Freiburg - Jede Zeile liest sie mit. Aufmerksam und vertieft. Berrin T. wirkt unbeteiligt, als sei das ein Krimi, dessen Spannung sie sich nicht entziehen kann – und nicht die Anklageschrift, in der sie selbst eine der beiden Hauptrollen spielt. Dabei dürfte der Frau jedes monströse Detail der Anklage bekannt sein. Die Anspannung im Saal ist groß, einige Angehörige weinen. Dreieinhalb Stunden dauert am Montag beim Prozessauftakt gegen die mutmaßlichen Haupttäter im Staufener Missbrauchsfall am Freiburger Landgericht die Verlesung der Anklage. Über hundert Seiten umfasst die Liste der Verbrechen, die Berrin T. und ihr einschlägig vorbestrafter Freund Christian L. – die sich in einem Tafelladen für Bedürftige kennenlernten – begangen haben (viele davon gut dokumentiert, weil von ihnen selbst fotografiert und gefilmt). „Bis auf ein paar Kleinigkeiten“ sei alles korrekt, sagt Christian L. später.
„Es sind so viele Videos“
Der 39-Jährige hat sich entschieden, öffentlich auszusagen, vermeidet es aber dabei, die Taten konkret zu benennen. Eine Therapie habe er einst abgebrochen, weil der Psychologe einen merkwürdigen Wortschatz für Geschlechtsteile verwendet habe. „Da konnte ich mich nicht öffnen“, klagt er. Bei ihm geht es „um das im Bett“ und „das Anschlussvideo in der Badewanne“. Der Vorsitzende Richter fragt dezidiert nach, schließlich kenne er noch nicht alle Videos: „Es sind so viele.“ Zahlreiche Filme konnten nach der Hebung der Festplatte aus dem Staufener Stadtsee als Beweismittel gesichert werden.
Zwei Staatsanwältinnen müssen sich abwechseln, um die jeweils über 50 Vorwürfe schweren sexuellen Missbrauchs gegen das angeklagte Paar konzentriert vortragen zu können, die überwiegend (ein behindertes dreijähriges Mädchen missbrauchten die beiden auch in einigen Fällen) ein einziges Kind über Jahre ertragen musste: der heute neun Jahre alte Sohn von Berrin T. (48). Seine Mutter und deren Freund haben Samuel (Name geändert) von Anfang 2015 bis Herbst 2017 sowohl selbst vergewaltigt als auch an Männer verkauft. Oft geschah das am selben Tag – stets begleitet von Schlägen und verbalen Erniedrigungen. Drei der insgesamt acht angeklagten Gewalttäter, die sich übers Dark-net kennenlernten und auch aus der Schweiz oder Spanien anreisten, sind schon verurteilt.
Ein Kind in Todesangst
In der Masse der Übergriffe, die teilweise mehrmals pro Woche oder gar täglich geschahen, blitzen beim Vortrag von Staatsanwältin Nicola Nowak schlaglichtartig Informationen auf, die einen Einblick ins Alltagsgrauen des Kindes geben und dessen damalige Gefühlslage erahnen lassen: So sollte der Junge mit dem spanischen Freier über Nacht in einer eigens angemieteten Ferienwohnung bleiben. Es muss Todesangst gewesen sein, die Samuel zu dem ausdrücklichen Wunsch veranlasste, dass Christian L., der vor Gericht mit gepflegtem Spitzbart und in weißer Weste überm schwarzen Hemd erscheint, auch dabei sein sollte – wohl wissend, dass dieser ihn nach den Übergriffen stets selbst noch vergewaltigte. Samuel nahm es in Kauf. Er ahnte wohl, dass sein Stiefvater zumindest Interesse an seinem Überleben hatte – und sei es nur sexuell oder finanziell. Der Spanier etwa zahlte mehrere Tausend Euro als Gegenleistung – und anschließende Ausflüge des Trios mit dem Kind zum Europapark Rust.
