Der schwäbische Sinatra-Interpret Wolfgang Seljé aus Stuttgart „Sinatra würde sagen: ‚Großartig!‘“

Der Entertainer Wolfgang Seljé ist ein Mann mit vielen Talenten. Foto: Andreas „Bär“ Läsker

Aus „Strangers in the Night“ wird bei ihm „Schengat se mr Zeit“. Seine Texte, sagt der Musiker Wolfgang Seljé, 60, hätten durchaus eine Botschaft, wenn auch eine andere als das Original.

Lokales: Tom Hörner (hör)

Stuttgart - Im Interview erzählt der Stuttgarter Entertainer und Sinatra-Interpret Wolfgang Seljé, warum er manchmal einfach Schwäbisch singen muss.

 

Herr Seljé, wie kommt ein Schwabe zu dem schönen Nachnamen Seljé?

Ich vermute, dass wir von den Hugenotten abstammen. Aber sicher weiß ich es nicht. In Finnland gibt es eine Stadt, die so heißt. Und bei Ikea ein Tischle. Ich bin mit dem Namen glücklich: Er klingt schön und bleibt im Gedächtnis.

Bei Männern werden im Alter die Haare weniger. Bei Ihnen ist das Gegenteil der Fall.

Als ich länger nicht beim Friseur war, sagten mir die Leute: „Das sieht gut aus.“ Seither trage ich diese Frisur, die inzwischen zu meinem Markenzeichen geworden ist. Im Grunde kehre ich zu meinen Anfängen zurück: Als Maler- und Lackiererlehrling hatte ich in den siebziger Jahren auch lange Haare. Damals entstand mein erstes Goodsle.

Das müssen Sie erklären.

Goodsla sind Hits, zu denen ich eine fonetische Entsprechung in Schwäbisch gefunden habe. Die Geschichten sind skurril, aber nicht ganz absurd. Etwa die Story von der reichen Familie Mahle vom Bopser, die einen Jamaikaner adoptierte, der deshalb Bob Mahle hieß. Mehr sei nicht verraten.

Und da hatten Sie als Lehrling eine Eingebung.

Kann man so sagen. Es war die Zeit der Hare-Krishna-Jünger. Da ich den ganzen Tag auf dem Gerüst, dem schwäbischen Grischt, rumgeturnt bin und wegen meiner langen Haare getriezt wurde, fiel mir der Reim ein: „Wenn de net ohständig bisch, schlah de ‘s Grischt na, schneid dr d‘Hoor ra.“ Das war mein Ur- Goodsle.

Wann ging es mit der Musikerkarriere los?

Gesungen habe ich eigentlich immer schon, mit 21 wurde eine Gesanglehrerin bei einem Chorprojekt auf mich aufmerksam. „Sie haben eine tolle Stimme“, sagte sie. „Die müssen Sie ausbilden lassen.“ Also nahm ich klassischen Gesangsunterricht.

Auf Ihrer Homepage steht, Sie seien Sänger, Moderator, freier Redner. Was ist ein freier Redner?

Einer, der sowohl auf Hochzeiten wie auch auf Trauerfeiern spricht. Egal ob Trauung oder Trauer – ich glaube, ich treffe meist den richtigen Ton.

Sie haben früher im Außendienst im Verkauf gearbeitet. Was lernt man da für die Bühne?

Allerhand. Ein Verkäufer muss seine Produkte und sich selbst präsentieren. Er muss sich artikulieren, zuhören können und zuverlässig zu sein. Wobei ich zur Zuverlässigkeit schon früh erzogen wurde.

Sie sind als der Mann bekannt, der Sinatra auf Schwäbisch singt. Inzwischen haben Sie auch ein Udo-Jürgens-Programm. Wie kam’s dazu?

Ich habe Udo Jürgenskurz vor seinem Tod in der Schleyerhalle erlebt. Gut fand ich ihn schon immer. Aber von da an war ich Fan. Seine Stimme war grandios, seine Bühnenpräsenz unglaublich. Und dieser Respekt vor dem Publikum. Der hat jede Rose, die auf die Bühne geworfen wurde, aufgehoben. Mit 80 Jahren. Und es waren viele Rosen.

