Gerade sind die Feldwege nass und matschig im Schurwald – allerdings kam das zu spät. Die Schäden, die Hitze und Trockenheit in den vergangenen Monaten an einigen Bäumen verursacht haben, sind irreversibel. „Wenn man als Spaziergänger durch den Wald geht, denkt man sich, dass der Wald schön grün und gesund aussieht“, sagt der Förster Stefan Grätsch, „aber man muss nach oben schauen.“ Er deutet auf einige alte Buchen, die rechts und links des Feldwegs unterhalb der Kaiserstraße nahe dem Drei-Landkreise-Eck Esslingen, Rems-Murr und Göppingen stehen. „Von Weitem sehen die Bäume schön aus“, sagt Jürgen Sistermans-Wehmeyer, sein Kollege von Forst BW, aber dornengleich ragen aus den sonst schönen Baumkronen tote Äste in den Himmel – betroffen sind hauptsächlich die alten, großen Bäume.
Es sei bei den Bäumen wie bei den Menschen. Im Alter sei man nicht mehr so flexibel und könne sich nicht mehr so schnell auf neue Situationen einstellen. „Eine ausgewachsene Buche braucht ungefähr zwei Badewannen voll Wasser pro Tag“, erklärt Sistermans-Wehmeyer. Sei das nicht verfügbar, sterbe der Baum von oben her ab.
Erst vertrockneten die Blätter. Die sonst durch deren Schatten geschützte Baumrinde werde anschließend von der Sonne geschädigt, eine Öffnung für Pilze und Schädlinge tue sich auf, und der Baum faule von oben nach unten. Die betroffenen Bäume in diesem Waldstück müssten alle gefällt werden. Auch wegen der Nähe zum Waldweg. Mit teilweise 30 Zentimetern im Durchmesser seien die trockenen Äste eine Gefahr für alle Waldbesucher, da sie bei stärkerem Wind schnell abbrechen könnten. Aber der Wald halte dagegen. Ein Stockwerk tiefer stehen bereits die jungen Bäume in den Startlöchern und warten auf ihre Chance, groß rauszukommen. Unter ihnen setzten sich jene durch, die mit den aktuellen Klimabedingungen am besten umgehen könnten. Die Aufgabe der Förster sei, dafür zu sorgen, dass das Mischverhältnis der unterschiedlichen Baumarten bestehen bleibe.
Die jungen Bäume stehen bereit
Die Folgen der Klimaerwärmung stellen die Förster vor ständig neue Aufgaben. Die Erfahrungswerte, auf die man sich früher habe verlassen können, hätten ihre Gültigkeit verloren. Man müsse immer mit offenen Augen durch den Wald gehen und schauen, was gerade passiere und wie man gegensteuern könne. „Wir kommen nicht mehr heraus aus dem Reagieren. Und was wir planmäßig machen wollen, dazu kommen wir kaum noch“, sagt Grätsch.
Eine Aufgabe für alle Generationen
In einem anderen Teil des Waldes, nur wenige Hundert Meter entfernt, kreischen die Kettensägen. Mehrere Waldarbeiter sind gerade dabei, fünf Fichten zu fällen. Die wenigen Nadeln, die noch an den Zweigen hängen, sind rot – Borkenkäfer, deren Verbreitung durch die Trockenheit begünstigt wurde, haben sich daran zu schaffen gemacht. Die beiden Förster reißen Stücke von der Rinde ab und zeigen die farnförmigen Fressgänge der Käferlarven. „In diesem Fall haben wir leider zu spät gefällt“, sagt Grätsch.
Die neuen Käfer seien schon ausgeflogen. Anfang des Jahres sei das Problem durch das nasskalte Wetter noch klein gewesen. Erst bei höheren Temperaturen würden die Tiere aktiv. Im Kreis Esslingen seien die Ausfälle trotzdem überschaubar. Das Geheimnis der Wälder im Kreis gibt Sistermans-Wehmeyer preis: „Die Mischung macht es. Zwar hat jede Baumart ihren spezifischen Borkenkäfer, aber dadurch, dass wir hier schon recht weit sind, was Mischbestände angeht, haben wir nicht diese Flächenausfälle in bestimmten Gebieten wie in anderen Teilen Deutschlands.“ Das sei den „Altvorderen“ zu verdanken. Und die Förster von heute bewahrten deren Vermächtnis und entwickelten es weiter. Die Erhaltung des Waldes sei schließlich Generationensache.