Der Künstler Jan Peter Tripp Ausflug ins Unbewusste

Jan Peter Tripp überlässt nichts dem Zufall und inszeniert sich am liebsten selbst. Foto: Stéphane Spach/cf

Jan Peter Tripp ist ein Grenzgänger mit Zeichenstift und Pinsel. Einst mischte er die Stuttgarter Kulturszene auf. Heute ist er vor allem wegen seiner Porträts bekannt, die über den Realismus hinausgehen.

Ein Winzerdorf im Elsass. Mittelbergheim. Die Häuser aus rötlichem Sandstein, Torbögen, Brunnen. Ringsherum Weinreben, so weit das Auge reicht. In der Rue Principale nistet auf einem Dach ein Storch. Kein Mensch auf der Straße, eine kopfsteingepflasterte Hofeinfahrt neben der andern. Durch eines der Tore geht es in einen Hinterhof, weit hinten liegt versteckt ein Atelier – das von Jan Peter Tripp. Wer ihn hier nicht vermutet, wird ihn nicht finden.

 

Manchmal holt sich Tripp für seine Inszenierungen Besuch ins Haus. Er sagt seinen Gästen, wie sie sitzen oder stehen sollen und wohin sie schauen sollen, um sie dann zu fotografieren. Die Stuttgarter Designerlegende Kurt Weidemann, der Logos für Daimler, Porsche, die Deutsche Bahn und viele andere kreierte, malte Tripp so oft wie sonst niemand: in 34 Jahren 13-mal.

Ihre enge Freundschaft begann in der Stuttgarter Weinstube Widmer, damals ein Zufluchtsort linker Intellektueller, Schauspieler und Künstler. An einem der feucht-fröhlichen Abende – es wird wohl 1977 gewesen sein – war Weidemann in den Sinn gekommen: „Mensch Tripp, mach doch mal ein Porträt von mir!“ Tripp, vormalig Student an der Akademie der Bildenden Künste auf dem Killesberg, wohnte zu dieser Zeit noch im Stuttgarter Westen. Begleitet von ein paar Schnäpsen nahmen sie wenig später das Werk in Augenschein. Auf dem Bild, das Tripp von ihm gemalt hatte, erscheint Weidemanns Mund wie zugenäht, der seitliche Blick fällt prüfend auf den Betrachter. Zunächst saßen sie da und schwiegen. Irgendwann sagte Weidemann: „Ich glaube, ich bin mir selbst abhandengekommen.“ Für Tripp waren diese Worte „das größte Kompliment, das ich jemals bekommen habe“.

Es dauert, bis sein Talent erkannt wird

Jan Peter Tripp war kein blutiger Anfänger mehr. Durch erste Ausstellungen hatte er sich erste Meriten erworben, nicht zuletzt beim Stuttgarter Buchhändler Wendelin Niedlich, bei dem sich die Kulturszene traf. Beeindruckend, ja bahnbrechend waren die 29 Zeichnungen, die er 1973 nach einem Aufenthalt im Psychiatrischen Landeskrankenhaus Weissenau bei Ravensburg präsentierte. Porträts von Insassen, mit Grimassen und entrückten Gesichtern. Ihr Anblick macht bis heute sprachlos.

„Ich male das, was man bei den Leuten nicht sieht“, erklärt Tripp. Meistens mit einem sinnfälligen Aperçu und meistens nicht ohne schalkhaftes Augenzwinkern. Dabei hätte die Kunstwelt diesen Genius fast nie zu sehen bekommen, wenn er dem Ratschlag eines Kunstprofessors an der Karlsruher Akademie gefolgt wäre. Als dieser Tripps Bewerbungsmappe sah, empfahl er dem gebürtigen Allgäuer, er solle doch bei den vielen Seen in seiner Heimat und den Bergen Bademeister oder Skilehrer werden.

Auch in Stuttgart war er an der Akademie zuerst nicht genommen worden. Erst nach einem Vorbereitungskurs an der Freien Kunstschule konnte sich Jan Peter Tripp, der von Kindesbeinen an gezeichnet hatte, im Wintersemester 1968/69 an der Kunstakademie in Stuttgart einschreiben und bei Rudolf Daudert Bildhauerei studieren, um danach zum Meisterschüler für Malerei bei Rudolf Hausner zu avancieren.

Regelmäßig pendelt er nach Stuttgart

1980 zog Tripp nach Mittelbergheim. Stuttgart war ihm zu turbulent geworden, er wollte in Ruhe konzentriert arbeiten. Bei einem Wochenendausflug ins Elsass war er zufällig auf das alte Landhaus gestoßen, an dem die Fensterläden geschlossen waren. Abgelegen am Rand des Dorfs, ein unverbaubarer Panoramablick über Weinberge, ein riesiger, idyllischer Garten. Der Bürgermeister von Mittelbergheim gab ihm die Adresse der in Paris und Straßburg lebenden Besitzerfamilie, die ihren Landsitz verkaufen wollte. Die Sache klappte.

