Thaibox-Trainer Ralf Hasenohr aus Singen Schule des Respekts
In Singen üben sich Jungen und Mädchen im Thaiboxen. Doch dem Trainer Ralf Hasenohr geht es um viel mehr als nur um Sport.
In Singen üben sich Jungen und Mädchen im Thaiboxen. Doch dem Trainer Ralf Hasenohr geht es um viel mehr als nur um Sport.
Es ist selten, dass Kinder nach Einbruch der Dunkelheit in die Schule drängen. In Singen am Hohentwiel kann man dieses ungewöhnliche Phänomen beobachten: Sechsjährige zerren ihre Mütter in den Keller der Tittisbühl-Schule, weil sie es kaum erwarten können. Die Atmosphäre in der Sporthalle ist munter. Schnell verwandeln sich die Kinder in Sportler, aufgeregt scheuchen sie sich über die Matten, mit denen der Raum ausgelegt ist. Erst als Ralf Hasenohr den Raum mit vielfältigem Hallo und Verneigen betritt, wird es ruhiger. Die Mütter schauen ihm erwartungsvoll entgegen, die Väter, die meisten mit gestutzten Vollbärten, nicken ihm zu. Auf ihn kommt es an.
Ohne Hasenohr gäbe es diesen Auflauf inmitten der Industriestadt Singen nicht. Die Schulhalle ist sein Wohnzimmer, die Kinder und Jugendlichen betrachtet er als seine Schützlinge. Der Mann hat sich dem Thaiboxen verschrieben. Er zählt 59 Jahre, seine Boxkarriere ist mit Titeln gekrönt, hat ihren Zenit aber überschritten. Ihm geht es um anderes: Er bringt anderen diesen Kampfsport bei – und alles, was dazugehört. Das Zweite scheint ihm bedeutsamer zu sein. Nicht Schlagtechnik oder Verteidigung, sondern das Einlernen ziviler Tugenden steht im Vordergrund. Er sagt es schlicht und ergreifend so: „Bei mir kommen junge Menschen auf den richtigen Weg.“
In Südbaden gilt Singen als sozialer Brennpunkt. Mehr als die Hälfte der Einwohner bringen einen Migrationshintergrund mit. Das unterscheidet die Stadt unter der Ruine des Hohentwiel von anderen Gemeinden im Landkreis. Radolfzell liebt es behäbig bis bürgerlich, Konstanz ist teuer und kulturbeflissen. Singen gibt die Arbeiterstadt, es liegt auch nicht am Bodensee. Wenn es in die Schlagzeilen kommt, dann wegen PS-Protzern, die sich dort zum Schaulaufen und Gasgeben treffen.
Vor diesem Hintergrund betreibt Ralf Hasenohr seinen Club fürs Thai-Boxen. Zu ihm kommen Kinder aus Familien, für die Ballettunterricht oder ein eigenes Pferd nicht infrage kommen. Die Preise im Club setzen am unteren Rand an. Der Besuch der Einrichtung ist fast geschenkt: Die Bambini, die Jüngsten also, zahlen 20 bis 30 Euro im Monat. Dafür können sie dreimal in der Woche antreten und ihre Kräfte erproben. Spielerisch treffen die Jungen und Mädchen. Sie schlagen auf den Gegner ein, ohne ihn zu verachten.
An der Wand stehen lange, niedrige Bänke. Sie sind maximal unbequem, und die Erwachsenen kauern sich dort und verfolgen das Treiben mit spitzen Knien. Es riecht nach Schweiß, nur gelegentlich zieht eine Wolke Patschuli vorüber wie eine Verheißung. Hasenohr, dieser Thaibox-Veteran und Integrationsmensch, ragt aus dem chaotisch wirkenden Treiben heraus. Er ist mittelgroß und bullig. Die Jahrzehnte der asiatischen Kampfkunst haben ihn geprägt. Erst Karate, dann Thaiboxen, beides vertieft durch ungezählte Aufenthalte im Fernen Osten, um dort bei den großen Meistern zu lernen. Am heutigen Abend geht es ums Fallen, und es ist schon fast wieder symbolisch, wenn der Trainer darüber spricht. „Ihr müsst das Fallen lernen“, sagt er einem Jungen in der roten Sporthose, „wer nicht richtig fallen kann, wird auch nicht siegen.“
Was er mit seinen klugen Worten meint, übt er sogleich mit den Kindern ein. Er zeigt den zierlichen Jungs, wie man auf den Rücken rollt, ohne sich zu verletzen. Dann dürfen ihn die Kleinen mit einem technischen Trick flachlegen. Elegant fällt Hasenohr und schnellt gleich wieder hoch. Die Kinder sind begeistert: Nur durch Technik und Köpfchen haben sie einen schweren Mann auf die Matte gelegt. Einer von ihnen hüpft von einem Bein aufs andere, ist begeistert über seine Leistung. Kleiner Mann überwindet großen Mann. Und der große Mann fällt so, dass es nicht wehtut.
Wie ein Walfisch bewegt er sich im Aquarium seiner Boxschule. „Das ist mein Leben“, sagt er beiläufig. Sein Interesse an diesem Zentrum ist uneigennützig. Mit den niedrigen Gebühren können der Verein und er neue Handschuhe oder Pratzen kaufen – jene Schlagpolster, mit denen Schläge beim Training abgefangen werden. Mehr aber nicht. Er mache damit kein Geld, sagt er. Seinen Lebensunterhalt verdiene er als Fahrdienstleiter in der Schweiz. Wolfgang Wissler, der früher auch hier boxte, sagt über ihn: „Bei Ralf sind immer alle gleich. Ob Weltmeister oder Anfänger, das macht für ihn im Grunde keinen Unterschied.“
Seit 20 Jahren trainiert der Club im Keller der Schule. Dazu bedurfte es einiger Überredungskunst, doch mittlerweile sind die Thaiboxer eine feste Größe in Singen. Das hat auch damit zu tun, dass immer mehr Mädchen darauf aufmerksam werden oder von ihren Eltern dorthin geschickt werden. Anders als in manchen Asia-Thrillern suggeriert, wo drahtige Männer mit den Zehen voraus den Gegner anspringen, haben Frauen längst die männliche Bastion gestürmt. Das will auch Hasenohr. Faustkampf, sagt er, sei kein männliches Privileg.