Sie haben ihn nie kennengelernt?

Nein, aber viel über ihn gelesen. Als er mit seinen Eltern im Alter von sieben in der Oper war, kam er heim, setzte sich ans Klavier und spielte einen Querschnitt aus dem, was er gehört hatte. Was viele nicht wissen: In den siebziger Jahren war Udo Jürgens der erfolgreichste Solokünstler weltweit. Sammy Davis jr. beendete seine Konzerte viele Jahre mit „If I never sing another Song“. Ein Lied, das Udo eigentlich für Frank Sinatra geschrieben hatte.

Dessen Songs Sie ins Schwäbische übertragen.

Kann man so sagen. Die Idee kam mir im Auto, auf dem Heimweg von München. Im Radio lief „Strangers in the Night“, und ich begann, darüber nachzudenken, wie das wohl auf Schwäbisch heißen könnte. Da kam ich auf „Schengat se mr Zeit“. Das funktioniert nur auf Schwäbisch. „Schenken Sie mir Zeit“ hätte auf Hochdeutsch was Forderndes. Im Schwäbischen gar nicht. Da wurde mir klar, zu was der Dialekt in der Lage ist.

Was fasziniert Sie an Sinatra?

Er war einer der größten Sänger, die je gelebt haben. Sein Rhythmus, seine Musikalität, seine Stimme. Er hat unglaublich geiles Zeug gesungen, über 1800 Songs aufgenommen, von dem kein einziger von ihm war.

Was hätte Sinatra über Ihre Schwäbisch-Interpretationen gesagt?

Wenn er die Texte verstanden hätte: „Großartig!“ Meine Texte haben eine Botschaft, wenn auch eine andere als das Original.

Gibt es Leute, die sagen, der macht sich mit seinen Goodsla über Popsongs lustig?

Ganz selten. Manche sagen: „Seit ich dich kenne, kann ich gar nicht mehr Radio hören. Wenn ‚Yesterday‘‘ von den Beatles läuft, höre ich ‚Eschter gseh‘“. Der Witz besteht ja gerade in der Fallhöhe.

Sie sind auch schon mit Musikern der SWR-Big-Band aufgetreten.

Stimmt, das war unglaublich. Ich hatte beim Sender angefragt, ob die so was machen, und musste zu einem Vorsingen. Das war das erste Mal, dass ich so richtig Lampenfieber hatte. Mit so einer Band im Rücken hebst du ab. Mit der SWR-Big-Band habe ich dann bei einem Gala-Abend in der Reithalle „Sinatra-Classics“ präsentiert. Und genau das will ich jetzt am 31. Oktober nach einer langjährigen Pause wieder machen – wenn auch mit anderen Musikern. Ich freue mich wie ein kleiner Bub darauf.

Sie treten bei Firmenfeiern und Geburtstagen auf. Was macht mehr Spaß?

Zu privaten Feiern sing ich am liebsten. Eher schwierig sind Firmenweihnachtsfeiern, weil nicht alle so ganz freiwillig da sind. Einmal habe ich vor 200 IT-Experten gesungen. Bis zum Schluss herrschte Totenstille, kein Mensch hat gelacht. Hinterher dachte ich, da sollte ich mich besser beim Chef entschuldigen. Doch der sagte nur: „Alles gut, die waren total begeistert.“

Im kurzen Vorgespräch sagten Sie, Sie hätten nicht nur eine musikalische Message. Wie lautet die andere?

Meine Botschaft richtet sich an Männer ab Mitte 40. Mit meinem letzten Arbeitgeber hatte ich vereinbart, dass ich meine Arbeitszeit Step by Step reduzieren kann. Das Ziel war, mich meiner eigentlichen Berufung zuwenden und damit einen zunehmenden Teil meines Lebensunterhalts verdienen zu können: der Musik. Das hat wunderbar funktioniert. Ich kann dieses Modell nur zur Nachahmung empfehlen.

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