Jan Peter Tripp hat hier die Muße, um sich in seine Arbeit zu vertiefen, oft als Auftragsmaler. Er ist heimatverbunden geblieben, regelmäßig pendelt er nach Stuttgart oder Umgebung. In seinem Mittelbergheimer Atelier entstanden Farbporträts der Ditzinger Unternehmerfamilie Leibinger, von Ex-Mercedes-Chef Edzard Reuter und dessen Ehefrau Helga, vom ehemaligen Arbeitgeberpräsidenten Dieter Hundt mit Gattin, von Ex-Ministerpräsident Lothar Späth, der Jazzlegende Wolfgang Dauner, und, und, und . . .

Nicht jeder Porträtierte ist begeistert

Tripp lernte sie alle näher kennen. Der hagere, meist nach vorne gebeugte Grandseigneur ist ein guter Gastgeber. Mit seiner umgänglichen Art gewinnt er schnell sämtliche Sympathien. Mit den Porsche-Chefs sei er „nicht ganz so warm geworden“. Er malte sie trotzdem. In kindlicher Manier, fast surreal anmutend, beschäftigen sie sich mit einem Spielzeugauto ihrer Marke. Wendelin Wiedeking mit unheimlich wirkenden, aufgerissen Augen und Habachtblick, Wolfgang Porsche mit einem gutmütigen Lächeln.

Zu seinem 50. Geburtstag habe Wiedeking ein Porträt bekommen sollen, es sollte eine Überraschung werden, erzählt Tripp. Der Firmenchef habe ihn aus Zeitgründen nach Zuffenhausen gebeten. Tripp stellte sich als „Reporter aus dem Schwarzwald“ vor, der Fotos machen und mit ihm sprechen wolle. Eine Stunde war vorgesehen, Tripp hatte sein Objekt bereits nach 15 Minuten im Kasten. Beim Verabschieden zeigte sich Wiedeking überaus erfreut: „Sie haben mir ein großes Geschenk gemacht.“ Er habe nun endlich mal in seinem Büro eine Dreiviertelstunde Zeit für sich ganz allein.

Wenig Freude bereitete Tripp hingegen vor 23 Jahren einem Fellbacher Amtsträger. Der scheidende Oberbürgermeister Friedrich-Wilhelm Kiel sollte von ihm in Öl verewigt werden, ein offizielles Auftragswerk. Doch Kiel reagierte irritiert, als er erstmals das fertige Porträt erblickte. „Bin ich das wirklich?“, fragte er angesichts des Gemäldes, das ihn mit schweren Lidern, Doppelkinn und haltungslos zeigt. „Ja“, sagte seine Frau Gretel, „auch das bist du.“ Im Gemeinderat ging es schließlich hin und her. Die Abstimmung ergab, dass das Bild nicht zurückgewiesen und in der Ahnengalerie aufgehängt wurde. Die Kulturamtschefin sprach damals von „gewissen Schrägheiten“, die der Künstler in seine Werke einbaue. Wer sich von Tripp malen lasse, müsse Nehmerqualitäten haben.

Auch ein 93 Jahre alter Schriftsteller, den er in Paris porträtiert hatte, wollte sich in dem Bild von Tripp nicht wiedererkennen. Kein Problem, sagt der Künstler: Bei Auftragswerken vereinbare er stets, dass bei Nichtgefallen lediglich 20 Prozent des Honorars fällig werden.

Ist Tripp ein Provokateur?

Seine detailgenauen Arbeiten sollen nichts Denunziatorisches haben, sagt Tripp. Gleichwohl könne der Dargestellte das Resultat mitunter als Affront auffassen. Tripp, der Provokateur? „Ja“, sagt er, „ich möchte irritieren.“ Wer genau hinsieht, dem entgeht nicht, dass meistens irgendetwas nicht stimmt oder dass es mit dem Porträtierten irgendetwas auf sich hat. Wie bei Lothar Späth, den Tripp in Lebensgröße malte. Nachdenklich steht er in einem Raum mit Tür, helles Licht fällt hindurch. Ansatzweise droht der Ministerpräsident aus dem Bild zu kippen. Die Perspektive ist etwas verrutscht. Der baden-württembergische Ministerpräsident hatte damals noch zwei Jahre im Amt. Kündigte sich das Ende seiner Politikerkarriere in Tripps Porträt bereits an?

Der einst beste Freund und Gefährte, mit dem Tripp in seinem Geburtsort Oberstdorf im Allgäu in die Schule ging, der Schriftsteller W. G. Sebald, vermochte dessen Arbeiten einzustufen wie kaum ein anderer. Tripp habe sich vom polemisierenden Surrealismus in den Anfangsjahren in altmeisterlicher Weise dem Realismus angenähert, befand Sebald. Ohne dass er es verdient habe, in eine Schublade gesteckt zu werden. Und schon gar nicht in die des Fotorealismus.