Und die Mutter? Das „weiße Blatt“, wie Jugendamt und Familienrichter sie nennen, weil diese trotz aller Auffälligkeiten und Widersprüche keinen Verdacht gegen sie hegten. Später zeigt sich: Während Berrin T. schon längst als Komplizin tief in die Zwangsprostitution involviert war, trauten ihr die Behörden immer noch zu, dass sie allein das Kontaktverbot von Christian L. zu ihrem Kind überwachte. Allein durch einen anonymen Hinweisgeber, der die Polizei auf die Machenschaften des Paares brachte, konnte Samuel aus den Händen seiner Peiniger gerettet werden. Seither lebt er in einer Pflegefamilie.
Die Mutter willigte rasch in den Missbrauch ein
Die beiden Angeklagten könnten unterschiedlicher kaum sein. Christian L. redet, Berrin T. schweigt. Christian L. macht sich wichtig, Berrin T. macht sich klein, „Assi-Tante“ raunt es aus dem Publikum, als sie den Saal betritt. Sie setzt sich erstmal in die zweite Reihe, versteckt sich hinter dem Verteidiger, mit gebeugtem Rücken, was sie noch gedrungener erscheinen lässt. Sie ist bleich, der spärliche Rest ihrer Haare zu einem kleinen Pferdeschwanz zusammengewurstelt. „Eigentlich wollte sie nicht mitmachen“, sagt Christian L.: „Ich habe Druck auf sie ausgeübt.“ Laut Staatsanwaltschaft brauchte es aber nicht viel, bis die Arbeitslose in den Missbrauch einwilligte.
Die Billigung sei rasch einer aktiven Rolle gewichen: Die Frau habe Gefallen an den Handlungen gefunden. Auf ihrem Smartphone fand man auch kinderpornografische Bilder anderer Opfer. Selbst wenn er mit seiner Mutter allein war, konnte Samuel nun nicht mehr vor Übergriffen sicher sein. Oft gab Christian L. dann telefonisch Regieanweisungen. Sie filmte alles und schickte ihm die Aufnahmen. Sie brachte zu den Treffen mit den Freiern in ihrer Handtasche Handschellen und frische Handtücher mit. Sie trug laut Staatsanwältin Nowak wesentlich dazu bei, Samuel gefügig zu machen. Schließlich habe ihre Anwesenheit – zumindest anfangs – eine beruhigende Wirkung auf ihn gehabt. Als er später aber während einer Tat einmal über äußerst starke Schmerzen klagte, herrscht sie ihn an: „Halt den Mund.“ Ein Video dokumentiert wie sich der wehrlose Junge in Selbstgespräche flüchtete. Mit wem sollte er auch reden? Sein Widerstand und Ekel, den er laut Staatsanwältin auch nach bereits langer Leidenszeit erstaunlich klar und mutig zeigte und formulierte, wurde ja immer wieder mit aller Gewalt gebrochen. Die Männer seien Polizisten, log man ihn an. Wenn er nicht mitmache, komme er ins Heim und seine Mutter ins Gefängnis.
Das Opfer verteidigt die Täterin
Angesichts des besonderen Vertrauensverhältnisses zwischen Mutter und Kind bewerte sie die Taten von Berrin T. noch gravierender als alle anderen, hat Samuels Anwältin Katja Ravat im Vorfeld des Prozesses erklärt: „Ich werde die Mutter kritisch befragen, das bin ich meinem Mandanten schuldig.“ Schließlich hatte das Kind offenbar auch in höchster Not seine Mutter eisern verteidigt. Die Staatsanwältin zitiert aus einem Video einen Dialog zwischen Samuel und seinem Vergewaltiger Jürgen W., der sich derzeit ebenfalls in Freiburg vor Gericht verantworten muss.
W: Deine Mutter weiß Bescheid.
S: Sie hat nichts damit zu tun. Sie macht mir immer was zu essen und so.
W: Aber sie weiß Bescheid.
S: Sie weiß Bescheid, aber sie hat nichts damit zu tun. Das ist wirklich die Wahrheit.
W: Hat’s dir gefallen?
S: Nein.
Für beide Angeklagte, betont Staatsanwältin Nowak, stehe nach der Haft die Frage der Sicherungsverwahrung im Raum. Berrin T. hat sich doch entschieden auszusagen. Der Prozess wird am 19. Juni fortgesetzt. Das Urteil wird Mitte Juli erwartet.