenen Hemd.

Manfred Lucha mag die Leute, auch wenn er, wie er sagt, manchmal „schon ein bissl ein Gifthaferl“ sei. Die offene Lebenseinstellung, meint er, gehöre zum Berufsbild: „Du musst die Leute mögen, sonst brauchst nicht Politiker zu werden“, meint er. „Wenn du die Leut nicht magst, musst du in den Keller und Maschinenbau machen“.

Schon vor der Mittleren Reife fliegt Lucha vom Gymnasium

Als 18-Jähriger hat er 1979 die Grünen in Altötting mit begründet, und in der Kantine der süddeutschen Kalkstickstoffwerke die erste Anti-AKW-Bewegung inszeniert. „, Die alten Gewerkschaften haben sich gefragt ob schon wieder Fasching sei“. Dabei war es der 1. Mai, erinnert sich Lucha und lacht lauthals, mitten im Café. Das stört ihn nicht. Später wird er dem Gast am Nebentisch sein Mineralwasser schenken.

Manfred Lucha ist schon vor der Mittleren Reife vom Gymnasium geflogen, „wegen besonders gutem Betragen und guter Leistungen“. Regelmäßig hat er „wo es hingehört, juvenilen Widerstand geleistet“. Dann hat er halt die Lehre als Chemiewerker gemacht und Nitrophoska Blau hergestellt. Danach hat er die Mittlere Reife nachgeholt, Zivildienst geleistet. Das war dann schon in Ravensburg. Da hat sich seine soziale Ader entfaltet. „Danach habe ich Krankenschwester gelernt“, Sozialarbeit hat er auch studiert und lange in der Psychiatrie gearbeitet. Er hat „in der Klinik ein bissl revoluzzert“ und psychiatrische Strukturen mit neu aufgebaut. Er hat das Gemeindepsychiatrische Zentrum im Bodenseekreis fachlich geleitet. Immer war er auch in der Kommunalpolitik aktiv. „Man muss den Einzelnen im Blick haben, aber immer auch die Strukturen, die man braucht um das richtige zu tun“.

Bayern weint er keine Träne nach

Oberschwaben ist seine Heimat geworden, Bayern weint er keine Träne nach. „Da war der Konservativismus deutlich ausgeprägter als in Oberschwaben“. Von Ravensburg schwärmt er geradezu. Da kannst du morgens in die Berge und nachmittags ins Kunstmuseum, ein alpines Gen hat der gebürtige Bayer durchaus. Wenn dann noch gutes Essen und Trinken dazu kommt, dann geht’s Lucha gut. Mit dem Handwerklichen hat er es nicht so, „ich bin eher ein Sprechingenieur“. Im Familienhaushalt hat er die Oberaufsicht über den Kompost, sagt er.

Katholisch sozialisiert hat er der Kirche den Rücken gekehrt, hält aber christliche Tugenden wie Vergebung und Nächstenliebe hoch. „Man muss auch mal was gut sein lassen“, sagt er und ja, er könne sich richtig freuen. „Ich freu mich lieber, als nicht.“

Wolf-Dietrich Hammann wechselt vom Integrationsministerium

Richtig freut er sich auf die Megaaufgabe, die jetzt als Sozialminister vor ihm liegt. „Darauf hammer richtig Lust“, lacht er mit der für ihn so typischen weitausholenden Geste. Lucha spricht selten in der Ich-Form. Neu ist das Feld für ihn nicht. Eine „saugute Truppe“ habe schon in den vergangenen fünf Jahren grüne Sozialpolitik gemacht. Die Krankenhausplanung hat man auf neue Füße gestellt. Oder das Psychiatriegesetz. Da kommt einem 30 Jahre Erfahrung zugute, oder wie Lucha sagt, „das sind Themen, da hat man eine Ahnung gehabt“. Die Enquetekommission zur Pflege bezeichnet er als Highlight der vergangenen Legislaturperiode. Er lobt seine künftige Staatssekretärin Bärbl Mielich und Wolf-Dietrich Hammann, „den besten aller Amtschefs“, den er vom bisherigen Integrationsministerium übernimmt. Soziales und Integration werden seine Aufgaben, das Gesellschaftsministerium, nennt Winfried Kretschmann das Ressort.

Das passt findet Lucha, im Grunde ist ja jede Interaktion sozial, sagt er. Der Anspruch lautet: „Wir wollen Lebensbedingungen gestalten, in denen jeder leidlich anständig leben kann und wir wollen keinen verlieren.“ Leben in Würde, dabei die Identität wahren, ob im Alter, ob mit Behinderung oder Krankheit. Das ist das Ziel. Die große Kunst dabei, „wir müssen das sektorale Denken überwinden, wir müssen vom Bedarf her kommen, nicht vom Angebot“. Da bekommt der Sozialarbeiter die Oberhand. Jetzt wird die Geste kleiner, Finger für Finger zählt Lucha auf: die moderne Sozialpolitik schafft eine Infrastruktur für viele. Bedürfnisgleichheit ist das Schlagwort, Personenbezogenheit der Ansatz, Quartiersmanagement die Notwendigkeit. Oder, einfach gesagt, „wir müssen hinschauen, was brauchen die Leute“. Lucha will, dass das Sozialleistungsrecht durchlässiger wird, „dafür werden wir auch im Bundesrat aktiv werden“.

Dann schiebt er wieder die Brille ins Haar und stellt klar, „Wir sind keine Betütel-Romantiker“, ein guter Sozialpolitiker ist in den Augen des langjährigen Gemeinderats und des Mitglieds im Kreditausschuss seiner Kreissparkasse auch ein guter Finanz- und Wirtschaftspolitiker.

Ein möglichst würdevolles Leben möglichst vieler will der Vater zweier aus Haiti stammender Adoptivkinder gerne mit seiner Mannschaft erarbeiten. Hinterher muss sie dann einer vertreten. „Das kann ich“, sagt er. Durchsetzungsfähig sei er auch, und ein breites Kreuz hat er noch dazu.