Jan Peter Tripps Vater, Franz Josef Tripp, hat einst mit seinen präzisen Zeichnungen Kinderbuch-Klassiker wie „Räuber Hotzenplotz“, „Jim Knopf“ oder „Das kleine Gespenst“ vortrefflich illustriert, die Charaktere pointiert in Szene gesetzt. Dem Sohn sollte es später ebenfalls gelingen. Erschienen die Figuren beim Vater eher skizzenhaft, so pflegt Jan Peter Tripp heute den Duktus der flämischen Brüder van Eyck. Mit noch mehr Tiefenschärfe, leichten Verzerrungen und bisweilen seltsam anmutenden Gefühlsregungen der Porträtierten.

Beim Malen hört er Schubert, Monteverdi, Luigi Nono

Tripp malt nicht wie ein Fotorealist ein auf eine Leinwand projiziertes Foto ab. Er fertigt zunächst eine exakte Vorzeichnung an und trägt 30, 40 Farbschichten auf mit Tempera- und Ölfarben. Auf eine monochrome Schicht in einem hellen Grau kommen zuerst weiße und helle Töne für Haut und Gesicht, dann Blau, Rot, wieder Weiß. Manches schimmert Ocker, manches leicht Violett. Ein Farbenwechsel folgt dem nächsten, bis das gewünschte Resultat erreicht ist. Kein Augenschatten entgeht ihm, keine Falte und kein Pickelchen, kein Härchen.

Währenddessen hört er Schubert, Monteverdi, Luigi Nono. Nach kurzer Zeit befindet er sich wie in Trance und merkt später, „dass ich mich beim Malen verloren habe“. Wochenlang arbeitet er an seinen Werken und entfernt sich merklich oder unmerklich von der zeichnerischen Vorlage. Zufall? Es ist sicher mehr, es ist ein Ausflug ins Unbewusste. Tripp interpretiert die Wesenszüge. Manchmal malt er sieben Tage pro Woche, vormittags und nachmittags. „Bei aller unfehlbaren Genauigkeit weisen seine Werke über Grenzen hinaus“, konstatierte W. G. Sebald.

Bisweilen trägt Tripp eine Malerkutte, die aus seinen benutzten und gewaschenen Farblappen besteht, von einer Schneiderin zusammengenäht. Der Kittel ist Kult. Dem Sternekoch Vincent Klink, mit dem er im Stuttgarter Literaturhaus gemeinsame Veranstaltungen hatte, schenkte er ein solch seltenes Exemplar. Als ihn Klink während eines Abends in Gesellschaft überstreifte, erntete er Ovationen im Stehen. Tripp schickte er dafür Päckchen mit Spezialitäten und Geräuchertem. Noch fehlt der Gastronom in der Galerie der Porträtierten. Neben Radierungen und Zeichnungen sind bis heute insgesamt rund 500 Bilder entstanden, auch Kafka, Goethe, Robert Walser und natürlich seinem alten Freund Sebald hat Tripp Werke gewidmet. Von seiner Frau, der Grafikerin Justine, und deren Familie gibt es ganze Bilderstrecken.

Viele der Porträtierten sind schon tot. Am meisten fehlt ihm der im Jahr 2011 verstorbene Kurt Weidemann. Jan Peter Tripps Vater war mit 63 Jahren gestorben, in den folgenden Jahrzehnten sei Weidemann so etwas wie ein Vaterersatz für ihn geworden. Nach dessen Ableben gedachte er Weidemann mit einer Persiflage: Tripp gestaltete einen Altar mit dessen roten Lackschuhen, dem Lorgnon, das die Designerlegende immer trug, einem Rechenschieber und einer Pfauenfeder. In Erinnerung an sein wohlsituiertes Wesen, die Eitelkeit und Weidemanns schwäbische Sparsamkeit.

Selbstporträt mit Charles de Gaulle

Tripps parodistische und satirische Ader offenbart sich dem Besucher auch, wenn er in seinem Haus aufs stille Örtchen muss. An der Wand hängt dort beispielsweise eine Fotomontage, die Tripp mit Charles de Gaulle zeigt: Der Künstler wird von dem französischen General (der 1970 gestorben ist) umarmt. Natürlich hat auch dieses Werk eine Geschichte: Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte sich de Gaulle in den Bergen Süddeutschlands aufgehalten und war nach der Befreiung von den Nazis in Oberstdorf in der Nähe von Tripps Elternhaus vorbeimarschiert. Seither fühlt er sich de Gaulle verbunden – auf seine ironische Art natürlich.

In der Einsamkeit des Ateliers hat der Grenzgänger mit Stift und Pinsel ausschließlich Nordlicht, „und damit immer alles unter Kontrolle“. Keine grelle Sonne, keine störenden Schatten. Hier hat Jan Peter Tripp seine Ruhe. Pause macht er im Garten hinter seinem Haus. Dann sitzt er fern von jedwedem Trubel unter einer alten Blutbuche, raucht ein Zigarillo und schaut auf Weinreben, so weit das Auge reicht.

Ausstellung Werke des Künstlers sind vom 20. Oktober bis 17. November bei der Kreissparkasse Esslingen-Nürtingen zu sehen. Die Vernissage in Nürtingen im Fritz-Ruoff-Saal, Kirchstraße 16, beginnt am 20. Oktober um 19.30 Uhr.

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