Nicole arbeitet als Co-Trainerin mit. Die Kinder haben Respekt vor ihr. Jungs mit arabischen Namen hören ihr gespannt zu. Damit fängt es an: Achte den anderen, höre ihm zu. „Mir ist inzwischen egal, was andere darüber denken“, sagt die 15-Jährige. Thaiboxen hat ihr Selbstwertgefühl gesteigert. „Wenn ich hier bin und trainiere, löst das Glücksgefühle aus.“ Ihr ist schon klar, dass andere Jugendliche ihre Freizeit anders verbringen. Das ficht sie nicht an. Sie bekennt sich zu einer gesunden Lebensweise. Den Tag und die Woche organisiert sie um das Training herum, das bildet ihr Lebenszentrum. Wenn sie will, dann kann sie auch am Wochenende in die Halle, um sich an schweren Säcken abzurackern oder mit den Fäusten auf die Pratzen zu dreschen.
Sechs Teenager unterstützen an diesem Tag ihren Trainer. Nicole, Susanna, Julia, Mercy, Julja, Sarah. Sie knöpfen sich einzelne Kinder vor und drehen mit diesen Runden oder helfen ihnen in die klobigen Fäustlinge. Schminken? Kein Thema für sie. Bereitwillig arbeiten sie ihr Pensum ab. Mit der Barbie-Welt hat diese dampfende Sporthalle wenig zu tun. Vor sechs Jahren geriet Julia in den Bann der Thai-Welt, für die kräftige Frau war das die richtige Entscheidung. „Seitdem bin ich selbstbewusst geworden“, sagt sie. Früher wollte sie im Sommer nie kurze Hosen tragen. Sie traute sich nicht. Das hat sich geändert, seitdem sie boxt. Sobald es warm ist, schlüpft sie in ihre Shorts.
Den Gemütsmenschen Hasenohr freut das. Wenn er nicht von Medaillen schwärmt und die nächste Thailandreise plant, um dort die eminenten Thai-Meister zu treffen, schwärmt er von seinem Club. Seine Rolle dort hat er sich nicht ausgesucht – eher hat die Aufgabe ihn gefunden. Er bringt Menschen außerhalb von Schule und Verein zusammen, und das in einer Sportart, die so wenig deutsch ist wie Chopsuey. „Ich bin mehr Sozialarbeiter wie Trainer“, sagt er, „das hat sich so entwickelt.“ Was das konkret heißt? Für manchen Sprössling nimmt er die Rolle eines zweiten Vaters ein. Die Kinder breiten ihre Sorgen aus. Manches Elternpaar, das mit dem Flüchtlingsstrom 2015 ins Land kam, begleitet er zum Elterngespräch in die Schule. Unter der Hand erfährt er manches, was die jungen Amateure zu Hause nicht brühwarm erzählen. Die Eltern unterstützen ihn, und damit akzeptieren sie auch, dass Frauen und Männer in Deutschland gleichberechtigt sind. Dass ein Mädchen genauso kurze Hosen tragen kann wie ein Junge.
Zum Beispiel Sarah, eines der Talente im Singener Club. Der zierliche Teenager mit dünner Goldrandbrille und Zahnspange übt hier schon lange. Mit fünf Jahren zog sie erstmals Fäustlinge über. Ihre kindliche Sanftmut verfliegt, sobald Sarah in den Kampfmodus wechselt. Mit erstaunlicher Wucht richtet sie ihre Schläge gegen die Gegnerin. Jeden Tag betritt sie die Halle zum Training. Das Viereck mit Ring, Matten und Schutzausrüstung wurde auch ihr zweites Wohnzimmer. Noch etwas sagt sie: „Ich will mich auch selbst verteidigen können.“ Diesen Satz hört man auch von den anderen jungen Frauen – sie wollen sich wehren können, falls es rumpeln sollte.
Das Training ist ein dynamisches Gebilde, ein Kommen und Gehen. Erschöpfte Grundschüler werden von Müttern abgeführt. Die Kinder haben jetzt die nötige Bettschwere, das sieht man ihnen an. Einige Väter warten vor der Tür und rauchen eine Zigarette. Bald weht die nächste Gruppe zum Training herein. Je später der Abend, desto älter die Sportler. Hasenohr, der Familientherapeut, begrüßt und verabschiedet mit dem Wai-Ritual; dabei werden die Hände in Brusthöhe gefaltet, gleichzeitig der Kopf nach vorne geneigt. Im Boxclub gehört dieses Ritual zu den ersten Dingen, die alle lernen. Wai steht für Respekt und Wahrnehmung. Auch der sportliche Gegner wird mit dieser Geste bedacht – erst recht dann, wenn er verloren hat. Der Trainer sagt: „Das ist eine der Regeln hier: Achte jeden und achte gerade den Schwächeren.“
Eine Familie geht nach Hause, der Sohn schaut an seinem Trainer hoch. Im breiten Badisch spricht Ralf Hasenohr. Von Müdigkeit keine Spur, er tigert zurück in die Hallenmitte, wo inzwischen kräftige junge Männer lostraben wie ungestüme Fohlen. Da will der Thai-Haudegen mitkommen. Der Abend ist noch lange, und der Boxerhimmel steht offen wie selten.